Wie kommt Gott?

Überraschende Perikope

Eine Überraschung, die die neue Leseordnung für uns bereithält: dieser Text am 4. Advent! Wie können wir ihn predigen, ohne ihn christlich zu vereinnahmen? Für mich liegt der Weg darin, die im Text geschilderten Grundmuster und Grunderfahrungen menschlicher Existenz zu unseren Erfahrungen in Beziehung zu setzen.

Die Schilderung der großzügigen Bewirtung durch Abraham und Sara (V. 3-8) möchte ich nicht auslassen: Zum einen wird dadurch deutlich, welcher völlig andere, orientalische Lebenskontext der Hintergrund der Erzählung ist. So wird das fremde und damit überraschende Moment beim Hören des Textes noch gesteigert. Zum anderen wird auf diese Weise noch stärker deutlich, dass Gott selbst hier als ein nach Erfrischung suchender Wanderer kommt – eine sehr erstaunliche und unerwartete Weise Gottes, sich zu zeigen.

Im Text findet ein ungewöhnliches Spiel mit der Rede von Gott im Singular und Plural statt: V. 2 erscheint Gott in drei Gestalten, V. 3 beginnt mit der Rede von Gott im Plural, wechselt dann zum Singular, V. 4 spricht von Gott wieder im Plural, V. 13 redet von Gott wieder im Singular. Im Hintergrund steht vermutlich eine alte Ortssage zu Mamre, in der drei himmlische Wesen ein altes Paar besuchen. Der biblische Erzähler hat sie dann mit der Erscheinung Gottes bei Abraham verknüpft und das unterschiedliche Reden von Gott im Singular und Plural nicht geglättet. Ich höre das einerseits als Hinweis auf die Einheit und Vielfalt Gottes (nicht als Hinweis auf einen trinitarischen Gott an dieser Stelle!), andererseits als Hinweis auf das Geheimnisvolle, das mit jeder Erscheinung Gottes verbunden ist: Gott zeigt sich – und gleichzeitig bleibt auch etwas verhüllt von seinem Wesen.

 

Überraschender Besuch

Ich setze in der Gemeinde die gleiche Überraschung voraus wie bei mir, als ich den Text zum ersten Mal im Kontext des 4. Advent wahrgenommen habe. Damit ereignet sich schon etwas, was im Text selber zum Thema wird: Dass und wie Gott kommt, kann manchmal sehr überraschend sein und ist unverfügbar. Wie kommt Gott? Diese Frage möchte ich unter den vielen anderen Aspekten des Textes am 4. Advent zum Thema der Predigt machen. Sie klingt auch im Evangelium des Sonntags (Lk. 1,26-38) an. Als Lied bietet sich daher auch an: „Wie soll ich dich empfangen?“ (EG 11). Evtl. lässt sich der Predigttext in verschiedenen Rollen vortragen.

 

Wie kommt Gott?

1. überraschend – keine Vorwarnung, keine Anmeldung, er ist einfach da. Überraschend. Mitten im Alltag von Abraham und Sara. In der Mittagspause, zur Zeit der größten Hitze, wo das Leben im Orient lahmliegt. Zu Maria in Nazareth, in ihr Haus hinein in ihren Alltag. Zu uns: in den Berufsstress, in unsere Familiensituation, in die Weihnachtsvorbereitungen, in die Unsicherheit, wie es angesichts von Corona weitergeht. Bin ich offen dafür, dass Gott mir unverhofft in meinem Alltag begegnen kann?

2. anders, als wir ihn uns vorstellen – Ist Gott nun einer oder drei? Der Redaktionist der Geschichte hält das bewusst offen, vereinheitlicht die verschiedenen Überlieferungen der Rede von Gott nicht. Gott lässt sich nicht festlegen auf unsere Ideen und Denkmuster. Er ist immer noch einmal anders, als wir ihn uns vorstellen: drei Männer bei Abraham und Sara, ein Engel bei Maria, ein Kind in einer Krippe. Wir können ihn nicht einordnen. Gott hält sich offen – und damit auch uns.

3. in meinem Mitmenschen – Als Wanderer: mit Hunger, Durst und schmutzigen Füßen. Angewiesen auf die Gastfreundschaft von Abraham und Sara. In einem Kind, bedürftig, ganz auf die Fürsorge von Maria und Josef angewiesen. Im Mitmenschen in meinem unmittelbaren Umfeld: in Beruf, Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis. In der Stimme der Menschen, die in Belarus, Thailand, Honkong und an vielen anderen Orten unserer Welt nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit schreien. In den Flüchtlingen, die Heimat suchen. In den zahllosen Opfern der Corona-Pandemie. In den Opfern von Krieg und Gewalt.

4. Unmögliches wird möglich – Wenn Gott kommt, ist viel mehr möglich, als wir uns vorzustellen wagen. Das bedeutet auch: Gott befreit uns von Täuschungen. Sara war überzeugt: „Die Realität meines Alters ist nicht mehr zu verschieben. In meinem Alter kann ich nicht mehr gebären.“ Gott ent-täuscht sie: Er nimmt ihr die Täuschung, dass die Grenzen der menschlichen Realität auch die Grenzen des göttlichen Handelns sind. Maria hört die Verheißung Gottes und erschrickt: „Unmöglich! Wie kann das gehen, in meiner Lebenssituation ein Kind?“ Doch Gott eröffnet ihr Wege. Gott, Schöpfer der Welt, in einem Kind? Bedürftig, angewiesen auf menschliche Hilfe? Wie soll das gehen? Unmöglich. Und doch: Wirklichkeit geworden. Alle Grenzen der Realität gesprengt.

Wo frage ich angesichts der Realität ungläubig: Wie soll das zugehen? Wenn ich zulasse, dass Gott zu mir kommt, und mich von ihm öffnen lasse, dann ist mehr möglich, als ich mir vorzustellen wage!

Christiane Marei Steins

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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