Von Konfirmanden lernen

Jesus in der Pubertät

Der Text bringt verschiedene Predigtmotive: Der Hinweis Jesu, dass er sein muss in dem, was seines Vaters ist, kann zur Analyse der Zweinaturenlehre reizen. Das wäre sicher zu theoretisch. Dass Maria alle diese Worte behält und in ihrem Herzen bewegt (Lk. 2,19.33.51), könnte Marias Rolle und Erfahrungen in den Mittelpunkt rücken mit einem Blick auf ihre anderen Erwähnungen in den Evangelien. Oder: Wie ist die Frage des Zwölfjährigen: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ zu verstehen? Als freundliche Erklärung oder spitze pubertäre Gegenfrage?

Jedenfalls entspricht der Text der verständlichen Neugier, wie und ob sich beim heranwachsenden Jesus seine Berufung schon gezeigt hat. Dabei liegt es nahe, das Datum seiner geistlichen Reife, die mit der Fahrt zum Passafest für den Zwölfjährigen gegeben ist, zum Anlass für die Überlegung zu nehmen. Seine Wallfahrt nach Jerusalem ist für ihn so etwas wie für uns heute die Konfirmation.

Da ergibt sich die Chance für eine spannende Predigt. Die Lehrer im Tempel, denen Jesus zuhört und die er fragt, verwundern sich über seinen Verstand und seine Antworten. Warum also nicht unsere Konfirmandinnen und Konfirman-den fragen, wie sie über den Glauben denken und wie sie das Evangelium weitergeben?

 

Eine Umfrage unter Konfirmanden

Eine Umfrage bei Kollegen in St. Laurentius in Nienhagen und in St. Nikolai in Stralsund hat Bemerkenswertes zutage gebracht. Da heißt es über Jesus: „Er ist wie ein bester Freund, dem man alles anvertrauen kann.“ „Er lässt keinen abseits stehen und gibt niemand auf.“ „Er nimmt mich so, wie ich bin.“ „Er hilft.“ „Er ist an deiner Seite.“ „Er macht Mut und gibt Kraft auch in Tiefschlägen.“ „Er zeigt uns, was nötig ist.“ „Er holt uns alle zusammen in seinem Mahl. Niemand ist ausgeschlossen.“

Und so in einer von Konfirmanden gehaltenen Predigt in Stralsund: „Im Glauben werde ich von Gott gestärkt. Der Glaube bedeutet, dass ich das ganze Leben anders betrachte. Ich sehe es mit den Augen Gottes. Ich handle dann vielleicht weiser und sinnvoller und frage mich in manchen Lebenssituationen: Was würde Jesus machen?“

Dazu bringt die Jahreslosung das wichtige Stichwort: Jesus gibt einen kräftigen Impuls für die Praxis der Barmherzigkeit, und er setzt ihr Maß fest.

 

Ein persönliches Schlüsselerlebnis

Ein geistliches Schlüsselerlebnis begleitet mich vom ersten Jahr meines Dienstes an. Es war gerade möglich geworden, mit den Konfirmanden vor der Konfirmation nach intensiver Vorbereitung das Abendmahl zu feiern. Wir bereiteten das in einer dreitägigen Freizeit vor. In der Nacht vor dem festlichen Abendmahlsgottesdienst gab es im Schlafsaal der Jungen mehrfach gellendes Gelächter. Ich stellte fest, dass einer der Jungen dreckige Witze erzählte. Meine Reaktion: „Du nimmst morgen nicht am Abendmahl teil!“ So war es dann auch. Ich blieb hart, obwohl einige aus der Gruppe um Milde baten. Ich ließ ihn beim Abendmahl in der Reihe sitzen bleiben. Danach kam er zu mir und sagte sehr nachdenklich und ernst: „Sie hatten ja recht, wegen heute Nacht etwas zu unternehmen. Aber jetzt habe ich eine Frage: Wenn das stimmt, was Sie da eben in der Predigt und beim Abendmahl gesagt haben, warum durfte ich dann nicht teilnehmen?“

Ich war sehr überrascht und erschrocken. Er hatte mich sozusagen bei falscher Theologie ertappt: Vergebung? Ja oder nein? Ich habe dann sofort reagiert: „Du hast völlig recht! Beim nächsten Mal bist Du dabei!“ Diese Erfahrung hat mich mein Leben lang begleitet, und wir hatten über die Konfirmation hinaus auch immer wieder Kontakt.

Also, von Konfirmandinnen und Konfirmanden lernen. Bei ihnen und mit ihnen auf Entdeckung gehen. Zuhören und staunen wie die Lehrer im Tempel im Gespräch mit dem jungen Jesus.

Bodo Wiedemann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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