Auf der Schwelle

Am Rande des Unbekannten

Die Perikope aus Ex. 13 entstammt den Erzählungen vom Auszug aus Ägypten. In diesem Abschnitt liegt die Knechtschaft schon deutlich hinter den Israeliten, aber die Erfahrung der Freiheit und des verheißenen Landes liegen noch vor ihnen. Die volle Freiheit scheint nicht auf einmal, sondern nur nach und nach und in Etappen erreichbar zu sein.

Die Ortsbezeichnung „Sukkot“ bedeutet „Hütten“ – deutet also auf eine noch „behauste Gegend“ hin. Von hier geht es immer weiter ins Unbekannte, hin nach „Etam am Rande der Wüste“. Hier stehen sie auf einer wichtigen Schwelle.

Der „Klangraum“, in den diese Erzählung hineintönt, ist das alte Jahr auf der Schwelle zum neuen. Zurück liegt das „behauste“ Jahr. Es gehört schon weitgehend der Vergangenheit an. In dieser Nacht geht es zu Ende. Dann geht es hinüber und hinein in einen neuen, unbekannten und unsicheren Zeitraum. Was erwartet uns dort? Wie wird es werden? Lockt die Fremde oder ist sie eher bedrohlich? All diese Fragen schwingen an diesem Abend und in diesem Gottesdienst mit. Für uns als Gesellschaft, aber auch für jede/n ganz persönlich.

 

Gottes Mit-Sein

An dieser Schwelle zum Neuen, Fremden und Unsicheren tritt in der Exodus-Erzählung Gottes Da-Sein in einer neuen Form in Erscheinung: als Wolken- und Feuersäule. Sichtbar bei Tag als Rauch/Wolke und bei Nacht als Feuer. Bewegliche Wegzeichen in einer Gegend, wo es keine Wege, geschweige denn Wegweiser gibt. Es sind Zeichen, in denen Gott seine Nähe rund um die Uhr zeigt und zugleich verhüllt. Im Feuer leuchtet seine Gegenwart und ist doch unnahbar. In der Wolke ist er sichtbar und doch verborgen.

Das hebräische Wort für Säule (amud) kommt vom Verb „stehen“. Jedoch nicht im Sinne eines lokalen Fixiertseins, sondern im Sinne der Verlässlichkeit und des Schutzes, denn ebenso lässt sich „amud“ auch mit „Stütze“ übersetzen.

Spannend zu entdecken war für mich, dass mit dem Bild von der Wolken- und Feuersäule in der Bibel eine neue Seinsweise Gottes auftaucht. In den Geschichten der Gen. hieß es bisher nur, dass ein Mensch „mit“ Gott oder „vor“ Gott geht. Jetzt ist es Gott selbst, der – wenn auch verhüllt – „mit und vor“ seinem Volk hergeht. Eine Spielart von „Immanuel“.

Im Mit- und Vorausgehen Gottes im Hinblick auf das neue Jahr sehe ich ein wichtiges Leitmotiv für den Gottesdienst des Altjahrabends. Und wie den Israeliten damals ist auch uns heute die klare Sicht auf die Herrlichkeit Gottes verwehrt. Er zeigt sich verhüllt seit alters her. Und doch in verlässlichen Zeichen. Worin diese Zeichen bestehen – dem wäre in der Predigt nachzuspüren. Möglich wäre, an das Zeichen des Regenbogens (Gen. 9,12) anzuknüpfen oder an Jesus, das Zeichen Gottes für die Welt. Und sicher gibt es noch weitere Ideen, wo sich Gott als oft völlig verborgen Mitgehender erweist.

 

Landschaft ohne Karte

Als Landschaft, für die es keine Landkarte gibt, könnte das neue Jahr gesehen werden. Mit Chancen und Risiken im Persönlichen. Und immer auch noch mit weltweit vielen „Unwegbarkeiten“ in Sachen Corona-Pandemie und Klima. Bei allen Unsicherheiten – es gibt kein Zurück ins alte Jahr. Da ist es ein Trost, wenn Gott voran- und mitgeht und uns nicht lässt, nicht als einzelne und nicht als Gemeinschaft. Dann darf kommen, was will, dann wird es gut und nichts war umsonst.

Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden

in der Armut eines banalen Lebens.“
Madeleine Delbrêl (1904-1964)

 

Lieder

EG 395 „Vertraut den neuen Wegen“

EG 543 (Württ.) bzw. EG+ 139 „Geh unter der Gnade“

 

Hanna Hartmann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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