Verzicht auf die Durchsetzung eigenen Rechts

Barmherzig“ oder „Gnadenlos“?

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Jahreslosung 2021 kommt schlicht daher. Sie ist es aber nicht. Das Wort „barmherzig“ erschließt sich selbst geübten Predigthörern und -hörerinnen kaum umfassend. Vielen, zumal jungen Menschen, dürfte es fremd sein. Es kommt im alltäglichen Sprachschatz nicht vor. „Unbarmherzig“ schon eher: Wer unbarmherzig ist, kennt keine Gnade. „Game of Thrones“ und seitdem manche Streaming-Serie sprechen eine eindeutige Sprache, die jungen Leuten vertraut ist und auf die sie ansprechbar sind.

Vatererfahrungen

Das andere schwierige Wort ist „Vater“. Vaterbindungen und Vatererfahrungen gibt es so viele, wie Hörende in der Kirche oder am Bildschirm. Warum sollte ein Vater per se barmherzig sein? Die Realität ist eine andere. Die Predigt wird nicht darum herum kommen aufzuzeigen, dass es um Gott, den Vater Jesu Christi geht, der seine Barmherzigkeit im Reden und Handeln Jesu unter den Menschen sichtbar gemacht hat und dadurch auch „unser Vater im Himmel“ geworden ist. Davon erzählen Krippe und Kreuz und viele Taten und Worte Jesu dazwischen.

Kann Gott auch anders?

Die Predigt wird sich also mit der Barmherzigkeit Gottes befassen und davon menschlich-christliches Handeln ableiten. Wem der Weg über Unbarmherzigkeit und Gnadenlosigkeit als Negativfolie nicht gefällt, mag von Anfang an von den großen Taten Gottes erzählen, die dem Menschen Leben und Lebensraum geben und erhalten.

Kann Gott auch anders? Jedenfalls nicht der Gott und Vater Jesu Christi. Denn darin liegt ja gerade seine große Barmherzigkeit, dass er sich dem Menschen grundlos und ohne Vorleistung, ja geradezu trotz aller dagegen sprechenden Gründe liebevoll zuwendet.

Grund der Barmherzigkeit indes ist Liebe, die sich durch nichts beirren lässt. Dennoch lässt sich Barmherzigkeit nur durch das Recht erklären, anders zu handeln. Wer barmherzig ist, lässt Gnade vor Recht ergehen. Er hat das Recht auf seiner Seite, aber er setzt es nicht durch – um einer anderen Gerechtigkeit willen, um der Liebe willen, oder damit sein „Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“.

Die (liturgische) Bitte um Erbarmen setzt das Bewusstsein voraus, solches Erbarmen nicht zu verdienen, und knüpft an die Zusage Gottes zur Vergebung an, die in Kreuz und Auferstehung begründet ist.

Christliche Barmherzigkeit

Wenn die Jahreslosung dazu auffordert, barmherzig zu sein, geht es also nicht um ethisches Handeln, sondern um Verzicht auf die Durchsetzung eigenen Rechts. Der Beste wird auch dann in Frieden leben, „wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, weil seine „Gerechtigkeit besser ist“ als die anderer Leute.

Die Verse rund um die Jahreslosung zeigen den Kontext auf, in dem sich christliche Barmherzigkeit bewähren soll: Feindschaft, Vergeltung, Gewalt, Eigentum, Hilfeleistung, Egoismus, Verurteilung, Diffamierung. Das ist zu viel, um in nur einer Predigt ausgebreitet werden zu können, bietet aber je nach Predigtsituation Beispiele zur Vertiefung und genügend Anlass aufzuzeigen, warum es so schwer ist, barmherzig zu sein wie „unser Vater im Himmel“. Und dies umso mehr, als in Zeiten der Pandemie und eines rauer werdenden Klimas in Debatten zwischen widerstreitenden Menschen und Meinungen jegliches Gespür für Barmherzigkeit auf der Strecke bleibt. Die geforderte Barmherzigkeit schließt aber gerade diejenigen ein, die anders sind, anderer Meinung, unbequem, querdenkend, gewalttätig, rücksichtslos, demokratiefeindlich. In der notwendigen Auseinandersetzung barmherzig zu sein heißt, niemanden als Mensch und Geschöpf Gottes zu verurteilen oder zu verdammen, in der eigenen Haltung klar zu sein, sie aber nicht mit Gewalt durchzusetzen.

und die Barmherzigkeit gegen sich selbst?

Auch wenn die Jahreslosung und ihr Kontext nichts darüber sagen: Christenmenschen dürfen barmherzig auch gegen sich selbst sein. Die eigenen und die Ansprüche und Erwartungen anderer haben kein Recht an ihnen. Ein unbarmherziges Umfeld muss nicht zu eigener Unbarmherzigkeit führen.

Barmherzigkeit setzt Liebe voraus. Liebe aber ist anfällig für Zweifel, Enttäuschung und Resignation. Sie braucht die beständige Rückbindung an die Liebe Gottes, des barmherzigen Vaters, an die Zusage von Vergebung und Versöhnung.

 

Andreas Kahnt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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