Die Wahrheit bekennen

I. Unterscheidungen

„Wer die Wahrheit nicht kennt, ist bloß dumm“, sagt Bert Brecht. „Wer aber“, fährt Brecht fort, „die Wahrheit kennt und verschweigt sie, der ist ein Verbrecher.“ Im Stück „Das Leben des Galilei“ bedenkt Brecht so zentrale Fragen zur Wahrheit und zum Bekennen. Dabei ist es mit der Wahrheit nicht so einfach: Schließlich hat Galilei die Behauptung, die Erde drehe sich – in Anschluss an Kopernikus‘ Aussagen – eben doch um die Sonne am Ende öffentlich widerrufen und somit sein Leben gerettet. Anders Giordano Bruno, der in den Märtyrertod ging – aufgrund der gleichen Lehre, die ihm als Irrlehre vorgeworfen wurde. Ist es nicht die gleiche Wahrheit, um die es hier geht?

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers unterscheidet folgendermaßen: Es gibt eine Wahrheit, die durch Widerruf leidet, und eine Wahrheit, deren Widerruf sie nicht antastet. M.a.W.: Eine Wahrheit, die mit mir selbst identisch ist, und eine Wahrheit, die ohne mich bestehen kann. Es gibt – so Jaspers – Richtigkeiten, die beweisbar sind. Dafür lohnt das Sterben nicht. Es gibt aber auch eine Gewissheit, die so mit dem Menschen, der sie innehat, verbunden ist, dass er davon nicht lassen kann, ohne die Wahrheit dahinter zu verletzten. Diese Gewissheit von Wahrheit kann nicht bewiesen werden wie wissenschaftliche Erkenntnis von endlichen Dingen. Diese Wahrheit als Gewissheit ist so mit dem Grund meines Daseins verbunden, dass ich vergehen müsste, wenn ich sie leugnete.

II. Matthäus und der Reformationstag

Die zweite Rede (nach der Bergpredigt), die sich bei Mt. in Kap 10,5-42 findet ist die sog. Aussendungsrede. Hier wird am Ende das Entzweien um Jesu willen angekündigt. Etliche Einschübe von Q finden sich dort, v.a. die Unterscheidung zwischen offenbar und verborgen, sowie Finsternis und Licht. Hier geht es um die Mission, so wie der Missionsbefehl in der Summe als der hermeneutische und exegetische Schlüssel für das Evangelium nach Mt. verstanden werden kann. Vermutlich besteht in der Gemeinde, an die Mt. sich wendet, einer der Konflikte eben in der Auseinandersetzung mit jenem Gemeindekern, der aus dem Kreis radikaler Wandercharismatiker (Q!) hervorgegangen ist.

Rot ist die Farbe der Bekennerfeste: Kirchweih, Konfirmation, Reformation gehören dazu, aber auch Pfingsten, weil ohne den Heiligen Geist ein Bekenntnis nicht möglich wäre. Rot deutet so auf beides hin: die Farbe der Liebe – das Brennen im Geist – und die Farbe des Blutes: Bekennen kann dem eigenen (Über-)leben schädlich sein. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ – So wird Luthers Aufruf am 17. April 1521 beim Reichstag zu Worms in jedem Lutherfilm zitiert. Eigentlich hat er gesagt: „Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ „Darum fürchtet euch nicht!“ (V. 31a) sagt der Bibeltext: Es ist der Aufruf, der dem Reformationstag am nächsten liegt: sich zu bekennen zu den Grundlagen, die mein Leben bedingungslos ausmachen.

III. Bekennen

„Bekennen als Tat des Glaubens an Jesus Christus heißt: […] in seinem ganzen Dasein der in jener Zugehörigkeit veränderte Mensch sein“ (Karl Barth). Hier geht es um mehr als nur äußere Lippenbekenntnisse. Um mehr als nur Forderungen moralischer oder ethischer Art. Hier geht es um den Kern dessen, worauf ich mein Leben aufbauen möchte – oder besser: wo ich erkenne, worauf mein Leben aufgebaut ist. Die Radikalrhetorik Luthers (EG 362,4) verweist auf diesen Kern: „Lass fahren dahin, sie haben’s kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben“. In den Fragen unserer Zeit wird es weniger um martialische Verzichtserklärungen gehen, sondern darum, worauf ich meine Hoffnung setzen kann und welche Hoffnung mir überhaupt zugesprochen ist. Kann ich – darf ich darauf vertrauen, dass wir „kostbarer [sind] als viele Sperlinge“ (V. 31b) und dass es ein Ziel für mein Leben gibt, auch wenn ich es nicht immer sehen kann? Diesen von Gott zugesprochenen Wert und diese Würde zu glauben, die Gewissheit zu haben, dass das Reich Gottes mir zugesprochen ist, wird mein Leben im Hier und Jetzt ändern: mir Gelassenheit und Freiheit geben, gerade weil sie nicht aus mir selber heraus kommen muss und weil sie größer ist als ich.

 

Mark Meinhard

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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