Wende im eigenen Kirchennest

Ein Wut-Text

„Ich bin es nicht nur leid, nein, ich habe es satt eure Gottesdienste zu erleben!“ Was treibt Jesaja um 740 in Jerusalem, so von Gottes Zorn zu reden? Sicher ist da die harsche Kritik an der damaligen jüdischen Kultur der Brand- und Speiseopfer. Rituale werden zelebriert, aber sie sind zu leeren Hüllen verkommen. Juda geht es wirtschaftlich sehr gut, alles ist im Aufschwung begriffen. Aber die Armen bleiben benachteiligt. Jesaja beschreibt enorm wütend, dass die Beziehung zu Gott leidet, wenn eine Gesellschaft in Extreme auseinander triftet. Was vor Gott bestehen kann, wird auch einem Volk oder Staat zum Guten dienen. Wenn nicht gegengesteuert wird, droht die Zerstörung.

 

Gottesdienstformen unter Hygieneauflagen

Zum Buß-und Bettag 2020 reibe ich mich an diesem Wut-Text, der unsere Gottesdienstbesucher und mich aufschrecken lässt. Eine Schar, die nach den Gottesdienstverboten durch Corona plötzlich nicht mehr die sind, die sie waren. Diese auferlegte Pause hat Zeit und kritisches Anfragen überhaupt erst möglich gemacht. Wie zelebrieren wir uns? Welche Spiritualität ist zu verstehen? Unsere doch so predigtreichen und liturgisch sauberen Gottesdienste sind mitunter eher clean. Neue Ideen, Improvisation, Sprachfähigkeit und achtsamer Umgang mit unserem Glauben entstanden jetzt. Einfache Rituale wie das Anzünden der Osterkerze waren Evangelium genug. Wie, wo und welche Gottesdienstformen gehen unter den Hygieneauflagen?

Es entstanden Kurzpredigten zum Mitgeben und zu Hause lesen, weiter das Sich vor einer Kirche-Versammeln, bei Posaunen- oder anderen Klängen, thematische Garten-, Weg- und Waldgottesdienste und ökumenische Feiern unter einem blau-göttlichen Himmel. Auch die Netzwerke waren voll mit allerlei gelungenen und manchmal auch nicht so gelungenen Videogottesdiensten. Was hat dieser fremde Virus ausgelöst? Wir wären nie darauf gekommen!

 

Ein Mut-Text

Jetzt nach einem halben Jahr Enthaltung von dem, was wir immer schon so gemacht haben, wird Jesaja zum Mut-Text! Reflektiert das ehrlich, was ihr in euren Gemeinden lebt! Was berührt Menschen? Welchen Gott können die anderen in mir spüren? Existiert Gott und hat Liebe einen Sinn? Glaube ich das, was ich predige? Sind unsere vielen Worte mitunter gar nicht nötig, weil Musik, Gesten und Stille mehr sagen? Wie glaube ich überhaupt an einen Gott, von dem wir so wenig wissen – noch dazu, wo unser Wissen häufig in Paradoxien besteht? Wie kommt diese zerrissene Welt vor? Nur mal schnell eine sprachlich wohlfeile Fürbitte für diese schreienden Ungerechtigkeiten auf dieser Erde? In welchen Gottesdienstformen ist das erfahrbar? Sind unsere Rituale, Formen und Regeln hilfreich für Menschen, die in ihrer Lebenssituation gesehen werden wollen? Tragen unsere Formen und können Menschen spüren, dass Gott sie anschaut?

In unserer Kirche muss sich auch Gott an Regeln halten. Regeln sind ja nicht schlecht, aber wenn unsere Regeln anfangen, Gott einzuengen, stimmt was nicht. Viele unserer eingetragenen Mitglieder haben Mühe, unsere „fromme“ Sprache in der Liturgie oder in unseren Predigten überhaupt zu verstehen. Ja, in unserem europäischen Kulturkreis nimmt die Zahl der Gläubigen ab. Aber dieser Begriff „Gläubige“ wird zu Unrecht nur auf Menschen bezogen, die in den traditionellen Formen ihrer Religionen beheimatet sind. Auch die Anzahl der überzeugten Atheisten nimmt ab. Die Suchenden nehmen zu, Menschen auf dem Weg! Menschen draußen vor unseren Kirchen. Und wenn sie zufällig als Gäste bei einem Konfirmationsritual, das in diesem Jahr draußen und so ganz anders als sonst abläuft, dabei sind und bewegt gehen, dann ahne ich die Weite eines unbekannten und doch nahen Gottes.

Ich bin nach 30 Dienstjahren anders unterwegs. Dank Corona! Jesaja trifft mich. Umkehr, Wende im eigenen Kirchennest! „Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, so wird geschehenen, was besser ist!“ (Luther) Buße ist keine neue Last, sondern erleichtert und befreit zu einem Evangelium, was neu atmen darf. Es stellt meine Füße auf weiten Raum.

 

Lied

„Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer wie Wind und Weite und wie ein zu Haus …“

 

Uta Liebe

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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