Vertrau mal wieder!

Wird schon gut gehen, oder? Ende Mai. Pandemie-Entspannung mit unsicherem Ausgang. Da liegt der Brief auf dem Tisch. Seine Worte tun mir wohl, vor ­allem die Parabel.

Im Anfang war der Brief

Briefe schreiben ist mit einem inneren und äußeren Aufwand verbunden. Auch zu Zeiten des Paulus. Man musste ein Brettchen kaufen, auf dem Farbfässchen, Metallgriffel, ein Schabeisen und eine Papyrusrolle angebracht waren. Ein Schreiber setzt sich zu Paulus Füßen. Der beginnt zu diktieren. Und dann wird Weltgeschichte geschrieben. Denn an dieser Stelle beginnt das NT. Das Christentum ist eine Religion, die auf Briefen gründet.

Der Brief in der Krise

Der Brief ist eine Ausdrucksform, von der heute nicht mehr viel erwartet wird. „Schreib mal wieder“ – das legendäre Werbe-Motto ist im Museum gelandet. Der Brief pflegt ein Schattendasein. Viele schnellere Mittel und Wege gibt es –Technik sei Dank –, um heutzutage über die Distanz hinweg nahe zu bleiben. Neue Medien werden dieser Tage gerade auch in der Kirche regelrecht hochgejazzt, Online-Gottesdienste etwa als hochwertiges, deshalb auch zukunftsfähiges Format angepriesen. Es wird sich zeigen, was nach dieser Euphorie Bestand hat. Ob es sich dabei, um bei den Worten des Paulus zu bleiben, um Gold, Holz oder sogar nur Stroh handelt. Der Coronavirus hat immerhin bewirkt, dass der Brief wieder ein wenig ins Bewusstsein gerückt ist. Allem Anschein nach war das aber nur ein kurzes Strohfeuer. Hat diese jahrtausendalte Kulturform eine Überlebenschance?

Der Briefeschreiber Paulus

Paulus zeigt, was ein Brief zu leisten vermag. Anlass seiner Schreiben sind oft Irrungen und Wirrungen in den Gemeinden, in denen Paulus „als weiser Baumeister den Grund gelegt“ hat. Seine Briefe zeigen den von „der Gnade, die mir verliehen wurde“, getriebenen Gemeindegründer mit der Feder von einer Front zur nächsten eilen, hier ein Leck schließen und dort gegen eine Feuerbrunst schreibend ankämpfen. In seinen Schreiben an die jungen Gemeinden kratzt er aber nicht nur an der konkreten Oberfläche. Wer schreibt, hält fest, hebt den Inhalt aus der flüchtigen Zeitlichkeit heraus. Paulus greift aus, bohrt tiefer, treibt ins Grundsätzliche und hebt damit das Medium Brief auf ein völlig neues intellektuelles Niveau. „Die Briefe führen vor Augen“, so der Theologe und Lyriker Christian Lehnert, „was es heißt, ganz bejahend in der Welt zu leben, ohne in ihr letztendlich beheimatet zu sein“. Aus den Briefen an die Gemeinde wurden Rundschreiben, die bald dann auch zur DNA der neuen Religion gehörten.

Können wir noch vertrauen?

Seitdem der Virus innerhalb kurzer Zeit die Welt außer Kraft gesetzt hat, ist das Vertrauen in die Kontrollierbarkeit des Lebens ins Wanken geraten. „Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben“, so die Philosophin Annette Baier, „wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wenn es knapp oder verschmutzt ist“. Worauf ist Verlass? Etwas Festes muss der Mensch haben, hat Matthias Claudius gesagt. Die Frage nach dem festen Grund in der Tiefe stellt sich nicht erst heute. Sie ist eine Frage, die zum Menschsein gehört, um die es gerade auch bei den Auseinandersetzungen in Korinth ging.

Worauf ist noch Verlass? Auf uns nicht. Auf die Technik nicht. Auf die Natur nicht. Aber auf ihn, genauer gesagt, auf das Kreuz Jesu ist Verlass, auf das Zeichen der Schwachheit, auf das Zeichen des Todes, sagt Paulus. Das Fundament ist gelegt: Jesus Christus. Vertrauen bedeutet immer, dass wir uns in andere Hände begeben. Das Vertrauen zum gekreuzigten und auferstandenen Christus entlastet uns so zuerst und vor allem von uns selbst. Wir selbst brauchen uns nicht mehr zu tragen. Vertrauen kann man weder befehlen noch erzwingen. Immer noch scheiden sich die Geister, ob einer den Schritt hinaus machen will in das Vertrauen.

Etwas einfacher als Paulus erzählt die Parabel im eingangs erwähnten Brief von diesem Vertrauen. Ein Vogel liegt auf dem Rücken, die Füße nach oben gestreckt. „Was machst du?“ fragt ein anderer. „Ich trage den Himmel. Ohne mich stürzt er ein.“ Fällt ein Blatt vom Baum, der auf dem Rücken liegende Vogel fliegt erschreckt davon. Nicht wir tragen den Himmel. Der Himmel trägt uns.

 

Dieter Kümmel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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