der Tag ist nicht mehr fern!“

Predigttext

In der alten Predigtordnung war unsere Perikope für den 1. Advent Reihe V vorgesehen, hatte also einen etwas prominenteren Platz. Manche stufen außerdem das Benedictus des Zacharias gegenüber dem Magnificat Mariens herab. Unter EG 761 ist dieses als Psalm im Wechsel abgedruckt. Wie auch immer, es lohnt sich, dem auch in der deutschen Übersetzung aus nur zwei langen Sätzen (V. 68-75 und V. 76-79) bestehenden Benedictus nachzudenken. Genauer: Nach Schürmann1 „besteht es aus zwei Satzketten und zerfällt in zwei disparate Teile“ (84), die unterschiedlich gegliedert werden. Er benennt die zwei Teile mit „Eulogie“ und „Prophetie“, Eckey mit „berichtendem Hymnus“ und „Geburtsorakel“.

Jenseits des möglichen Streites um die Gattungsbenennungen ist festzuhalten: ohne das Perfektum der göttlichen Heilstaten ist kein Futurum zu denken.2 Zur Gegenwart des Heils gehören seine Vergangenheit und seine Zukunft. Der Advent ist dreifach: Christus ist gekommen, kommt auch noch heute und wird dereinst kommen.

Lk. 1 ist mit 80 Versen – neben Ps. 119 – das vielleicht umfangreichste Kapitel der Bibel. Der Evangelist Lukas erweist sich darin einmal mehr als glänzender Erzähler, Schriftsteller und Theologe erster Güte. Nach dem Prolog werden in 1,5 mit Zacharias und Elisabeth zwei Personen genannt, um die es im Fortgang gehen wird. Einerseits stehen sie neben Maria und Jesus (1,31) deutlich zurück. Sie nehmen jedoch andererseits mit ihrem Sohn Johannes ihren distinkten Platz ein3. All dies kommt kunstvoll miteinander verschränkt und mit mannigfachen atl. und jüdischen Bezügen (Eckey, 122) in Lk. 1 zum Ausdruck.

 

Gottesdienst

Die Predigt könnte erstens – enger auf den Text bezogen – rückschauend und in die Gegenwart bzw. Zukunft blickend die beiden Teile des Benedictus mit einem zu bestimmenden Schwerpunkt auslegen.

Der Gottesdienst könnte zweitens als Zacharias-Gottesdienst (vgl. das hinter V. 54 und 72 stehende hebräische zachar, nominal als Eigenname Zacharias) gestaltet werden.

Oder aber der Gottesdienst wird drittens – zugegebenermaßen nicht ganz perikopengemäß – als Zwei-Frauen-Gottesdienst gestaltet, eventuell sogar am dritten und vierten Advent, einmal auf Elisabeth, das andere Mal auf Maria fokussiert. Der mit Schweigen gestrafte Zacharias (1,20.22) überlässt den Frauen Maria und Elisabeth das Feld. Optimalerweise schweigen die Männer auch im Gottesdienst. Gegen Ende der Predigt könnte ein Mann dann – als Zacharias verkleidet – das Benedictus verlesen.

Am reizvollsten wäre in Verbindung mit dem Genethliakon/Geburtsorakel (V. 76-79) ein Taufgottesdienst. Braucht es doch nur ein Quäntchen Phantasie, um sich vorzustellen, wie der stolze Vater seinen Neugeborenen präsentiert …

 

Lied

EG 16 „Die Nacht ist vorgedrungen“

 

Anmerkungen

1 Heinz Schürmann: Das Lukasevangelium. Erster Teil, Freiburg i.Br. 1984; der zweite Kommentar, den ich konsultierte, war: Wilfried Eckey: Das Lukasevangelium Teilband I, Neukirchen-Vluyn 2006².

2 Diese Formulierung geht zurück auf Hans Joachim Iwand. Er meditierte die Perikope (mit vielen Lutherzitaten) in: Eicholz: Herr, tue meine Lippen auf 3 (Wuppertal 1947), leichter greifbar in: Ders.: Predigtmeditationen Zweite Folge (Göttingen o.J.).

3 Vgl. schön zusammengefasst Georg Popp: Die Großen der Bibel, Stuttgart ²1988, 258-261.

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.