Was wird aus uns werden?

Eine Art Verfilmung des Jesaja-Wortes

Wir werden immer schöner. Glänzende werden wir. Wer sagt das? Der Prophet Jesaja und der Philosoph Francois Cheng und das Märchen „Drei Nüsse für Aschenbrödel“. Das arme Aschenbrödel sitzt in der Asche und sie wird zu dem, was sie wirklich ist, eine Prinzessin. Sie wird Festkleider tragen. Die, die im Finstern sitzt, wird zur Leuchtenden. Und schon mitten im Finstern zeigt sich die Schönheit Aschenbrödels, ihr Wesen ist freundlich, ihre Augen leuchten.

Dieser Film wurde zu einer Art Kultfim. Denn es tut gut, zu sehen, dass es das gibt, Herrlichkeit und Licht gehen auf über denen, die im Finstern sitzen. Dieser Film verfilmt in gewisser Weise die Jes.-Verse in europäischer Variante. Jes. beschreibt in orientalischer Fülle die wundersame Verwandlung. Mit Kamelen und Gold und Weihrauch. Dabei ist die Erhebung aus dem Dunkel ins Licht eine mehrfache Bewegung: Der innewohnende Glanz der Gotteskinder läuft dem entgegenkommenden Licht entgegen und das löst ein weltweites Herbeilaufen aus. Die Schönheit Jerusalems und des Volkes Gottes besteht auch in offenen Toren. Sie leuchten mit lichten Taten.

 

Wir werden immer schöner“

Was wird aus uns werden? „Wir werden immer schöner“, sagt der Philosoph Francois Cheng. Er hat sehr viel Grausames im japanisch-chinesischen Krieg 1936 gesehen und weiß umso tiefer um die große Kraft der Schönheit. Er spricht philosophisch aus, was biblische Verheißungen uns zusagen. Uns wohnt ein Drang inne, uns zu erheben und zu entfalten zu ureigenem Glanz. „Jedes Wesen strebt durch die Zeit hindurch wie eine Blume oder ein Baum beständig zur Fülle seines Glanzes. Jedes Wesen ist fähig zur Schönheit und vor allem von einem Verlangen nach Schönheit durchdrungen. Dabei ist Schönheit kein starrer Zustand. Sie ereignet sich, erscheint.“

Ja, in dem Moment, wo sich ein Wesen aufmacht, sich öffnet: eine Blume für das Tageslicht, ein Mensch für einen Zuspruch von außen, für ein Lob, das im Herzen pocht … Cheng sieht das große Potential von Schönheit auch als politische Wirksamkeit. Darin ist er dem Propheten Jesaja nahe, der verkündet, wie das eigene Licht aufgeht im Tun der Gerechtigkeit (Jes. 58,7.8).

 

Epiphanie als erhebende Kraft

„Mache dich auf, werde licht. Denn dein Licht und die Herrlichkeit gehen auf über dir.“ Die Begriffe „Licht“ und „Herrlichkeit“ gehen ineinander über. Das Licht Gottes ist seine „kawod“ (hebräisch), die „doxa“ (griechisch). Doxa lässt sich auch mit „Glanz“ oder mit „Schönheit“ übersetzen. Was tut sich auf, wenn wir Herrlichkeit als Schönheit Gottes entfalten? Diese ewige Klarheit, dieser bewegende Elan, der alles hervorgebracht, ans Licht gebracht hat, schenkt jedem Wesen einen Elan zum Glänzen.

Womit glänzen wir? Und: Was lässt mich wach werden für diese Schönheit Gottes und meine eigene? Wach werden und bleiben mitten in der Finsternis des Herzens und der Welt? Was berührt mich innerlich so, dass in mir etwas aufgeht? Mein Herz weit wird? Wo ich plötzlich einen Drang verspüre, die Arme in die Luft zu werfen, die Augen aufzuheben (V. 4), mich gut zu finden ohne Bemäkelung. In solchen Lebensäußerungen, Verkörperungen geschieht ja etwas von dem großen Geheimnis der Epiphanie als erhebende Kraft.

„Mache dich auf, werde licht“. Vielleicht kann ich bewusst einladen, nachzuspüren: Wie erlebe ich diesen Vers körperlich. Was tut sich da beim Hören und Lesen? Entsteht da ein körperlicher Impuls, mich aufzurichten? Diesem Impuls der Erhebung folgen, dem folgen, was mich ins Licht zieht. So wird die innere Bewegung zur äußeren Bewegung und die äußere zur inneren.

Wir werden immer schöner. Wir werden immer neu zu Orten der Epiphanie, des leuchtenden Glanzes Gottes. Mitten in der Finsternis. Gottes Epiphanie verbindet sich mit der Leuchtkraft des Menschen. Das geschieht.

 

Lied

EG 539 „Mache dich auf, werde licht“ (evtl. mit einer Gebärde, sich dabei zu erheben, die Arme zu öffnen und ans Herz zu legen)

Literatur

Francois Cheng: Fünf Meditationen über die Schönheit, 2013

 

Thea Vogt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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