Was soll gelten in unserer Zeit?

Der Text

Der Kontext (vor allem 29,21-24) lässt die grauenvolle Situation erahnen, die sich nach Einnahme und Zerstörung Israels den Rückkehrern aus dem babylonischen Exil geboten hat. Die katastrophale Lage wird theologisch als Folge der Abkehr Israels vom Sinaibund gedeutet. Mit einem erzählerischen Kunstgriff versetzt der Verfasser die angefochtene Gemeinde erneut an die Schwelle des gelobten Landes mit der Frage: Was soll gelten, wenn die Geschichte noch einmal neu beginnen darf? Wie kann Treue zum Bund mit Gott gestaltet werden?

Gegen ein resignatives „Das können wir nicht“ wird ein theologisch-pädagogisch begründetes „Es ist möglich“ gesetzt. Die Erfüllung des Gebots (mizwa) ist kein fernes, nur religiösen Spitzensportlern erreichbares Ziel, sondern es ist „ganz nahe bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen“. Das Gebot, das vom Hören (sch’ma jisrael) über die gesprochene Erinnerung und Vergewisserung (Mund) im Herzen zur Tat angeleitet wird: „dass du es tust“ (la asoto´). Melanchthon spricht in diesem Zusammenhang vom tertium usus legis.

Predigtidee(n)

Jede Generation steht angesichts von Krisen vor der Frage, wie es weitergehen, was gelten oder was verändert werden soll. Die Frage der Corona-Pandemie drängt sich als aktuelles Beispiel auf. Aber auch die Wiederkehr eines engstirnigen Nationalismus, oft verbunden mit Rassismus. Was soll gelten in einer Zeit, in der wichtige Abrüstungs- und Deeskalationsverträge mit einem Federstrich gekündigt werden? Warum kehren ausgerechnet in diesem Jahr mehr (zumeist junge) Menschen als vorher der Kirche den Rücken? Wie könnte ein fiktives Gespräch mit den anwesenden Konfis an der Schwelle der Adoleszenz über das aussehen, was sie für hilfreich für ihr Leben erachten (am besten vorbereitet in einer Unterrichtsstunde)

Angesichts der für die Rückkehrer aus dem Exil desolaten Situation im Land und der Frage, wie es nun weitergehen soll, klingt der Text tröstlich. Was wichtig und lebensförderlich ist, ist nicht fern und nur schwer zu erreichen. Es ist nahe bei dir, in dir, in Mund und Herz. Du hast es schon gehört, hast es memoriert; es ist in deinem Herzen angekommen. Du musst es jetzt nur noch be-herzigen, es tun lassen, was es tun möchte, dich ihm zur Verfügung stellen.

Stimmt das auch heute? Ist es bereits in den Herzen aller? Hat jeder und jede es gehört und könnte es benennen? Haben nicht viele bereits vergessen, dass sie Gott vergessen haben?

Erziehung im Glauben, Religions- und Konfirmandenunterricht sind nicht unwichtige Voraussetzungen. Aber auch jede Diskussion und Auseinandersetzung in Sachen Klimaveränderung, Erhaltung der Schöpfung, Geltung der Menschenrechte für alle trägt mit dazu bei, Herzen zu bewegen. Natürlich bringt nicht jeder alles mit, aber in einer Gemeinde „hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung“ (1. Kor. 14,26). Das alles dient der gemeinsamen Erbauung und Förderung des Lebens und der Lebensmöglichkeiten. Und was die Herzen bewegt, bewegt dann auch die Hände und Füße auf dem Weg zum Leben. Das Wort, das zum Leben führt, ist nicht Eigentum religiöser Spezialisten oder eines hierarchischen Lehramtes, sondern aller, deren Herz bewegt und deren Handeln davon initiiert wird.

Landen wir dann doch bei der Werkgerechtigkeit im Sinne von „Wir schaffen das schon“? Paulus spielt in Röm. 10,6-8 sehr deutlich auf unseren Text an, verändert aber das die Tora meinende „Wort“ (dabar) in das „Wort vom Glauben“ (Í‘ρημα τής πίστεως). Also doch Werkgerechtigkeit versus Gerechtigkeit aus dem Glauben? Dem ist zu entgegnen, dass sowohl im Dtn. als auch in der späteren prophetischen Überlieferung die Erneuerung Israels das Werk Gottes ist durch die Gabe eines neuen Herzens und eines neuen Geistes bzw. der Beschneidung des alten Herzens. Dem korrespondiert bei Paulus, dass das zum Glauben Kommen durch das Hören der Predigt ebenfalls kein Automatismus, sondern ein schöpferischer Akt Gottes ist und bleibt. Die Frage nach Gerechtigkeit und Rechtfertigung stellt sich übergreifend in beiden Testamenten und ist deshalb kein Grund, sich wechselseitig auszuschließen.

Gott schenkt uns sein Wort, hat es uns längst geschenkt. Wo wir uns von ihm bewegen lassen, dem folgen, was es in uns bewegt, geschehen lebens- und glaubensfördernde Zeichen.

 

Lieder und Liturgie

EG 414 „Lass mich, o Herr, in allen Dingen“

EG 176 (Liedruf) „Öffne meine Augen“

EG 428 „Komm in unsre stolze Welt“

EG 614 (EKHN) „Lass uns in deinem Namen, Herr“

EG 615 (EKHN) „Kehret um … und ihr werdet leben“

Wochenpsalm: Ps. 1

Evangelium: Mk. 10,17-27

 

Michael Karg

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.