Weniger kann mehr sein

Der Text

In 1. Kor 15 kommt Paulus auf die Auferstehung zu sprechen, ohne die unsere Predigt (V. 14) und unsere Hoffnung (V. 19) nichtig wären. Die Wahrheit dieses Kernpunkts christlicher Verkündigung wird damals (wie heute) kontrovers diskutiert. Für Paulus ist die Auferstehung Tatsache. Der Mensch Jesus wurde verurteilt und starb am Kreuz. Ihn hat Gott auferweckt. Dafür gibt es Zeugen, die Paulus benennt und deren letzter er selbst ist. Auf den Berichten dieser ersten Zeugen basiert der ganze christliche Glaube.

Die Gerichtsthematik tritt in den Hintergrund. Es geht um Glaubensgewissheit, um die Freude der Getauften über das durch Christus geschenkte neue Leben (vgl. das Evangelium des Sonntags: Joh. 5,24-29).

Der ausgewählte Abschnitt (35-44a) befasst sich mit der Frage nach dem Wie der Auferstehung. Für die Gläubigen wäre es – verständlicherweise – schön, wenn man sich darunter Genaueres vorstellen könnte. Auch für die Verkünder des Glaubens wäre es praktisch, wenn es ihnen vergönnt wäre, darüber Ausführlicheres erzählen zu können, sei es aus pastoralen Gründen, damit die Menschen sich weniger Sorge um ihre Verstorbenen machen, sei es aus dem theologischen Bedürfnis heraus, eine ausgefeiltere Glaubenslehre anzubieten, als die biblischen Texte sie hergeben, sei es um der Selbstdarstellung und der eigenen Autorität willen.

Letzterer Versuchung erlag die christliche Kirche in extremer Weise im ausgehenden Mittelalter. Nicht zufällig wurde die Kritik Martin Luthers an der Ablasspraxis zum Ausgangspunkt der Reformation. Als Seelsorger wurden ihm Machtanmaßung und Abkehr von der biblischen Grundlage durch die römische Kirche gerade dort deutlich, wo mit den Ängsten der Menschen vor Tod, Verdammnis und Fegefeuer und den behaupteten Möglichkeiten der Kirche, darauf Einfluss nehmen zu können, Handel getrieben wurde.

Paulus reagiert auf die Wie-Frage mit heftiger Abwehr: „Du Narr!“ In Gottes Reich wird es ganz anders sein. Er beschränkt sich unter Zuhilfenahme des Bildes vom Saatkorn, das eben gerade nicht dasselbe ist wie die Frucht, die aus ihm wächst, darauf, die Gegensätze zu verdeutlichen: verweslich – unverweslich, in Niedrigkeit – in Herrlichkeit, in Armseligkeit – in Kraft, natürlich – geistlich. Irdisch ist irdisch und himmlisch ist himmlisch. Mehr brauchen wir nicht. Dem entspricht bei den Synoptikern Jesu Antwort auf die Sadduzäerfrage (Mk. 12,18ff par).

 

Die Predigt

Als Leitfragen für die Predigt scheinen mir bedenkenswert: Wen habe ich in diesem besonderen Gottesdienst vor mir? Was würde ich diesen Menschen gerne sagen? Und wie verträgt sich das mit dem Paulus-Text?

Die Situation mag je nach Region und theologischer Prägung der Gemeinde unterschiedlich sein, aber wohl generell nicht mehr wie zu Luthers Zeiten. Das Thema, wie es nach dem Tod sein wird, ist durch die veränderte gesellschaftliche Entwicklung in den Hintergrund gedrängt – damit jedoch keineswegs verschwunden.

Die Hoffnung, dass wir nach dem Tod nicht ins Leere fallen, sondern in ein anderes Sein verwandelt werden, sollte im Vordergrund stehen. Darüber dürfen wir uns freuen. Wie das sein wird, erfahren wir erst am Jüngsten Tag (V. 52). Auch die ersten Zeugen haben – nach den synoptischen Berichten – nicht wirklich mehr erfahren. Jesus zeigt sich ihnen und sagt „Fürchtet euch nicht!“ (Mt. 28,10) bzw. „Friede sei mit Euch!“ (Lk. 24,36). Manchen mag das ein wenig dürftig erscheinen. Den ersten Christen war es jedoch genug, um begeistert und mutig den Christusglauben in die Welt zu tragen.

Zu zeigen, wie Paulus in 1. Kor. 15 mehr und damit das Wesentliche sagt, indem er weniger sagt, wird die Hauptaufgabe sein. Vielleicht kann dabei das Bonhoeffer-Diktum hilfreich sein: Gott erfüllt alle seine Verheißungen, aber nicht alle unsere Wünsche.

 

Dietrich Lauter

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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