No risk, no fun

Drei Anliegen treiben den Apostel Paulus im Blick auf das Verhalten der Christen in Rom um: ihr Verhältnis zu sich selbst, zur Gesellschaft und untereinander. Dabei schlägt er einen Ton an, der zunächst befremdet.

Gebt eure Leiber als ein Opfer hin!“

Was macht diese Aufforderung so schwer nachvollziehbar? Wir leben in einer Risikogesellschaft. Das führt dazu, dass die Angst im Lebensgefühl vieler Menschen eine dominierende Rolle spielt. Geprägt von der Angst, sich selbst zu verlieren, sind viele lebenslang auf der Suche nach sich selbst. Die Aufforderung des Paulus, sein Leben als Opfer hinzugeben, kann angesichts dieser seelischen Befindlichkeit nur als radikale Verkürzung des eigenen Lebens empfunden werden. Außerdem zeigen Fernsehbilder immer wieder, welche perversen Auswirkungen Parolen besitzen, die zum Verwechseln ähnlich klingen. Paulus geht es aber nicht um ein Opfer, das uns selbst und anderen Menschen den Tod bringt. Vielmehr hat er ein Opfer vor Augen, aus dem Leben für uns selbst und für andere erwächst. Deshalb spricht er von einem „lebendigen Opfer“.

Damit hat Paulus ein neues Kapitel in der orientalischen Religionsgeschichte aufgeschlagen: Schluss mit dem Schlachten und Verbrennen im Kultus! Ziel ist ein „vernünftiger Gottesdienst“. Allerdings hat diese kultische Revolution auch eine Kehrseite. Seitdem reicht es nicht mehr, nur einen Teil der eigenen Existenz für Gott zu opfern. Paulus will, dass wir unser ganzes Leben in all seinen Beziehungen Gott zur Verfügung stellen. Es braucht Zeit, bis ein Mensch begreift, dass das Herausgehen aus sich selbst nicht zum Selbstverlust, sondern zum Selbstgewinn und zu gesteigerter Lebensintensität führen kann: „no risk, no fun!“

Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“

An vielen Stellen fordert das NT dazu auf, Distanz von der Welt und ihren Maßstäben zu halten. Die urchristliche Gemeinde versteht sich als Kontrastgesellschaft: ihre Glieder sind wie Pilger in der Welt. Wiederum ist es verständlich, warum der Ruf zur Unterscheidung von den Maßstäben der Gesellschaft nicht leicht Gehör findet. Das Leben voll auszukosten ohne Rücksicht auf andere, prägt die Luft, die wir atmen. Paulus fordert zu einem Bewusstseinswandel auf: Alles, was du nur für dich tust, ist sinnlos und darum unwichtig. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich ein solches Umdenken nicht einmal als unvernünftig. Auch heute kann jede und jeder die Erfahrung machen, dass man mehr davon hat, wenn man etwas für andere tut, als wenn man nur an sich selbst denkt. Es bereitet großes Vergnügen, anderen zu helfen.

Niemand halte mehr von sich, als es sich gebührt!“

Paulus zeigt, wie die christliche Gemeinde beschaffen sein muss, damit die Hingabe der Leiber zum Opfer und die Erneuerung des Denkens ihrer Mitglieder gelingen können. Theologischer Grund dafür ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch begabt ist. Die Gemeinde lebt nicht von der Vollmacht einiger weniger religiöser Spezialisten! Paulus schreibt der römischen Gemeinde ins Stammbuch: Die Charismen sind so unterschiedlich wie die Glieder an einem Leib – predigen, diakonisch tätig sein, lehren, Seelsorge üben, mit Geld unterstützen, die Gemeinde leiten, trösten. Kein Wort von spektakulären Geistesgaben wie im 1. Kor. Auf der Unterschiedlichkeit der Gaben beruht die Lebendigkeit der Gemeinde.

Ohne Planung, ohne Interesse am Charisma bleiben die Begabungen des „ganz normalen Gemeindeglieds“ unentdeckt, unentwickelt und ungenutzt. Darum ist zu überlegen: Wie können christliche Gemeinden zu einem Erfahrungsraum für die Charismen werden? Wer hilft, dass Begabungen entdeckt bzw. zugesprochen werden? Wer ermutigt gerade junge Menschen zum Einbringen ihrer Begabungen? Wie wird im Gemeindeleben das Zusammenspiel der unterschiedlichen Begabungen sichtbar?

Peter Zimmerling

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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