Auch für dich geht ein Tor auf“

Weihnachten 2020

Dieses Jahr werden wir Weihnachten anders feiern als wir es bisher kannten. Aber am 2. Christtag werden wir aufatmen und Muße haben, Gott zu suchen und auf sein Wort, das zu uns kommt und zu uns spricht, zu warten. Und das werden wir nötig haben in unseren Ängsten. War der 24.12. in meiner Gemeinde ein Super-Spreader-Event? Ist jemand aus meinem Umfeld an Covid-19 erkrankt? Werde ich meine Arbeit behalten? Halten wir die Belastungen durch Homeoffice, wenig Geld, verbotene Nähe und den vielen anderen Einschränkungen weiter aus?

Vielleicht hat manche Gemeinde Heiligabend in einem Stall gefeiert und Lk. 2 war auf einmal ganz nah. Die Kälte, die Armut, die Unbehaustheit. All das spüren wir durch den Corona-Virus und unsere Ängste in besonderer Weise. Wie wohl klingen da die Worte der Engel. Sie rufen vom Himmel auf die Erde ihr „Fürchtet Euch nicht!“, auf das wir so angewiesen sind.

 

Glanz aus der Höhe

Die Worte des Hebräerbriefs entführen uns aus dem Kirchenschiff genau dorthin, wo die Engel wohnen. Sie lassen uns schauen, was wir erblicken, wenn der Cherub nicht mehr vor der Tür steht. Überschwänglich, überwältigend, unfassbar schön kommt uns das Wort in diesen Worten entgegen. Er ist Gottes Sohn, Erbe des Alls, Schöpfer. In seinem Antlitz leuchtet Gottes Glanz. Er trägt das All, er sitzt zur Rechten Gottes, ist höher als alle Engel. Kein Kind in der Krippe, sondern Pantokrator im Goldglanz orthodoxer Ikonen. Es ist genau dieser Glanz aus der Höhe, der unsere Tiefen auf der Erde ausleuchtet, einen hellen Schein in unsere Dunkelheiten wirft.

Aber ist der, der höher ist als alle Engel, uns nicht zu hoch? Zu erhaben? Abgehoben? Nein, denn das ist ja die Hauptaussage der Verse. Aus der Höhe nimmt Gott mit uns Kontakt auf. Zuletzt in diesen Tagen. Eschatologischer Kairos. Jetzt, hier und heute. Gott redet, ist nah in seinem Wort, das zugleich sein Sohn ist. Und in ihm spricht er eindeutiger, liebevoller, zärtlicher und kraftvoller als je zuvor durch seine Propheten. Weil Jesus als fleischgewordenes, lebendiges Wort Gottes zugleich der Abglanz der Herrlichkeit und Abdruck des Wesens Gottes ist, können wir in Jesu Menschsein die Gottheit Gottes erkennen. Sie verwirklicht sich in all dem, wie Jesus Menschen begegnet. Nahbar, liebevoll, zugewandt, voller Trost. Und wenn er das All trägt, dann trägt er auch dich und mich. Wenn durch ihn alles geschaffen ist, dann werden auch wir in seiner Liebe neu. Wir entdecken uns als Gottes geliebte Kinder, werden eine neue Kreatur, weil Gott durch den Sohn mit uns redet.

 

Kraft aus der Höhe

Damit sein Wort wirken kann, damit es/er wirkmächtig ist, braucht es/er Kraft aus der Höhe und Herrlichkeit. Zum Nah-Sein, zum Lieben und Mitleiden. Zum Trösten und Tragen, zum Neuerschaffen. Darum brauchen auch wir den Blick in die Höhe, das Wort aus der Höhe. Dieser Glanz wird uns gut tun. Weil es so ist, wie Karl Rahner 1954 schrieb:
Gott hat sein letztes, tiefstes, schönstes Wort
im fleischgewordenen Wort
in unsere Welt gesagt.
Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich, du Welt, du Mensch.
Ich bin da: Ich bin bei Dir.


Es ist Weihnacht.
Auch für Dich geht das Tor auf.
In Deiner Nacht leuchtet ein Licht,
das Dein Leben wieder hell macht.
1

„Auch für dich geht ein Tor auf“ – das kann ich predigen. Geschichten erzählen. Davon wie sich Türen öffnen: zum Himmel, aus der Dunkelheit ins Licht, aus der Einsamkeit in ein Miteinander, aus der Angst in die Geborgenheit.

Zur Gestaltung verweise ich auf den Vorschlag von Heidrun Dörken, den Hymnus als Introitus im Wechsel sprechen zu lassen.2

 

Lieder

EG 37,3+4(5) „Ich lag in tiefster Todesnacht“

EG 56 „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“

„Gott spricht zu uns sein schönstes Wort“ (freitöne 108)


 

Anmerkungen

1 Karl Rahner, Kleines Kirchenjahr, 1954.

2 Heidrun Dörken, Das Kind in der Krippe – der Herr der Welt, in: Predigtstudien II, 1. Halbband, 2003/04, 79.

 

Silke Oestermann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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