Esel sind systemrelevant

Zwischen besinnlich und beharrlich

Beide, die Nr. 1 im Gesangbuch und in der Stadt Gottes, sind königlich. In ihnen reitet der Esel, alle Zeiten überdauernd, sanftmütig. Biblische Königshäuser und Eselsställe scheinen systemrelevant systemisch verbunden zu sein. Zumindest überdauern solche Bilder alle Zeiten: Bilder eines Königs, der namenlos für ein Leben in Frieden steht. Bilder eines Esels, auf dessen Rücken Königskonzeptionen ihren Platz finden. Sie tragen politisch und religiös kraftvolles Potential nicht nur in sich; sie nehmen es verantwortlich auf sich.

In dieser Polarität zwischen besinnlich und beharrlich steht der 1. Advent. Bei jedem Einzug, sei es der eines neuen Kirchenjahres oder in Jerusalem, steht ein Weg bevor, der bewahrte Muster bedient und sie zugleich durchbricht. Das wird sich in diesem Jahr in unseren Gottesdiensten (wieder) zeigen: Wir fangen wieder vorne an, und das hatten wir noch nie. Eine Friedensbotschaft auf Abstand in der Länge eines Palmzweigs. Singen hinter Masken, als könnte man noch nicht genau erkennen, wer da kommt. So schräg alles gerade ist, so überraschend und neu gebären Regeln liturgische Vielfalt für die Feier des Kommenden. Und vielleicht wird aus der wortreichen Predigt eine gestenreiche Verkündigung, raus aus den Kirchen, auf die Straßen und hin zu den Plätzen. Macht hoch die Tür beim Einzug ins Stadion und vor die Einkaufstempel.

 

Antimajestätisch

Dort wird Zions König stehen – auf der Seite des Rechts. An ihm zeigt sich was Hilfe ist, an ihm zeigt sich eine niedrige soziale Stellung und die messianische Haltung: „Was brauchst Du im Advent?“ Die hebräischen ani und anaw, arm und gerecht, liegen schon buchstäblich nah beieinander und sind dabei doch einem typischen Königsbild ganz fern.

Daneben hat aber auch der Esel seine Spuren in biblischen Zeiten hinterlassen, und zwar in tragenden (1. Mos. 22 u.ö.) und in sprechenden Rollen (Num. 22). Genau darin aber – anders als das königliche Kriegstier Pferd – bleibt der Esel alltäglich, geradezu antimajestätisch, einer vom Volk – und gerade darum wirkmächtig? Denn hohe Rosse und Reiter werden in der Stadt keine Bleibe haben (V. 10); man kann es sich in den engen Gassen Jerusalems auch nicht anders vorstellen.

Könige sehen wir auf den KÖs und Ku-Damms. In den Hinterhöfen, wie der Frieden im Alltag sich erweisen wird, braucht es die beharrlichen Esel, die sich im Kleinen und um den Einzelnen mühen. Und wenn die prachtvollen Kirchen dieses Jahr zu Weihnachten leerer sind, dann vielleicht auch, weil wieder viele auf den Straßen und in den Höfen singen und rufen: Dein König kommt zu dir.

Laut und ungestüm wie Esel nun mal sind, sind sie biblisch beliebt; vielleicht auch weil klar war, ohne sie geht es nicht. Esel sind systemrelevant, in Krippenkonstellation, und sie sind da, selbst wenn der Text sie nicht mal erwähnen muss; denn Esel kennen die Krippe des Herrn (Jes. 1,3). Und wer von oben auf die Esel sieht, entdeckt ein Kreuz, den Aalsstrich: schwarze Streifen vom Eselshals an fast über den ganzen Rücken und ein zweiter, im rechten Winkel dazu, von einem Vorderbein zum andern.

 

Messianischer Gegenkönig

Die Weite der königlichen Herr- und Botschaft im Mittelpunkt spannt einen politischen und religiösen Frieden, der über Länder- und Völkergrenzen hinweg wirken soll – indem er Frieden „redet“, statt der lutherischen Übersetzung „gebieten“. Das Bild des „Gegenkönigs“ ist das, was den Heroldsruf so jubeln lässt, und „jauchzen“ wäre wörtlich ein „lärmen“. Ein ganz und gar nicht leiser, besinnlicher Advent; sondern ein lauter Ruf und erneuter Entwurf einer messianischen Vorstellung.

Es ist die Zeit des Wiederaufbaus; ob nun Tempel oder Existenzen zusammengebrochen sind. Eine Macht schwindet und eine neue Macht tritt auf. Und sei es zunächst die Macht eines Bildes, das sich gegen schnellen Rückzug in alte Strukturen wehrt. Bild und Text sind am 1. Advent ein Ruf in ein neues Kirchenjahr; ein Lied, das durch hochgemachte Türen nach draußen klingt und dann geht und auszieht – wie ein Strom voller Menschen, der zu anderen Menschen ausfließt, überfließt mit Liedern, um gerade im Advent (draußen mit Herolden und Posaunen) wieder zum Singen als Predigen zu kommen. Eselsgleich königlich sind wir im Advent wie Jünger, die sich darauf verlassen, „ein Eselinnenfüllen zu finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat“ (Mk. 11). So wird der Advent unverfügbar, ein neuer Anfang, einfach-für-uns-da.

 

Lieder

EG 1 „Macht hoch die Tür“ (zum Eingang)

EG 11 „Wie soll ich dich empfangen“ (Wochenlied)

EG 9 „Nun jauchzet“

EG 13 „Tochter Zion“

EG 560 (EKKW) „Es kommt die Zeit“

EGplus 123 „Du Gott des Friedens“

EGplus 129 „Alles, was bei Gott seinen Anfang nimmt“

EGplus 77 „Erleuchte und bewege uns“ (Segenslied)

 

Lars Hillebold

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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