Die Gnade des Alters

Optionenvielfalt

Der diesjährige 1. Sonntag nach dem Christfest wartet für die Gottesdienstthematik mit einer Optionenvielfalt auf: Zunächst besteht die Möglichkeit, abweichend vom Text aus Lk. auch den „Gedenktag des Apostels und Evangelisten Johannes“ zu begehen. Dazu mehr im nachfolgenden Predigtimpuls.

Aber auch der zugrundeliegende Text aus Lk. bietet mehrere Varianten der inhaltlichen Zuspitzung: Im Mittelpunkt stehen – neben der „Heiligen Familie“ – immerhin zwei weitere Personen, die nur hier Erwähnung finden: Simeon und Hanna. Beide eignen sich für eine schwerpunktmäßige Fokussierung innerhalb der Predigt.

Blickt man genauer auf Simeon, so eröffnet sich auch hier ein differenziertes thematisches Repertoire: Da ist einerseits das erfüllte Warten auf den „Trost Israels“, andererseits das rätselhafte, aber auch schwere Wort, das er an die Mutter Jesu, Maria, zu richten hat.

 

Kontext

Der unmittelbare Kontext der Perikope wird mit den eingeklammerten V. 22-24 und 39-40 umrissen: das nach jüdischem Brauch vorgeschriebene Fest der Beschneidung mit vorhergehender Reinigung. Für die Predigt kann auf die Lesung dieser Passagen verzichtet werden, wenn die Predigt den Rahmen des Geschehens erläuternd paraphrasiert.

Der weitere Kontext ergibt sich aus der Geburtsgeschichte Jesu und der nachfolgenden Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Aber es gibt noch einen Verweisungszusammenhang: Der Lobgesang des Simeon („Nunc dimittis“) bildet gemeinsam mit dem „Magnificat“ der Maria (Lk. 1,46-55) und dem „Benedictus“ des Zacharias (Lk. 1,68-79) einen musikalisch-theologischen Dreiklang. Wer mag, könnte dies in Advent und Weihnachten zu einer kleinen Predigtreihe machen.

 

Simeon und der „Trost Israels“

Die Figur des Simeon erscheint nur an dieser Stelle im Evangelium. Mit der Geburt Jesu tritt er auf – und kann mit ihr auch abtreten. Mit etwas Phantasie kann man sich Simeons Persönlichkeit ausmalen; entscheidend ist die Verheißung, die ihm gegeben ist, Christus den Herrn vor seinem Tod sehen zu dürfen. Das dabei für Simeon möglicherweise Erstaunliche: Er bekommt den Messias zu sehen, aber in Gestalt eines Kindes.

Damit eröffnet sich ein zweifacher Anknüpfungspunkt: Der eine erfasst die Frage nach dem, was ein Leben rundet. Simeon wird oft als ein alter Mann vorgestellt, einer aus der Großvätergeneration. Und er steht, wie manche Alten (und nicht unbedingt nur sie), vor der Frage, was den Lebenskreis schließt, was sich erfüllen möge, um im Frieden ziehen zu können. Eine elementare Frage: Wie möchte ich sterben? Mit welchem Ausblick?

Dass Simeon vor seinem Tod nicht nach einem persönlichen Trost verlangt, sondern nach dem „Trost Israels“, bildet den zweiten Anknüpfungspunkt: Am Ende eines individuellen Lebens stellt sich immer auch die Frage nach dem Leben derer, die bleiben – und das sind vor allem die Enkel oder Urenkel. Dass sich auch unter ihnen, vielleicht gerade dort, eine heilvolle Geschichte eröffnen möge, ist ein wesentlicher Trost für Simeon am Ende seines Lebens und vielleicht auch insgesamt für die Generation derer, die in ihrer letzten Lebensphase angelangt sind.

 

Hanna und die Erlösung Jerusalems

Bei Hanna sind die biografischen Angaben etwas deutlicher konturiert als bei Simeon. Nach einem wohl etwas mühevollen Leben – (tragisch?) kurze Ehe, langer und schwerer Witwenstand (bei den damaligen sozialen Verhältnissen) – hat sie eine Aufgabe für ihre letzten Tage gefunden: Fasten und Beten. Sie nimmt die Zeit, die ihr bleibt, um sie mit geistlichem Leben zu erfüllen. Ich kann mir vorstellen, dass sie ihre Aufgabe darin sieht, für andere und für diese Welt zu beten, sie zu segnen und denen, die zu ihr kommen, prophetische Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Auch das ist eine mögliche Sinnbestimmung im Alter!

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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