Ein Trostbrief für das Leben in der Fremde

Der erste Seelsorgebrief in der Bibel. In Babylon, im Exil, an einem scheinbar gottverlassenen Ort lässt Gott selbst seiner Gemeinde sagen: „Ich habe Gedanken des Friedens über euch. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung.“ Wohltuend klingen diese Worte aus: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ Ein Trostbrief für das Leben in der Fremde. Denn da hocken sie ja an den Wassern Babylons und weinen (Ps. 137): die ganze Oberschicht Judas und Jerusalems, der König, die Priester, Grundbesitzer, Handwerker, Kaufleute. Früher auf der Sonnenseite des Lebens, jetzt verschleppt ins Land des Feindes. Was Jeremia ihnen sagt, ist erst mal eine Zumutung: 70 Jahre Exil, 70 Jahre Leben in der Fremde werden ihnen vor Augen gestellt. Wir kommen schon mit 70 Tagen Corona kaum zurecht. Was, wenn es 70 Wochen werden, bis ein Impfstoff da ist oder das Virus sich verflüchtigt hat? 70 Stunden auf der Intensivstation können sehr lang sein, kaum auszuhalten unter Druckbeatmung. Wo ist jetzt Gott? Was sollen wir tun? Wer sind die falschen Propheten und wer die richtigen?

Was Jeremia sagt, klingt hart: Keine Lösung schon morgen! Sich einrichten in dem Leben, wie es jetzt nun mal ist. Es für möglich halten, dass Gott sich suchen lässt, anrufen und bitten, hier in der Fremde, in diesem nicht selbst gewählten Leben. In so einer Lage nicht falschen Hoffnungen anzuhängen, ist schwer. Stattdessen das Schicksal anzunehmen und Nüchternheit zu lernen, dazu braucht es wohl einen Anstoß von außen: „Baut Häuser! Pflanzt Gärten! Freundet euch an mit dem Leben, wie es jetzt gerade ist!“

Gott lässt seiner Gemeinde sagen: Ich bin hier. Nicht nur dort, wohin ihr euch sehnt. Nicht nur auf dem Zion, nicht nur zuhause, sondern hier, wo ihr seufzt und weint. Da, wo ihr euch so fremd fühlt, so fehl am Platz. Schaut hinauf, erhebt eure Hände, betet. Ich höre es, ihr seid nicht allein. Ich bin heute schon da, sagt Gott, und nicht erst, wenn Covid-19 vorbei ist. Ich bin da, wenn ihr etwas sehr Schweres durchmachen müsst: Tage im Krankenhaus, Wochen ohne Besuch, Monate ohne Lösung.

Trotz eines schweren Schicksals das Leben üben, nicht bloß irgendwie die Zeit überdauern, sondern das eigene Leben füllen und dabei auf Gott vertrauen, darum scheint es zu gehen. So zu glauben will gelernt sein. Und es ist wohl keine Frage des Könnens, sondern des Einübens: anrufen, hingehen, bitten, suchen, finden. „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“ – in dieser Bewegung zwischen Gott und Mensch ist schon viel von der Verheißung enthalten, die über all dem steht: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Daneben steht Gottes Versprechen, dass das Leid begrenzt ist. Damals waren es 70 Jahre. In jeder Zeit, in jedem persönlichen Schicksal muss ein neues Maß gefunden werden. Aber in aller Zeit, die unter Gottes Gedanken steht, gilt es, das Alltägliche zu lernen: Gärten zum Blühen zu bringen, das Wohl des anderen zu suchen, den Frieden einzuüben, und nicht aufzuhören, den zu suchen, der schon da ist, nämlich Gott.

 

Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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