Getrennte Geschwister

„Jude ist doch ein Schimpfwort“, sagt ein Konfirmand, als ich in der Gruppe vom Juden Jesus spreche. Ob auf dem Schulhof oder in der Kirche, antisemitische Klischees halten sich hartnäckig. Kürzlich begegnete mir der „Rachegott des Alten Testaments“ – ausgerechnet aus dem Mund eines Christen, der sich vor Ort für interreligiöse Begegnungen engagiert. Der Text Röm. 11,25-32 gibt Gelegenheit, überkommene Vorurteile und Missverständnisse zu bearbeiten und deutlich zu machen, was Israel und sein Glaube für uns Christen bedeutet. Dabei gilt: Verantwortliches Reden über das Judentum, also auch verantwortliches Predigen, hat so zu geschehen, als wären Jüdinnen und Juden anwesend. Und nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale, wo am Jom Kippur 2019 nur eine Tür den zum Massenmord entschlossenen Täter und die Gemeinde trennte, ist das Thema von Leid und Gefährdung von Juden in Deutschland leider wieder beklemmend nah. Es wird am Israelsonntag 2020 dazugehören.

Paulus über Israel in Röm. 9-11

Paulus’ Reden über Israel in Röm. 9-11 ist durchaus kritisch. In seinen Augen ist die Beziehung des erwählten Volkes zu Gott belastet. Israel hat das Gesetz „nicht erreicht“ (9,31) und ist insofern „gestrauchelt“ (11,11). Auch im Predigttext verwendet Paulus den später gerne isolierten und missbrauchten Begriff der Verstockung Israels (11,7ff.25). Und doch stellt der Apostel durchweg klar: Die christliche Kirche löst Israel nicht ab. „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“, dämpft Paulus den aufkommenden Hochmut der christlichen Gemeinde. Christinnen und Christen sollen erkennen, dass Gottes fortbestehender Bund mit Israel die Grundlage auch ihrer Erwählung ist. Und dabei geht es nicht nur um die Herkunft, es geht um die Zukunft.

Die Predigtperikope ist der Gewährstext der Absage gegen jegliche Judenmission. Paulus führt aus, dass Gottes Erbarmen die gemeinsame Perspektive der Hoffnung für Menschen jüdischen wie christlichen Glaubens ist. Den hohen Rang dieser Glaubenswahrheit betont der Apostel, indem er sie „Mysterion“ nennt. Es bleibt Gottes Geheimnis, welche Wege er mit seinen Auserwählten gehen will. Auf jeden Fall sind es Heilswege, in denen er sich selbst und seinem Wort gegenüber Israel treu bleibt: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (Röm. 11,29)

Der Text als Beziehungsportrait

Die Dialektik, mit der Paulus das Spannungsfeld des jüdisch-christlichen Verhältnisses beschreibt, hat etwas Verwirrendes: Juden gelten den Christen als Feinde und sind doch in Gottes Perspektive Geliebte; beide erleben abwechselnd Ungehorsam und Vergebung. Dabei bleiben sie noch im Zerwürfnis unlöslich aneinander gebunden.

Wo gibt es so widersprüchliche Beziehungen? Da, wo große Nähe besteht. Mich lässt das an Geschwister denken. Gerade in ihrem engen Miteinander passieren schmerzhafte Verstrickungen. Geschwister stehen in Konkurrenz, streiten um Rang, um Anerkennung, ums Rechthaben. Das kann sehr tief gehen. Sodass man sich fremd und misstrauisch gegenübersteht. Kontaktabbruch kommt in Familien häufiger vor als man denkt. Dabei ist man in die Verbindung hineingeboren, unwiderruflich. Und man wird einander nicht vergessen; man bleibt Bruder, bleibt Schwester, selbst wenn man sich nicht mehr sieht.

Christen und Juden als getrennte Geschwister. Paulus bringt diese Analogie nicht. Aber die Predigt könnte den Vergleich wagen: Am Anfang war man sich sehr nah. Die ersten Christen waren auch Juden, die ursprüngliche Verbindung noch ganz greifbar. Über das Bekenntnis zu Christus kam es zum Konflikt und zum Bruch. Paulus betont trotzdem das Verbindende. Das ist großartig und wegweisend.

Ohne Judentum können wir nicht Christen sein

Die Predigt könnte versuchen fassbar zu machen, dass wir ohne Judentum nicht Christen sein können. Sie könnte Jüdisches benennen, das für uns grundlegend ist: den Juden Jesus und Paulus, den jüdisch-christlichen Völkerapostel; die hebräische Bibel; das prophetische Wort in beiden Testamenten; die Grundlagen einer Sozialordnung, die Schwache und Arme schützt; das Doppelgebot der Liebe; das Halleluja und die Psalmen. Vielleicht ließe sich diese Liste sogar im Gespräch mit der Gemeinde entwickeln.

Antisemitische Bedrohung und christliche Verantwortung sollten zur Sprache kommen. Das Fürbittgebet kann die Hoffnung aufgreifen, die aus Christen und Juden „eine Solidargemeinschaft der Wartenden“ macht (vgl. https://www.ekir.de/www/downloads/ekir2008absage_judenmission.pdf, S. 4). Aus der Agende der Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck stammt das folgende Gebet: „Mit Israel bitten wir Gott um Erbarmen. Mit Israel danken wir Gott für seine Gnade. Mit Israel hoffen wir auf den Herrn.“ (https://www.ekir.de/www/downloads/ekir2008arbeitshilfe_christen_juden.pdf, S. 61)

 

Lieder

EG 302, 1-2 (!) + 4 „Du, meine Seele singe“

EG 326, 1-3.5 „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“

 

Almuth Koch-Torjuul

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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