Ich und Gott – Gott und ich

Einleitende Überlegungen

Die Parabel des Lk. leuchtet sofort ein. Darin liegt die Tücke. Sobald ich mich selbstverständlich mit dem Zöllner identifiziere und so auf der „richtigen“ Seite wähne, werde ich schon zum Pharisäer. Wir tragen den Zöllner und den Pharisäer in uns. Wir sind, reformatorisch gesprochen, simul iustus et peccator.

Dies gilt es in der Predigt zu entfalten, und zwar so, dass die Predigt eine Einladung, eine Ermutigung ist, sich selbst meditativ und betend coram Deo mit der luk. Parabel auseinanderzusetzen. Dass dieser Text in der unglücklichen Tradition eines christlichen Antijudaismus steht, sollte beachtet und, gerade eine Woche nach dem Israelsonntag, zumindest einleitend in der Predigt erwähnt werden.

Zöllner oder Pharisäer?

Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!

(Der Salto von Eugen Roth)

Wie wäre es, diese Perikope mit Gedanken Bonhoeffers, dessen Todestag sich zum 75. Mal gejährt hat und der von anderen mitunter als überheblich wahrgenommen wurde, ins Gespräch zu bringen?

Zöllner und Pharisäer stehen jenseits konkreter historischer Personengruppen für den entzweiten Menschen, der nicht in der Unmittelbarkeit mit seinem Schöpfer lebt. Sie stehen für das Leben unter den Bedingungen der Sünde, deren Realität zu benennen ist, ohne Banalisierung einerseits und anthropologische Destruktivität andererseits.

Hilfreich finde ich Bonhoeffers Unterscheidung von Jünger und Pharisäer: Der Jünger handelt nicht besser als der Pharisäer, aber letzterer will aus eigener Kraft das Gesetz erfüllen und so Gerechtigkeit erlangen, während der Jünger weiß, dass einzig Christus das Gesetz erfüllt hat. Es geht also um die Haltung des Menschen Gott und den Mitmenschen gegenüber. Mit Demut allein ist es nicht getan, denn auch sie kann selbstgerecht daherkommen.

Der Seitenblick des Pharisäers auf die Mitmenschen und deren Verfehlungen gehört zu unserem Sünderdasein. Wir kennen Beispiele. Wer in der Einheit mit Gott lebt, richtet nicht im Sinne eines Verurteilens, so Bonhoeffer. Es gibt ein Richten der Versöhnung, das im Geist Christi hilft, aufrichtet, zurechtbringt, ermahnt und tröstet.

Was heißt das, wenn wir zur Umkehr rufen? Was heißt das in einer Gesellschaft und einer Welt, in der Schuldige gesucht werden, aber kaum jemand die Größe hat, sich schuldig zu bekennen? Was heißt das für den Umgang untereinander in Kirche und Gemeinden, wenn es um unterschiedliche Positionen geht? Wie steht es mit der geschwisterlichen Liebe und der Bitte um Vergebung der eigenen Schuld?

Das Gebet als Lebenshaltung

Die Corona-Krise hat viele ungelöste Probleme und Missstände unserer Welt (Dogma des Wirtschaftswachstums, Missachtung der geschöpflichen Existenz des Menschen und der ganzen Schöpfung, Hunger und Kriege, Burnout, Vereinsamung) ans Licht gebracht. Innehalten und Umkehren tut not. Wir alle sind bedürftig.

Gott lädt uns ein zu beten – mit den Psalmen und dem Vaterunser (vgl. den Predigttext am Sonntag Rogate dieses Jahres). Die Kraft des Gebets wird sich erweisen. Wir dürfen uns dankbar in die jüdische Gebetstradition einreihen und unsere ganze Existenz mit Fühlen, Wollen, Denken und Handeln vor Gott, unserem Schöpfer und Retter, ausbreiten. Er möge uns zurechtbringen – aus lauter Gnade.

Bonhoeffers Gebet („Wer bin ich?“) kann in die Liturgie aufgenommen werden: Damit lege ich mich und die ganze Gemeinde in der Nachfolge Jesu Christi und gleichzeitig im Sein als Pharisäer und Zöllner in Gottes Hände.

 

Lieder und Liturgie

EG 299 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“
Wo wir dich loben, 51 „Herr, ich komme zu dir“
EG 589 (Württ.) „Meine engen Grenzen“
Ps. 130

 

Literatur

F. Bovon: Das Evangelium nach Lukas (EKK III/3), 2001; D. Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, Gütersloh 1998, v.a. 66.311-324; D. Bonhoeffer, Nachfolge, DBW 4, 21994, v.a.121.157-160; D. Bonhoeffer, Die Psalmen. Das Gebetbuch der Bibel, Gießen 242019; D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Gütersloh, 161997, v.a. 187

 

Anja Wessel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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