Und was ist mit mir?“

Zum Tag des Apostels und Evangelisten Johannes

Der 27. Dezember ist im röm.-kath. Festkalender ein besonderer Feiertag. An ihm wird des Apostels und Evangelisten Johannes gedacht. Kein Thema für Protestanten? Vielleicht schon! Immerhin ist „Johannes“ nicht irgendwer im Heiligenkalender. Als einer der Urzeugen des Evangeliums von Jesus Christus darf er auch in protestantischen Kreisen etwas mehr Aufmerksamkeit erhalten – zumal dann, wenn sein Gedenktag auf einen Sonntag fällt wie dieses Jahr. Und in Zeiten, in denen es ungewiss ist, unter welchen Rahmenbedingungen wir das Weihnachtsfest 2020 feiern, könnte ein Online-Gottesdienst oder ein gottesdienstlicher Videoclip am 1. Sonntag nach dem Christfest willkommen sein. Dazu eignet sich diese Thematik aufgrund des Bilderreichtums besonders.

 

Der Nachtrag zum Nachtrag

Mit Joh. 20,30f ist das Johannesevangelium eigentlich zu Ende. Doch dann folgt ein weiteres Kapitel: ein österlicher Nachtrag mit einer der vielleicht schönsten und berührendsten Auferstehungserzählung. Wir erfahren darin, mit welcher Liebe der Auferstandene dem am Vorabend von Karfreitag gescheiterten Jünger Petrus (dem „Fels“) begegnet und ihm eine neue Lebensperspektive eröffnet.

Und dann gibt es noch einen Nachtrag zum Nachtrag, in dem der Blick auf den Jünger fällt, der dies alles aufgezeichnet hat … Doch wozu dies? Spielt der Abschnitt auf die frühchristliche Rivalität zwischen den „Säulen“ des Christentums Petrus und Johannes an, so wie der in 20,4 geschilderte „Wettlauf“ zum Grab Jesu?

 

Vier herausragende Persönlichkeiten

Am Ende des Joh. werden vier herausragende Persönlichkeiten aus dem engeren Umfeld Jesu präsentiert – gleichsam wie Identifikationsfiguren: Maria von Magdala (20,11-18), Thomas (20,24-29), Petrus (21,15-17) und eben dieser hier, nicht mit Namen Genannte. Jede wäre es wert, in einem eigenen Gottesdienst bedacht zu werden, denn in ihnen spiegeln sich menschliche Grunderfahrungen. Doch heute ist er dran, der große Unbekannte …

 

Eine geheimnisvolle Gestalt

Der namentlich nicht genannte Jünger am Ende ist eine geheimnisvolle Gestalt. Die Überlieferung war sich nahezu von Anfang an sicher, dass hier Johannes, der Zebedaide, gemeint sei. Freilich, auch Lazarus wurde als Verfasser dieses Evangeliums gehandelt; denn auch von ihm heißt es, dass ihn Jesus „lieb hatte“ (11,3).

Das ikonografische Bildmaterial zu dem Jünger, Apostel und Evangelisten Johannes ist reichhaltig und bietet viele Möglichkeiten für einen kontemplativen Bilderbogen. (Bis hin zu der von Dan Brown wirkungsvoll inszenierten Geschichte („Sakrileg“), ob der bartlose Jüngling am Ende eine Frau gewesen sei – womöglich die Frau an Jesu Seite.)

 

Was geht es dich an?“

Im Mittelpunkt der Perikope steht jedoch – genau genommen – nicht „Johannes“, sondern die Beziehung zwischen Petrus und Johannes. Oder anders gesagt, die Frage des Petrus (auf Johannes blickend): „Was wird mit diesem?“ und Jesu etwas barsche Antwort: „Was geht es dich an?“

In der Nachfolge Jesu geht es nicht ums Vergleichen, nicht ums Schielen auf das Glück, das Missgeschick, den Erfolg oder das Scheitern anderer an der Seite Jesu und an meiner Seite; es geht um mich. Ja, man kann und darf unter Christen auch voneinander lernen. Doch das Besondere dieses Abschnitts ist die Botschaft: Mit jedem seiner Jünger hat Jesus eine ganz eigene Geschichte. Die entscheidende Frage lautet also nicht: „Was wird aus ihm?“, sondern: „Was ist mit mir?“ Im nur schemenhaft umrissenen Konterfei des anonymen „Lieblingsjüngers“ Jesu kann ich mich selbst erblicken – als der, mit dem Jesus (s)einen Weg ins Leben gehen will. Und ich kann mich fragen: Was ist in der Nachfolge Jesu meine ganz spezielle Rolle, Aufgabe, Herausforderung? Wo und wie bin ich gefragt?

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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