Wie der Sabbat wieder zur Hilfe für den Menschen wird

1. Biblischer Kontext1

(Sabbat)Konflikte mit den Pharisäern und Schriftgelehrten gehören ins Leben Jesu. Mk. 2,1-3,6 überliefert fünf Streitgespräche in Folge, in denen sich der Gegensatz bis zum Antrag auf Todesstrafe steigert (3,6). Ausgangspunkt der Perikope ist die unterschiedlich strenge Auslegung des dritten Gebots. Grundsätzlich stellt sich auch hier die Frage, wie Jesus und seine Jünger mit dem Gesetz Gottes umgehen.

Die Haltung Jesu ist radikal. Er versteht das Gesetz Gottes als Geschenk und Hilfe für den Menschen. Wo es zur Last wird und sich verselbstständigt, verfehlt es seinen Sinn. Deshalb bringt es Jesus neu zur Geltung. Mit seiner barmherzigen Auslegung des dritten Gebots liegt es Jesus fern, den Sabbat abzuschaffen. Sein Anliegen ist es, den Sabbat wieder in seiner ursprünglichen Intention zur Hilfe für den Menschen werden zu lassen. Es wäre deshalb fatal, seine Verteidigung des Ährenraufens der Jünger zu missbrauchen, um das Sabbatgebot für Christen grundsätzlich in Frage zu stellen.

In der Autorität Gottes beansprucht der „Menschensohn“ (Jesus spricht damit in verhüllter Weise von sich selbst), der Herr über die Auslegung der göttlichen Gebote und damit auch Herr über den Sabbat zu sein (2,28). Dieser Anspruch führt ihn in tödliche Konflikte mit den Pharisäern. Ob seine Gegner die spitzfindige Begründung akzeptierten, dass in Jesus mehr als David und der Tempel begegnen (2,25f), steht auf einem anderen Blatt.

Jesus macht seinen Jüngern und seinen Gegnern unmissverständlich deutlich: Ich bin der Herr über den Sabbat! Im Streit mit den Pharisäern geht es somit um viel mehr als ein Auslegungsproblem der Heiligen Schrift. Letztlich spitzt sich der Konflikt mit Jesus auf seine Person zu: Wer hat die höchste Autorität – über das Gesetz Gottes, die Schöpfung und den Sabbat?

Zusammengefasst: Wie wird der Sabbat wieder zur Hilfe für den Menschen? Indem die Menschen von unbarmherzigen Auslegungen befreit werden und Jesus die Regie über diesen besonderen Tag übernimmt. Damit sind wir bei einem möglichen Leitgedanken.

2. Zur Predigt

Allerdings: Der Inhalt der Perikope bereitet für heutiges Verstehen in mehrfacher Weise Schwierigkeiten: 1. Schon die geschilderte „Selbstversorgung“ der Jünger in einem Kornfeld als Auslöser des Konflikts ist befremdlich. 2. Auch der eigentliche Kern des Streits um die (göttliche) Autorität Jesu und das Ringen um eine angemessene Lebenspraxis der göttlichen Gebote erschließt sich nicht beim ersten Hören. 3. Jüdischer Sabbat und christlicher Sonntag sind nicht bruchlos in einen Zusammenhang zu bringen.

Ich plädiere dafür, für die Predigt nicht dem Streit um Jesus und den Sabbat zu folgen, sondern positiv zu entfalten, wie wir heute das dritte Gebot beherzigen und den Sonntag als Hilfe zum Leben mit Gott gestalten können.

3. Die Wiederentdeckung des Sabbats und die Rettung des Sonntags2

Von Rabbi Abraham Joshua Heschel stammt die schöne Formulierung, den Sabbat als ein „Heiligtum an Zeit“3 zu verstehen. Nicht heilige Orte, sondern heilige Zeiten zeichnen das jüdische Leben aus und haben dazu beigetragen, die Zerstörung seiner heiligen Orte zu überleben. Auch Jesus, dem Juden, war es ein wichtiges Anliegen, den Sabbat neu in Kraft zu setzen – in der Bindung an ihn, der den Willen Gottes erfüllt.

Daraus ergeben sich weiterführende Anregungen: Wie kann uns die Würdigung des jüdischen Sabbats inspirieren, den christlichen Sonntag in guter Weise (neu) zu gestalten? Wie kann der Sonntag für den Menschen da sein?

 

Anmerkungen

1 Vgl. Eduard Schweizer, Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, 18. Aufl. 1998, 28-38.

2 Vgl. Christoph Joest, Aus Gottes Fülle leben. Den Sonntag feiern, Gießen 2003, 32.

3 Ebd., 11.

 

Albrecht Schödl

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.