Die anderen schlafen oder sind betrunken – wir Christen aber sind wach und nüchern?

I

Die Bibel hat Erfahrung mit Epidemien: Viehpest und Blattern (Ex. 9), feurige Schlangen (Num. 21), Hungersnöte und Seuchen als Zeichen der Endzeit (Lk. 21,11), um nur einiges zu nennen. Auch Luther singt von „Seuchen und teurer Zeit“ (EG 344,5). Er schrieb zur Pestzeit ein Büchlein „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. Doch die „Pest, die im Finstern schleicht“ (Ps. 91,6), spielte in der Corona-Krise kaum eine Rolle in den öffentlichen Äußerungen der Kirchen. Stattdessen beschäftigte man sich mit Abstandsregeln und war weitgehend bereit, auf Seelsorge in Krankenhäusern und Heimen zu verzichten, bis der Protest nicht mehr zu überhören war, etwa in der „ZEIT“. Am 31.7. stand dann auf der Titelseite der alles andere als kirchentreuen „Süddeutschen Zeitung“ in Großbuchstaben: „Wo seid ihr? Wenn ein Virus alle Gewissheiten stürzt, sucht der Mensch Trost. Wann also wäre Gott wichtig, wenn nicht jetzt? Von einer Kirche, die gerade wenig zu sagen hat.“

II

Wir hätten also geschwiegen oder sogar geschlafen? Das bedeutet jedenfalls nicht, dass Pfarrerschaft und Gemeinden nichts gesagt und getan hätten. Im Gegenteil. Es gab eine Fülle von Initiativen, die Gemeindeglieder zu erreichen mit Telefon- und Videobotschaften, mit Briefen, später mit Gottesdiensten im Freien und vielem anderen. Ich habe auch mitgetan dabei. Nur an eine theologische Deutung wagte sich kaum jemand heran. Die Gründe liegen auf der Hand: Man wollte nicht ins Horn der Fundamentalisten stoßen, die sogleich wussten, dass die Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe an allem schuld seien. Man wollte den Leuten nicht noch mehr Angst machen. Außerdem steht die Kirche schon lange „ratlos vor der Apokalyptik“ (Klaus Koch, 1970) – was aber auch bedeutet, dass die in der Apokalyptik bewahrten Erfahrungen im Frühjahr und Sommer dieses Jahres nicht genutzt werden konnten.

III

Im November kommen wir um die Apokalyptik nicht mehr herum, wenn wir die Predigttexte ernstnehmen. Hier erfahren wir z.B., dass „Friede und Sicherheit“ die Parole des Antichrists ist, dass es also auch aus seelsorgerlichen Gründen nicht in Frage kommt, Menschen in Sicherheit zu wiegen. Zur Zeit der Proteste gegen die „Nachrüstung“ 1983 haben das viele in der Kirche noch gewusst. Leben als „Kinder des Lichtes“ heißt: wach sein, nicht aber schlaflos, immer bereit für den Alarm. Wach sein bedeutet: der Krise ins Auge schauen, mit dem Ende rechnen, dem Ende des vertrauten Lebensstils, dem Ende des je eigenen Lebens, dem möglichen Ende der Menschheit – wohl nicht durch das Virus, aber vielleicht durch Aufrüstung oder Klimaerhitzung. (Insofern gleicht „Fridays for Future” den Rüstungsgegnern von früher.)

Im SZ-Magazin war am 8.5.2020 zu lesen: „‚Alles wird gut‘ – das kann eigentlich nur behaupten, wer an Erlösung und Auferstehung glaubt.“ Wenn wir Angst haben vor der eigenen Courage, will heißen: vor der uns anvertrauten Botschaft, dann springt sie uns in der säkularen Presse entgegen. Mit den Worten Karl Rahners: „Wo sind heute die Propheten, die laut schreien: ‚Suchet zuerst das Reich Gottes‘, Propheten, die dieses Reich Gottes selber nicht noch einmal mit einer sublimeren Stufe des Glücks und der Wohlfahrt dieser Welt verwechseln, Propheten, die diese Verkündigung nicht darum sich leisten, weil es ihnen sowieso schon sehr erträglich in dieser Welt geht, sondern ihren Ruf erheben inmitten apokalyptischer Ängste?“ (FS W. Joest, 1979)

Die frohe Botschaft an diesem Sonntag? Eben dies, dass wir uns das Wach-Sein leisten können, dass wir keine Beruhigungsmittel austeilen müssen, dass das Ende des Vertrauten nicht das Ende schlechthin ist, dass unser Sterben nicht die letzte Katastrophe ist, dass das Reich Gottes die Hauptsache ist und nicht die Erhaltung kirchlicher Strukturen. – Das alles sagt sich schnell, aber es will durchgearbeitet sein angesichts der Erschöpfung, die der Winter 2020/21 für viele Menschen bringen wird.

Als Predigtlied schlage ich vor: „Du höchstes Licht, ewiger Schein“ (EG 441).

Rainer Oechslen

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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