Licht im Dunkel

I. Die Frage der Jünger: Wer ist schuld?

Die Frage der Jünger ist keine Frage aus vergangenen Zeiten. Sie kommt geradezu reflexartig, wenn Unheilvolles geschieht: Wer ist schuld? Wer hat gesündigt? Und die, die sie stellen, haben nicht selten eine Antwort parat, so auch die Jünger: Entweder die Person selbst oder ihre ­Eltern.

Wer hat gesündigt? Für den Theologen Friedhelm Jung ist klar, dass die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes ist, weil Gott Sünden nicht ungestraft lässt, und er weiß auch genau, welche Sünden Gott straft: Pornographie, Diebstahl, Lüge, Homo­sexualität … (Idea, 1.4.2020) Die Frage nach dem Schuldigen angesichts von Krisen und Katastrophen ist aber nicht nur eine theologische. Sämtliche Verschwörungsmythen, die in der momentanen Zeit kursieren, sind darauf ausgerichtet, Schuldige zu benennen.

Klar ist: Die Suche nach dem oder den Schuldigen bringt einen in Abstand zu den Personen, die vom Leid betroffen sind. Sie lässt Empathie vermissen, damals wie heute. Der Blinde in seiner Not interessiert die Jünger viel weniger als die Frage, wer daran schuld ist. Anders Jesus: Er sieht ihn, aber nicht wie die Jünger ihn sehen, die sich wie Kriminalisten verhalten. Jesus sieht den Blinden, wie er viele Menschen auf seinem Weg sieht: aufmerksam, achthabend, wahrnehmend, sorgend (vgl. griech. horao).

Eindeutig ist auch seine Antwort auf die Frage der Jünger: weder – noch. Hier gibt es keine Schuldigen zu suchen. Jesu Antwort kann viele Menschen aufatmen lassen, die bei sich und anderen nach Schuld und Sünde graben, oft akribisch und schmerzhaft. In der seelsorgerlichen Begleitung von Eltern, deren Kind während der Schwangerschaft gestorben war, habe ich das immer wieder erlebt, dass sie geradezu verzweifelt zu ergründen suchten, was sie falsch gemacht hatten. Es scheint, als sei das Schwere leichter zu ertragen, wenn die Schuldzuweisung klar ist.

II. Die Antwort Jesu: Ich bin das Licht der Welt

„Die Werke Gottes sollen offenbar werden an ihm.“ Mit der Antwort Jesu wird der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit von dem blinden Menschen weggenommen und richtet sich nun auf Jesus selbst, auf seine Sendung. An der Geschichte des Blinden soll deutlich werden, wozu er gekommen ist: „zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“ (Lk. 19,10). Dabei sucht Jesus die Menschen, wie sie sind und fragt nicht nach der Vergangenheit. Zu seiner Sendung gehört mehr als der Heilungsvorgang, der in seiner Kreatürlichkeit (Brei aus Erde) an die Schöpfung (Mensch aus Erde) erinnert. Wer bei der Heilung stehen bleibt (wozu die Abgrenzung der Perikope einlädt), ist schnell bei der Frage, warum nur dieser eine Mensch geheilt wird und viele andere nicht. Eigentlich geht es in der Geschichte in Joh. 9 jedoch nach der Heilung erst richtig los. Die Geister scheiden sich an Jesus. Die Unterscheidung von blind und sehend ist hochsymbolisch, denn Jesus stellt die menschliche Betrachtungsweise auf den Kopf (V. 39). Die bislang Sehenden sind nur mit sich selbst beschäftigt. Der ehemals Blinde kann in doppelter Weise sehen, indem er sehen kann, wer Jesus ist: „Herr, ich glaube“ (V. 38).

Um dieser Weitung der Heilungsgeschichte gerecht zu werden, ist m.E. das ganze Kapitel in die Predigt miteinzubeziehen. Das Wesentliche ist die Erkenntnis, die nicht im Kopf wächst, sondern erlebt wird: Jesus ist das Licht der Welt. In all dem, was geschieht, wird die Sendung Jesu offenbar.

III. Die Antwort Jesu: Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann

V. 4 sollte nicht unterschlagen werden, auch wenn er in der homiletischen Literatur wenig Beachtung findet. Wann ist die Nacht, da niemand wirken kann? Darin die Ankündigung der Passion Jesu zu sehen, ist das eine. Das andere ist, darin die vielen Passionen der Menschen, der ganzen Kreatur aufgehoben zu wissen, die mit dem Glauben an den, den Gott in die Welt gesandt hat, nicht aufhören. In den Worten Jesu klingt Jer. 13,16 an, wo vom Warten auf das Licht die Rede ist. Hier kann der Bogen zu der Frage der Jünger gezogen werden. Es gibt in der Welt viele Erfahrungen der Nacht, die die Frage nach den Schuldigen provozieren. Die aber ist nicht die Lösung. Vielmehr geht es darum, die Nacht auszuhalten in der Hoffnung, dass der, der das Licht der Welt ist, die Nacht selbst erlebt und sie überwunden hat.

 

Lieder

EG 441 „Du höchtes Licht, du ewger Schein“

EG 656 (Württ.) „Wir haben Gottes Spuren festgestellt“

 

Gertraude Kühnle-Hahn

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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