daß wir Gott samt allen seinen Gütern zu eigen kriegen“1

Die Kommentare2 beginnen ausnahmslos mit 4,17 einen neuen Abschnitt. Dessen Ende wird verschieden gesetzt. Um den Predigttext nicht überlang werden zu lassen und weil V. 30 im Bewusstsein vieler ein zu großes Eigengewicht hat, würde ich V. 17-29 verlesen und in der Predigt mich nach den grundlegenden V. 22-24 nur exemplarisch auf die insgesamt zwölf Imperative der erweiterten Perikope beziehen. Diese ist m.E. von den Texten her, sowie im Bedenken dogmatischer und ethischer Grundfragen und der verschiedenen Sprachmodi her zu verstehen und zu predigen. Dazu die folgenden drei Punkte:

1. Unmittelbarer Kontext unserer Perikope ist der Eph. insgesamt; augenfällig ist die teilweise wörtliche Verwandtschaft unserer Perikope mit Kol. 3,8-10.12; außerdem lese man Apg. 19,1-20.

2. Theologisch zentral ist das Mit- und Ineinander von simul iustus et peccator, göttlicher und menschlicher Aktivität, von Evangelium und Gesetz, Indikativ und Imperativ bzw. Gabe und Aufgabe. Differenziert man hier nicht, predigt man entweder moralinsauer oder aber konkretions- bzw. folgenlos.3 Vom Eph. her: Der neue Mensch ist keine Eigenproduktion (Selbstoptimierung); vgl. V. 23 á¼€νανεοῦσθαι. Er ist von Gott geschaffen (V. 24), wird durch Christus gewirkt (4,32 und 5,2) und soll durch Nachahmung (5,1) angeeignet werden. Das bedeutet „Herzensbildung, meint Formung der Seelen- und Glaubenskräfte“ (Gese, 117).

3. Für die Predigt ist vorstellbar:

a) eine Dialogpredigt zwischen altem und neuem Menschen. Karlheinz Böhm sagte einmal: „Ich kann die Welt nicht verändern, aber einen einzelnen Menschen, mich selber.“

b) eine „Philosophenpredigt“: Auseinandersetzung mit Nietzsches „Übermensch“, versinnbildlicht in dem Spitzensatz: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“

c) ein Familiengottesdienst mit (möglichst theatralischem) Bezug auf Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und/oder Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“.4

d) Mehr im Modus der Bitte könnte auf dem Hintergrund des Wochenspruchs mit EG 390,1-3 das Vaterunser („dein Reich komme … auch zu mir“ und „Dein Wille geschehe … auch durch mich“; vgl. BSLK, 375-378) gepredigt werden.

 

Anmerkungen

1 BSLK, 676.

2 Der jüngste stammt von M. Gese (2013); vgl. auch seine Dissertation („Das Vermächtnis des Apostels“, 1997) und seinen Kommentar zum Kol. (2020).

3 Dagegen Martin Luther im ersten Satz seiner Predigt am 7.10.1537: „Dies ist eine Vermahnung an die Christen, daß sie ihrem Glauben auch Folge tun durch gute Werke und neues Leben.“ (WA 45,161-164) Sehr deutlich auch in seiner Epistelauslegung (hrsg. v. E. Ellwein: Luthers Epistelauslegung 3, Göttingen 1973, 72).

4 S. dazu die Meditation von Chr. Böttrich, in: GPM 74/2020, 484-490.

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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