Heimlich

I

Kaum zuvor seit 1945 war so wenig antizipierbar, wie die Christnacht gefeiert wird. Lange wurde intensiv diskutiert: Was darf, kann und soll stattfinden? Wird gepredigt? In Kirchen, Open-Air oder per Videostream in den Wohnzimmern? Und in welcher emotionalen Situation finden wir uns zusammen?

Ich lese die Perikope zur Christnacht und bleibe hängen an dem Begriff „heimlich“. Er ist etymologisch eng verwandt mit „heimelig“. So wird oft die Atmosphäre an Weihnachten beschrieben. Beide Worte haben ihre Wurzeln im althochdeutschen heimlÄ«h, also häuslich oder einheimisch. Weil etwas dem begrenzten häuslichen Kreis angehörte, entwickelte sich daraus der Begriff „geheim“, als das, was fremden Augen entzogen war.

Heimlich will Josef seine Frau sitzenlassen, so der Evangelist. Aus falsch verstandener und fehlgeleiteter Rechtschaffenheit. Gottes Bote (oder Botin?) aber sorgt dafür, dass Josef umdenkt. Er spricht ihn auf sein „heimliches“ Motiv an: Furcht. Genau das, was fremden Augen entzogen war. So befreit er ihn von seiner unausgesprochenen, ja vielleicht sogar unbewussten, Angst und öffnet einen Weg, wie Maria und Josef gemeinsam Verantwortung für das Leben ihres Sohnes Jesus übernehmen können. Der Evangelist kommentiert, dass Josef auf „Befehl des Engels des Herrn“ gehandelt habe. Tatsächlich aber handelt Josef, weil der Engel mit klarer Argumentation und zugleich einer starken Vision überzeugt. Josef beugt sich keinem Befehlshaber. Er lässt sich gewinnen. Weil er sich in seiner Heilssehnsucht ansprechen lässt. Er bleibt da und lässt Maria nicht alleine. So wird der Name des göttlichen Kindes auch „Gott mit uns“. Immanuel heißt eben nicht „Gott mit mir“.

 

II

Weihnachten lenkt unsere Aufmerksamkeit dahin, dass der Gott, der mit Jesus zur Welt kam, ein Gott ist, der in den Vokabeln „wir“ und „uns“ denkt. Seine Devise: Dableiben und Menschen nicht alleine lassen. In diesem Jahr frage ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass wir das zu leicht und zu schnell vergessen haben. Wie viele Menschen sind in der Pandemie „den Augen entzogen“ gewesen und alleine geblieben. Als Theologe in der Diakonie denke ich an Mitarbeitende und Bewohnerinnen, Angehörige und Klienten, die erlebt haben, wie sie mit ihren besonderen Bedürfnissen von der Mehrheitsgesellschaft scheinbar übersehen wurden: Menschen mit Behinderung, Menschen im Alter, aber auch unsere Kinder und Jugendlichen in der Jugendhilfe.

„Schütze deinen Nächsten wie dich selbst“ – das ist unser Motto. Aber wir mussten erleben, wie für Pflegeeinrichtungen, Wohnheime und Wohngruppen eine Verordnung nach der anderen erlassen, verändert, überholt und außer Kraft gesetzt wurde. Und dabei elementare Rechte unberücksichtigt blieben. Auch aus abstraktem Rechtsempfinden: wie bei Josef. Die Angst der Vielen war groß. Man war mit sich selbst beschäftigt. Der Wir-Appell des Engels drang nicht durch. Werden „wir“ an diese Menschen an Heiligabend und Weihnachten und in der Zeit danach denken, mit ihnen feiern, ohne diese Aufgabe einfach nur an „die Diakonie“ zu delegieren?

 

III

Ich höre aus der Perikope den Hinweis: Wo wir uns heimlich davonstehlen wollen in die eigene sichere und heimelige Welt, da bleiben wir einander die hilfreiche und wohltuende Gemeinschaft schuldig, an die der Bote Gottes Josef erinnert hat. Ich entnehme der Perikope auch den Hinweis, dass der pure Aufruf „Fürchte dich nicht“ leer bleibt und nicht funktioniert, solange nicht offen an- und ausgesprochen wird, was uns umtreibt: Unsicherheit, Furcht und Sorge. Und solange wir uns nicht selbst ansprechen lassen, in unserem so oft uneingestandenen Bedürfnis nach Heil und Ganzsein und der tiefen Sehnsucht nach einem, der uns aus aller Ich-Bezogenheit rettet. Ich glaube, dass uns das Hören auf Gottes Zusage, dass er in aller Unsicherheit der „Gott bei uns“ ist, zu einem neuen Wir befreien kann. Die Botschaft dieser Christnacht 2020 ist für mich: Dableiben und Menschen nicht alleine lassen. So hat es Gott mit der Geburt Jesu mit uns gemacht. So auch wir.

Markus Eisele

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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