Wer warten kann, kann alles!

Lange mutig sein

Ob dieser Überschrift auch der Verfasser des Jak. zustimmen würde? Seine zweimalige Aufforderung zur Langmut (makrothyméo) setzt jedenfalls den Akzent auf die Erwartung und nicht aufs „Dulden“, das die althochdeutsche Wurzel von „Geduld“ ist (lat.: „tolerare“, griech.: „hypomonä“). Jak. hat ein Beharren im Blick, das aus der Hoffnung lebt, dass es Besserung gibt. Grund dafür ist ihm die Erwartung der nahen Wiederkunft des Herrn. Weil der kommt, kann man „lange mutig sein“.

Auch die Adventszeit ist eine Zeit des „Langmutes“. Wir haben einerseits vor Augen, was alles nicht stimmt, belastet und quält. – „Ein Laut von Sehnsucht und Klage durchzieht den zweiten Advent.“1 Anderseits hoffen wir auf Veränderung. Dieses „Andrerseits“ fragt danach, worauf wir warten und was uns die Kraft zum Beharren gibt?

Diese Spannung verbindet uns über die Jahrtausende mit den im Jak. angesprochenen Gemeinden. In ihnen, wo eher Arme leben2, leiden viele unter sozialer Ungleichheit. Unserem Predigttext geht eine harte Gerichtsrede gegen die Reichen voraus (V. 1-6, vgl. auch 2,6f). H. Balz geht zwar davon aus, dass diese eher nicht zur Gemeinde gehören3. Doch die Auswirkungen ihres ausbeuterischen Unrechts treffen auch die Christen. In unserem Predigttext wird damit zur Beharrlichkeit im Ertragen von wirtschaftlich-sozialer und gesellschaftlicher Unterdrückung ermuntert. – Aber wie soll das aussehen?

Wenn der wohl weisheitlich geprägte judenchristliche Verfasser4 des Jak. von „Geduld“ redet, hat er immer auch die Geduld Gottes vor Augen, wie sie z.B. Mose begegnet: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, langsam zum Zorn (Luther übersetzt „geduldig“) und von großer Gnade und Treue“ (Ex. 34,6). Geduldig sein heißt für ihn deshalb wohl auch den Zorn zurückstellen. Wie ein „dritter Weg“ zwischen passivem Erdulden und zornig-aktiven Widerstand kommt mir diese Form von „Resistenz“ vor, die mich auch an Martin Luther Kings Protest erinnert. Durchhalten kann man das nur, weil der Herr nahe ist.

 

Was wird erwartet?

In Jak. 5,7b zeigt sich, dass es angesichts der Parusieverzögerung zunächst mehr um das Wie des Wartens als um die Erwartung an sich geht5. Das ist jedenfalls der Vergleichspunkt im Bild des Bauern. – Auch wir müssen die eschatologische Spannung zwischen dem „jetzt schon“ und „noch nicht“ aushalten. Wenn wir im Vaterunser beten „Dein Reich komme!“ bitten wir um befreiende Kraft. Wir sehnen uns nach Befreiung aus Ohnmachtsstrukturen. Denn Menschen damals wie heute erleben ein Ausgeliefertsein an Naturgewalt, geschichtliche, wirtschaftliche, politische, private Situationen.

Auffällig ist dabei, dass im Bild des Wartens des Bauern auf die Frucht (V. 7b) ein ähnliches Motiv wie in den Gleichnissen Jesu vom Kommen des Reiches Gottes aufgenommen wird (Mt. 13,1ff.24ff.31ff; Mk. 4,26ff). Es geht da um Wachstum und Gedeihen. Eine Gegenerfahrung zur Ohnmacht soll da groß werden. Denn im Kommen des Herrn sehen sich Menschen in ihrer Not gesehen. Er „erbarmt“ sich ihrer und verwandelt ihre „Trauer in Freude, ihre Ängste in Mut, ihre Sorge in Zuversicht“6. Mit dem Kommen des Herrn kommt die „Macht Gottes“ zu uns. Sie bricht an, „wenn die üblichen Methoden und Ziele weltlicher Macht überwunden werden“. Sie bringt uns „zu der Lebensgestalt, die Gott gemeint hat, als er uns das Leben gab“. Dafür müssen wir ihm aber Raum und Zeit geben7.

 

Gott Raum geben

Warten heißt also auch: Gott Raum geben. Dieses „Raum geben“ verstehe ich im Sinn des „Herz Stärkens“ (V. 8). Denn wo Gott Platz bekommt, kann er uns ermutigen und scheinbar unverrückbare Machtstrukturen in Bewegung bringen. Konkret kann das z.B. da werden, wo wir das letzte Wort über andere (= Bewertungen) Gott überlassen (vgl. V. 9). Das gilt dann auch für das letzte Wort über uns selbst. Denn auch der liebevoll-barmherzige Blick auf uns und unser Leben braucht Stärkung.

„Wer warten kann, kann alles?“ – Jak ruft mir jedenfalls zu: „Im Erwarten steckt mehr Kraft als Du denkst, wenn Du Dich öffnen kannst!“

 

Lied

EG 20 „Das Volk, das noch im Finstern wandelt“

 

Anmerkungen

1 S. Goldschmidt u.a. (Hrsg.): Gottes Wort hören und bewahren, 2019, 16.

2 H. Balz/W. Schrage: Die „Katholischen“ Briefe (NTD 10), 1985, 10.

3 A.a.O., 52.

4 https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/katholische-briefe/jakobusbrief/.

5 Balz/Schrage, a.a.O., 53.

6 D. Schönhals-Schlaudt in: Menschenskinderliederbuch, Nr. 9.

7 R. Strunk: Das Gebet Jesu, 1988, 68f.

 

Michael Pfeiffer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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