Was der Seele gut tut

Wasser und Wein

„Conserve water, drink wine“ – steht auf dem Lieferwagen eines Weingärtners an meinem Heimatort. Typisch für eine Gegend, in der viele im Voll- oder Nebenerwerb mit dem Weinbau beschäftigt sind. Freilich, die Elemente Wasser und Wein haben ihre je eigenen Qualitäten: Wasser ist lebensnotwendig, Wein nicht; mit Wein hingegen lässt sich ein festlicher Anlass veredeln, während bloßes Wasser hier eher karg und knauserig wirkt.

Joh. weiß von beidem Geschichten zu erzählen: von der Lebensnotwendigkeit des Wassers (vgl. Kap. 4 oder 7,37f) wie von der festlichen Note des Weines (vgl. die Predigtperikope 2,1-11).

Becher der Freude, Kelch des Heils

In der Tradition des Abendmahls, ausgehend von der Passahüberlieferung spielt der Wein als symbolisches Element eine wesentliche Rolle. Im Passahmahl ist er klar als „Becher der Freude“ und damit als Festgabe bei der Feier der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten konnotiert. Das hat sich in der christlichen Abendmahlsüberlieferung etwas überlagert durch die symbolische Verbindung mit dem Blut Christi als Moment seiner erlösenden und lebenspendenden Hingabe, klingt aber im „Kelch des neuen Bundes“ in der Fassung bei Lk. zumindest mit an (22,20).

Die durch Corona bedingten Hygienemaßnahmen lassen es wahrscheinlich kaum zu, den Gottesdienst am 17. Januar 2021 als Abendmahls- oder Eucharistiegottesdienst zu gestalten – schön und angebracht wäre es von der Perikope allerdings schon.

Mangelerfahrungen

Wie der Leittext am Ende des vergangenen Kirchenjahres (Mt. 25,1-13 – „Das Gleichnis von klugen und törichten Jungfrauen“) so schildert auch dieser Perikopentext eine Erfahrung des Mangels. Dort ist es das Öl, das einigen der Brautjungfern ausgeht, und der Mangel an Nachschub, der schließlich dazu führt, dass sie den festlichen Einzug des Bräutigams verpassen. Hier sind Braut und Bräutigam bereits vereint, doch während der Feier der Hochzeit wird der Wein knapp. Verweist jenes Gleichnis mit der Erfahrung von Knappheit u.a. an die umsichtige und rechtzeitige Bevorratung, um im entscheidenden Augenblick nicht „unvorbereitet“ dazustehen, so geht es hier um die Endlichkeit von Ressourcen und damit um die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten, für eine echte Fülle zu sorgen.

Es ist vielleicht gut, dies in der Predigt zunächst einmal zu problematisieren, bevor die joh. Lösung präsentiert wird: Wir leben in einer Welt endlicher Ressourcen, auch wenn es uns – besonders in der westlichen Hemisphäre – bisweilen schwer fällt, das zu realisieren. Und wo bei uns nicht die Erfahrung des Mangels, sondern eine Überfülle vorherrscht – zumindest materiell gesehen –, da geht das notwendig auf Kosten anderer, seien es andere Bewohner in anderen Teilen der Erde oder spätere Bewohner dieses Planeten, denen damit ein Maß an Begrenzung zugemutet wird. Doch der Schnitt geht inzwischen auch mitten durch unsere Gesellschaft: Armut und damit Erfahrungen des Mangels nehmen hierzulande zu.

Der „Wein ewiger Freude“

Es ist mir wichtig, diesen Aspekt mit zu reflektieren, auch wenn die Geschichte aus Joh. 2 die soziale Dimension von Mangel und Fülle nicht direkt im Blick hat. Der Fokus liegt ja auf dem Zeichencharakter des Weinwunders, d.h. hier auf dem Offenbar-Werden der Herrlichkeit Jesu. Das lässt die Erzählung selbst gleichnishaft erscheinen und eröffnet den Weg hin zu einer spirituellen Deutung (ähnlich wie beim „Brot“ oder dem „Wasser des Lebens“): der „Wein der ewigen Freude“ macht uns bewusst, dass wir auch in dem, was unserer Seele „volle Genüge“ verschafft, ganz auf Gott bzw. Jesus Christus angewiesen sind. Er vermag im Übermaß zu schenken, was mir in meinem Leben nicht nur not, sondern auch gut tut – und das führt in eine Grundhaltung der Dankbarkeit.

 

Lieder

EG 66 „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“

EG 398 „In dir ist Freude“

EG 305 „Singt das Lied der Freude über Gott“

Ps. 116 (EG 746)

 

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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