Lebensfördernde Nähe

Zum Text

Es geht an diesem Sonntag um wunderbare oder spirituelle Speisung – durch Gott, Christus oder im Herrenmahl. Die drei Verslein aus dem paränetischen Finale des Hebr. passen durch das Stichwort „Gastfreundschaft“ thematisch dazu. Im Unterschied zu den anderen Perikopen des Sonntages ist jedoch nicht das Genießen gottgesandter Gaben im Fokus, sondern das geschwisterliche Handeln der christlichen Gemeinde. ­Jeder Vers bietet einen eigenen Aspekt.

V. 1: Die „Bruderliebe“, in der Antike sonst auf die wirkliche Familie bezogen, wird hier und an anderer Stelle (Hebr. 12,5ff, Röm. 8,29) auf die Liebe zu den Glaubensgeschwistern erweitert.

V. 2: Zur Gastfreundschaft (wörtlich: „Fremden[!]liebe“), einer allgemein in der Antike hochgeschätzten Tugend, wird mit der Aussicht auf himmlische Gäste motiviert (vgl. Gen. 18, Gen. 19). Glaubensgeschwister auf (missionarischer) Reise waren darauf angewiesen, dass sie bei ihresgleichen eine Herberge fanden.

V. 3: Gefangene und Misshandelte sollen nicht aus dem mitfühlenden Blick geraten. Hintergrund ist die bedrängte Situation christlicher Gemeinden im 1. Jh.

Zum Kontext

Der 7. Sonntag nach Trinitatis ist gabenorientiert. Das kann man auch für weite Teile des Hebr. sagen. Der Verfasser will die angegriffene Gemeinde mit dem stärken, was ihr von Gott her geschenkt ist. So lohnt es sich, folgende im Hebr. zentrale „Gottesgaben“ bei unserem Predigttext mitzubedenken:

V. 1, Stichwort Geschwisterliebe (wörtlich: „Bruderliebe“): Jesus selbst scheut sich nicht, die Menschen „Brüder“ zu nennen (Hebr. 2,11). Er wird in allem seinen „Brüdern“ gleich (Hebr. 2,17).

V. 2, Stichwort Gastfreundschaft: Immer wieder findet sich im Hebr. das Motiv des Hinzutretens zu Gott. Christinnen und Christen werden mehrfach eingeladen, zu Gott selbst zu kommen – zum Thron der Gnade, in das Heiligtum, durch den Vorhang hindurch etc. (Hebr. 4,16; 10,19f; vgl. Hebr. 12,22-24). Im Bild der Gastfreundschaft ausgedrückt: Die Tür zum Haus Gottes steht allen weit ­offen.

V. 3, Stichwort Mitfühlen mit den Leidenden: Auch dies erfährt die Gemeinde selbst von Christus her: Laut Hebr. haben wir einen Hohepriester, der mit uns fühlen kann (Hebr. 4,15; 5,7f).

Zur Predigt

Man könnte Sonntag und Predigtperikope unter dem Gesichtspunkt des Themas „Nähe“ betrachten und aus dieser Perspektive die Predigt gestalten. Hebr. 13,1-3 spricht auf dreifache Weise von lebens­fördernder Nähe zwischen Menschen.

V. 1: Die Ermahnung zur Geschwisterliebe setzt eine gottgegebene Nähe voraus: Die Mitglieder der christlichen Gemeinde sind Gotteskinder und können sich deshalb als familia dei verstehen. Dass es in Kirchengemeinden auch wenig familiär (im Sinne eines barmherzigen Miteinanders) zugehen kann, muss in der Predigt nicht verschwiegen ­werden.

V. 2: Gastfreundschaft, Öffnung des privaten Nahbereichs, ist im besten Falle helfende Nähe, die wir einem Mitmenschen schenken – oder die uns geschenkt wird. Eine selbsterlebte Geschichte, eine Geschichte aus dem Gemeindeleben, evtl. aus einer Gemeindepartnerschaft, könnte die Segenswirkung von Gastfreundschaft illustrieren – sowohl für Gastgeberinnen und Gastgeber als auch für die Gäste.

V. 3: Hier geht es um eine innere Annäherung an den leidenden Nächsten und um entsprechendes Handeln. In den Zeiten des Lockdowns ist das vielerorts geschehen. In Kirchengemeinden wurde darüber nachgedacht: Wie geht es Frau Meier, die jetzt allein zuhause ist, oder Herrn Schmidt im Seniorenheim? Aus dieser inneren Annäherung wurden unterstützende Aktionen, die versuchten, die Folgen der Distanzierungsmaßnahmen zu lindern. Vermutlich ist das Thema auch noch im Juli aktuell.

Die Predigt könnte im Stile einer Homilie alle drei Gesichtspunkte aufnehmen oder einen Gesichtspunkt zum Thema der Predigt machen.

 

Lieder

EG 324 „Ich singe dir mit Herz und Mund“

EG 412 „So jemand spricht: Ich liebe Gott“

EG 420 „Brich mit den Hungrigen dein Brot“

EG 646 (Bayern-Thür.) „Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen“

EG 221 „Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen“

 

Literatur

Christian Rose: Der Hebräerbrief, Göttingen, 2019

 

Wolfram Henning

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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