Grenzüberschreitungen

Eine Berufungsgeschichte

Fast wäre ich geneigt zu sagen: eine Berufung, die wunderbar in einen „evangelischen Rahmen“ passt. Die Berufung ist als Wortgeschehen konzipiert. Keine visionsgeprägte „Prophetenweihe“ in himmlischer Entrückung und mit dichter Präsenz flügelreicher Seraphen wie bei Jesaja.

Was für Jeremia zum Lebensthema werden soll, ist ihm schon „in die Wiege gelegt“. Jeremias wird von Gott von allem Anfang an in seiner Besonderheit und Einzigartigkeit gedacht. Die Berufung versetzt an den Anfang seines Wirkens. In den vorausgehenden Versen wird dies in die Geschichte dreier namentlich aufgezählter Könige von Juda und damit überhaupt in den Gang der Welt eingeordnet. Am Ende erreicht er von 627 bis 587 die „Fülle“ der vierzig Jahre des prophetischen Wirkens. Eine mehrfache Spur zieht sich von der Berufung durch diese ganzen vier Jahrzehnte hindurch, eine Spur, die immer über bestehende Grenzen hinausweist.

Grenzüberschreitung 1

Eine Berufung ist keine Bewerbung. In letzterer liste ich selber auf, was mich für eine Stelle qualifiziert. Bewerbungen kommen meist etwas unbescheiden daher. Wollen den Blick auf die Person lenken, die Interesse an einer Stelle hat. Was Jeremia für seine Aufgabe auszeichnet, ist nichts Erworbenes. Es wird ihm zugesprochen. Sein Einwand „Ich bin dafür doch zu jung!“ wird durch die Zusage Gottes entkräftet. Nicht: „Ich bin!“, sondern: „Du wirst!“ Die Zusage Gottes gleicht aus, was Jeremia an Voraussetzung fehlt. Das „Ich bin zu jung!“ ist weniger Understatement als das Eingeständnis, nach den geltenden Regeln eigentlich nicht an der Reihe zu sein. Jeremias Berufung setzt den Normen-Kodex außer Kraft. An seine Stelle tritt der „Würde-Kodex“, der ihn aus der Perspektive Gottes in den Blick nimmt.

Grenzüberschreitung 2

Jeremia ist nicht einfach ein Lokal-Prophet aus Juda für Juda. „Prophet für die Völker“ soll er sein (V. 5), gesetzt über „Völker und Königreiche“ (V. 10). Was die Geschichte des Textes angeht, sehen die Exegeten darin mehrheitlich Spuren einer späteren Bearbeitung. Theologiegeschichtlich wird hier eine grenzüberschreitende Weitung des Gottesglaubens markiert.

Grenzüberschreitung 3

Jeremia greift mit den Worten, die er in göttlichem Auftrag spricht, wirksam und verändernd in den Gang der Dinge ein. Er vollzieht später zwar auch Symbolhandlungen. Er geht mit einem Joch auf dem Rücken durch die Welt, um zu sagen: „Ihr müsst das Joch Nebukadnezars erst einmal ertragen!“ (Kap. 27) Er kauft in Anatot, seinem Geburtsort, einen Acker, um zu sagen: „Ihr habt Zukunft!“ (Kap. 32) Aber es ist bleibend ein Wort-Amt. Was Jeremia im Auftrag Gottes zu sagen hat, bleibt nicht ohne Wirkung. Es wirkt, was es ansagt. Es reißt ein und baut auf. Es reißt aus und pflanzt von Neuem. Wortwirksamkeit – ein Geschehen, auf das wir bis heute vertrauen. Bei jeder Beauftragung auch in unserem – kirchlichen – Kontext.

Grenzüberschreitung 4

Das macht mir Mut, eine vierte Grenzüberschreitung ins Wort-Geschehen – und in die Predigt – einzuspielen; über den Text hinaus, aber im Weiterziehen der Linien, die sich aus ihm ergeben. Jeremia ist ein Wort-Mensch in göttlichem Auftrag und in der Tradition seiner Gemeinschaft und seines Glaubens. Aber Jeremia ist zugleich der Präzedenzfall eines Menschen, der wir auch sein können – und sollen. Nicht nur die Grenzen der Völker werden aufgehoben. Dasselbe gilt auch für die Grenzen, die Menschen einteilen. Jede, jeder ist bei Gott im Blick. Von allem Anfang an. Jede, jeder ist beauftragt, Gottes neue Welt in Gerechtigkeit und Frieden anzusagen: „Every life matters!“ Eine prophetische Vorwegnahme dessen, was als „allgemeines“ Priestertum theologisch viel später die Welt aus den Angeln heben wird. In der Berufung durch Gott erkennt der Prophet aus „priesterlichem Geschlecht“ (V. 1) die Würde jedes von Gott über alle Grenzen hinweg herausgerufenen Menschen. Niemandes Wort ist vergeblich. Kein Wunder, dass der Mandelbaum zu blühen beginnt (V. 11)!

 

Lieder

Wo wir dich loben, 39 „Freunde, dass der Mandelzweig“

EG 587 (Baden) „Es ist ein Wort ergangen“

EG 395 „Vertraut den neuen Wegen“

 

Traugott Schächtele

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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