Der lange Atem vor der Ewigkeit

Zuverlässiger Ort der Gegenwart Gottes

Alles entschieden, alles durchgekämpft, endlich gesiegt. Jetzt liegt der Ton auf NEU. Alles ist ohne Schatten der Vergangenheit. Himmel, Erde, Meer: die ersten Schöpfungswerke und Grundlage allen Lebens sind nicht mehr. Sie hatten ihre Zeit, nun aber kommt Neues. Aus dem neuen Himmel, der Sphäre Gottes, kommt die neue Heimat des Menschen.

Das zentrale Bildwort dieser Vision ist σκηνη: als „Zelt“, „Wohnung“, „Hütte“ übersetzt. Hinter diesem Wort steht das דעומ להא aus Ex. 27, das Zelt der Begegnung, die „Stiftshütte“ (Luther), der zuverlässige Ort der Gegenwart Gottes. Hier war Gott für sein Volk anzutreffen und anzusprechen. Das machte diesen Ort aus. Im NT begegnet σκηνη im Johannesprolog: das Wort „zeltete“ unter uns – in Jesus ist Gott anfassbar, ansprechbar, erreichbar, gegenwärtig geworden.

Nun, jenseits des Endes der irdischen Geschichte kommt dieser Ort der Gottesgegenwart aus der Sphäre Gottes herab zu den Menschen. Er selbst wohnt mitten unter ihnen. Keine Trennung, keine Widersprüche, keine Ambivalenzen, wie sie uns vertraut sind. Kein Leid, kein Geschrei, keine Tränen. Dies ist nicht mehr nur ein Ort der Gottesgegenwart in einer ambivalenten Welt, jetzt gibt es keinen Ort ohne Gott mehr. Er wird in ihrer Mitte wohnen (zelten) und sie werden sein Volk/seine Völker sein. Alpha und Omega, Anfang und Ende, Gott alles in allem, Gott inmitten der Menschen, die Menschen aufgehoben in der Gemeinschaft mit Gott. Endlich.

Utopie? Ja und Nein. Ja, denn dieses Bild ist nicht als in der Welt gedacht. Es ist nicht die bessere Welt, um die Menschen sich bemühen. Diese Stadt hat hier buchstäblich keinen Ort. Aber nicht Utopie im Sinne von St. Nimmerlein, denn sie soll ihren Ort haben in der Welt, die jetzt noch nicht ist. Hier geschieht etwas von Gott und ist NEU.

 

Sinn gerade im Vorläufigen

Der Ewigkeitssonntag spricht von der Vorläufigkeit unserer Welt, von der Unvollkommenheit und Verletzlichkeit, von Tod und Leid, Verlust und Zerbruch, Trauer und Ohnmacht. Diese Erfahrungen, die Menschen machen, haben an diesem Sonntag ihren besonderen Raum und sie sollen nicht übersprungen werden. Das Leiden in dieser Welt muss getragen werden – so vieles, das gerade im Angesicht Gottes nicht aufgeht.

In ihrer Zerbrechlichkeit ist diese Welt uns als Lebensraum gegeben, als zu gestaltender und zu verantwortender Lebensraum geschenkt und aufgegeben. Und die Beziehungen zu Menschen und Natur darin sind uns anvertraut zur Sorge und Liebe. Liebe, die leidet am Tod. Dem auszuweichen wäre zynisch und kalt. Gelebtes Leben macht sich verletzlich. Der Gott, der in dieses Leben kam, machte sich verletzlich. Er liebte die Seinen bis zu seiner Vollendung (Joh. 13,1): Liebe und Tod auch im Leben Jesu. Dass diese Spannung nicht aufzulösen ist, fasste Luther in sein Wort vom Apfelbäumchen, das er auch noch pflanzen wollte, wenn er wüsste, dass morgen die Welt untergeht.

Die Vision vom himmlischen Jerusalem, in dem Gott den Menschen den bleibenden Wohnort seiner Gegenwart schenkt, entlastet unsere ambivalente Welt. So sehr das Wort von Dietrich Bonhoeffer gilt: „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht“ (Widerstand und Ergebung, DBW Bd. 8, 36), so richtig ist es auch, dass wir das letzte große Gute nicht im Angebot haben. Das NEUE, das Gott herabbringt, befreit uns vom Perfektionismus und der Anfechtung, die in allem Unvollkommenen lauert. Wir dürfen handeln mit dem langen Atem, dass unser Tun und Handeln Sinn und Aufgabe hat im Hier – und es darf vorläufig bleiben. Nein, hier wird nicht „alles gut“. Wir tragen Verantwortung für eine bessere Welt und für unsere Nächsten. Mehr nicht, aber das schon.

Wir warten auf Gottes NEUE Welt, zu bauen brauchen wir sie nicht. Die Kontinuität zwischen alt und NEU ist nicht das gute Tun des Menschen, sondern Gott selbst. Diese Welt ist nicht das letzte, sie würde der Liebe Gottes nicht genügen, darum kommt er selbst und bringt die NEUE Heimat für seine Menschen gleich mit. Die göttliche Wohnung – ein Sehnsuchtsort, den diese Welt noch nicht enthält.

 

Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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