Gemeinschaft schafft Hoffnung

Szenario I

In unserem Kirchenkreis läuft derzeit der Zukunftsprozess: Wie kann bei sinkenden Mitgliederzahlen, immer weniger Personal und finanziellen Mitteln Kirche so gestaltet werden, dass die Menschen den Pastor auch noch mal live, nicht nur per eMail, Zoom oder Anrufbeantworter erleben dürfen? Die Perspektiven sind negativ. Die Stimmung gedrückt und angespannt. Das Ehrenamt müsse gestärkt werden, geben die Gemeindeberater zum Besten. Doch auch die Ehrenamtlichen schütteln nur noch mit dem Kopf. Mehr geht nicht!

 

Szenario II

Ich treffe einen älteren Herrn auf der Straße. Er ist nun mit seinem Rollator unterwegs und stöhnt über die schlechten Gehwege. Der Mann ist richtig verzweifelt. Früher war er immer ein so lebensfroher Mensch. Der Rollator hat ihn ausgebremst. Nun regnet es auch noch. Seine Jacke ist schon ganz durchgeweicht. Alles Mist!

 

Szenario III

„Hier ist nun Platz für Ihre/für Deine Erfahrungen, heute im Gottesdienst. Ich weiß nicht, ob in Ihrem Leben alles rund läuft. Ich weiß auch nicht, wie Du Weihnachten gefeiert hast. Aber vielleicht ergeht es Ihnen wie mir oder wie dem älteren Herrn. Da jubilieren nicht nur die Weihnachtsengel am Himmel. Fragezeichen türmen sich auf. Sie fühlen sich wie im Regen stehen gelassen – im übertragenen Sinn oder reell …!“ So, oder so ähnlich, kann in der Predigt ein kurzer Impuls angestoßen werden. Es folgt ein Moment der Stille zum Nachdenken.

 

Blitzlicht I

In den Gottesdiensten soll noch nicht gesungen werden. Ich suche nun flotte Musik für meine Konfirmation im November. Auf seiner Auffahrt treffe ich Captain Candy. Captain Candy ist Musical-Gitarrist und singt jeden Freitagabend für die Nachbarschaft einen Song. Er sitzt auf einem alten Barhocker, der Verstärker steht auf der Mülltonne. Ein Geschenk zu Corona-Zeiten. Natürlich kann ich es nicht lassen, Captain Candy anzusprechen. Und: Ich habe Glück. Er singt bei meiner Konfirmation. Als wir uns in der Kirche treffen, stimmen wir ad hoc „Oh Happy Day“ an. Das klingt toll! Ein erhebendes Gefühl. Ich bin glücklich.

 

Blitzlicht II

Der ältere Herr hat sich noch ein letztes Mal aufgerafft. Mit seinem Rollator kommt er zum Seniorenkreis unserer Kirchengemeinde gezuckelt. Dort trifft er auf eine Teilnehmerin mit einem Seniorenmobil. Die Dame fährt nun mit stolzen 15 km/h in ihrem solarbetriebenen Wagen durch die Gemeinde. Lange hielt sie sich für eine schräge Exotin. Plötzlich zeigen alle im Kreis Interesse. Die Stimmung des Rollatorfahrers hellt sich auf. Es gibt wieder Perspektiven! Das tut gut.

 

Blitzlicht III

Gottes Liebe in Jesus Christus wird sichtbar: „Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.“ (V. 10). Jeder Gottesdienstbesucher erfreut sich an einem brennenden Licht auf seinem Platz. Die Kerze darf er mit nach Hause nehmen. Der Weihnachtsstress ist geschafft und alle bringen einen Moment Zeit mit: „Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der HERR wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen.“ (V. 12). So bildet sich beim Herausgehen auf dem Kirchenhof ein lockerer Kreis von Menschen. Die Pastorin zückt ihre Gitarre und stimmt die vertrauten Weihnachtslieder an. Alle singen mit, tragen ihre Lichter in Händen, und die Augen leuchten. Ja, Gemeinschaft schafft Hoffnung! Auch heute noch, oft unerwartet, in diesen verrückten Tagen.

Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.