Der Traum von der neuen Welt

Der Kontext des Propheten

Messianische Prophetie wie hier in Jes. 11 bekommt einen besonderen Akzent, wenn die Situation, in der der Prophet lebt und redet, bedacht wird. Ist Jes. 11 in der Zeit des ausgehenden 8. Jh. v. Chr. zu denken oder, wie andere meinen, erst in der Zeit nach dem Exil? Wird das Königtum der Davididen noch erlebt oder ist es, wie in der nachexilischen Zeit, mit einem verklärenden Schleier längst Geschichte? Hat der Prophet die Herrschaft der Assyrer, ihre Kriegszüge nach Westen, den Untergang des Nordreiches und die Eroberung des rebellierenden Samarias erlebt oder hat er die Trümmer Jerusalems, die nach Wiederaufbau schreien, vor Augen? Predigt der Prophet in einer Zeit, in der die Könige aus der davidischen Dynastie mit ihrer kleinen Macht sich als Bewahrer und Hüter der Menschen und des Rechts zeigen möchten und es doch nicht können, dann ist seine Botschaft mit dem Bild der Zukunft erhebliche Kritik, die von den Höflingen nicht gern gehört sein wird? Solche öffentliche kritische Predigt ist aber kaum denkbar. Oder denken wir uns den Propheten in nachexilischer Zeit mit dem verklärten Bild von der alten Zeit predigend und seine Hoffnungen und Erwartungen auf das Kommende niedergeschlagenen Hörern nahebringend?

Welche zeitliche Einordnung ermöglicht einen besseren Vergleich zu unserer Situation und wie deckt sich unser Bild von dem in Bethlehem geborenen Messias mit dem, wie uns der Prophet den Retter darstellt?

 

Der Gesalbte

Der Stamm der Dynastie des Hauses Davids ist gefällt, die Wurzel ist verrottet. Doch aus ihr wächst wider alle Erwartung etwas Neues. Das Neue erscheint in der Gestalt eines Gesalbten, der mit besonderen Charismen ausgerüstet ist, und dies nicht nur temporär, sondern dauernd. Ihn kennzeichnen göttliche Eigenschaften, umfassendes Wissen und Vollmacht für einen Urteilsspruch, der auch unmittelbar Wirkung zeigt. Die traditionelle Königstheologie, wie sie in der Gestalt Davids gedacht wurde, ist überboten. Auch messianische Herrschaft ist nicht ohne potentielle Gewalt denkbar. Der Gesalbte ist mit Weisheit und Einsicht, die sich als Unterscheidungsvermögen zeigt, und mit Kraft ausgerüstet. Seine Herrschaft dient nicht der Selbstverherrlichung, sondern nach dem Willen Gottes dem Durchsetzen von Gerechtigkeit. Furcht Gottes ist ihm eigen, ein Verhalten, das die Übermacht Gottes gelten lässt, und dazu eine Scheu, nie gegen den Willen Gottes anzugehen.

 

Vision einer neuen Schöpfung

Der Prophet lenkt den Blick auf die Zukunft, die zukünftige Errettung, auf den universalen Frieden. Seine Vision kündigt eine neue Schöpfung an, die alte ist aus den Fugen geraten. Da ist dann Raum für ein gefahrloses Leben. Die tierische Natur wandelt sich. Eine Bedrohung des Menschen durch Tiere gibt es nicht mehr, denn sie war eine Folge menschlicher Schuld und der daraus folgenden göttlichen Strafe. Was der Prophet schaut, ist nicht ein Zurück in den Urzustand, sondern eine wirkliche neue Schöpfung. Es wird nicht eine Evolution in Gang gesetzt, nicht ein Hinübergleiten in einen besseren Zustand. Eine neue wirkliche Welt wird kommen, in der alle Geschöpfe einander Nähe, Gemeinschaft und Liebe gewähren. Alles, was dem entgegensteht, wird sofort aufgedeckt und vernichtet.

Welchen Platz hat der Mensch, der diese Vision vor Augen hat, in dem Geschehen? Ist er gefordert, nächste kleine Schritte zu tun, und soll er erkennen, dass Leben sich nur in Hingabe erfüllt? Das gilt in dieser Zeit, in der uns allen die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe gestellt ist. Aber mit dem Neuen beginnt nicht ein neuer Kreislauf.

 

Prophetische Verkündigung an Heiligabend?

Passen solche Gedanken in die Verkündigung in der Christvesper? Jes. 11 ist mit seinen Aussagen über den messianischen Heilsbringer und die verheißene Zukunft so gewichtig und verlangt nach einer Predigt, in der der Text intensiver bedacht wird, was in einer Ansprache in der Christvesper kaum möglich ist. Die durch die Corona-Epidemie in diesem Jahr so besondere Situation macht es schon schwer genug, den richtigen Zugang zu den Besucherinnen und Besuchern der Christvespern zu finden. Auch „Es ist ein Ros entsprungen …“ – in keiner Christvesper wird dieses Lied fehlen – bietet keine Hilfe für das Vermitteln des Textes, da es wesentliche Aussagen von Jes. 11 nicht aufnimmt.

Die für die neue Perikopenordnung Verantwortlichen sind nach den Gründen zu fragen, die ausschlaggebend waren, Jes. 11 für Heiligabend als Predigttext vorzusehen. Der besonderen Situation am Heiligen Abend in vielen Gemeinden wird die Wahl dieses Textes nicht gerecht.

Hermann Beste

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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