Werde Menschenfischer!

Mobile Straßenkirche und Klosterziegel

Unsere Kirchengemeinde hat eine über 830 Jahre alte St. Marien Klosterkirche. Seit der Corona-Zeit hat sich der Außenbereich in eine „mobile Straßenkirche“ verwandelt: mit farbenfrohen Bildern, Segenssprüchen to go auf Abreißzetteln, handgeschriebenen Wünschen und Fürbitten der Besucher an einer Wäscheleine, einer mobilen Buchausleihe, einem Korb mit dem aktuellen Gemeindebrief, Glockenläuten um 18 Uhr mit Teelichtern und persönlichem Gebet, mit einer Hoffnungskette aus bunten Steinen, die sich rund um die Klosterkirche legt – und den Heiligenroder Klosterziegeln. Diese Klosterziegel dürfen gerne mitgenommen werden. Bruchstücke von Ziegeln aus der Klosterzeit, die man an ihrer Farbgebung und groben Körnung als historischen Stein erkennt. Damit die Leser es sich vorstellen können: https://www.kreiszeitung.de/lokales/diepholz/stuhr-ort52271/stueck-klosterkirche-mitnehmen-13702364.html (8.5.2020).

Der Fisch als Christussymbol

„Mein Sternzeichen ist auch ‚Fische‘!“, reagiert die Zeitungsredakteurin begeistert am Telefon, als ich ihr mein Projekt vorstelle. „Na, und Ihre Kirche steht ja am Klosterbach. Das passt ja hervorragend mit den Fischen auf den Steinen …“. Bei mir gehen in dem – liebenswerten und interessierten – Gespräch mit der Redakteurin die Lampen an. Und ich entscheide, auf die Klosterziegel nicht mehr nur den Christusfisch „Ichthys“ zu malen, wie anfangs geplant. Dessen Botschaft ist offenbar nicht mehr so klar, wie ich es angenommen hatte, als über 2000 Jahre altes Kommunikationszeichen der Christen und Versicherung ihrer Glaubensgemeinschaft, da der Fisch für Jesus Christus steht. Meine Steine zieren jetzt verschiedene Symbole und Begriffe. Unser Glaube hält ja vieles bereit: das Kreuz, die Sonne, die Hand, das Herz, Glaubensworte … und eben den Fisch, das zentrale Christussymbol.

Begegnung im Glauben ermöglichen und davon erzählen

Wozu der ganze Aufwand mit einer mobilen Straßenkirche? Warum die Klosterziegel? Zurzeit ist ja bekanntlich alles anders. Unsere Klosterkirche ist noch immer für Passanten verschlossen, weil uns nicht genügend Desinfektionsmittel zur Verfügung steht. Es herrscht viel Traurigkeit, Angst und Unsicherheit. Doch wir haben auch die Chance, in einer neuen Weise kreativ zu werden! Der Kernpunkt der vielfältigen Installationen rund um unsere Straßenkirche ist die Begegnung. Wir wollen den Menschen einen Ort der Begegnung, des Gesprächs, des Lachens, Klagens, miteinander Betens, Singens und einander Segnens ermöglichen. Wer möchte, kann sich mit dem Klosterziegel ein Stück „seiner Klosterkirche“ und damit die Erinnerung an ein gutes Gespräch, einen schönen Moment, ein hilfreiches Gebet und liebevolles Segenswort nach Hause nehmen.

Kirche nahe beim Menschen

Auch das Thema unseres Predigttextes „Der Fischzug des Petrus“ (Lk. 5,1-11) ist die zwischenmenschliche Beziehung in der Glaubensnachfolge. Anfangs- und Zielpunkt des Textes ist das Hören des Wortes Gottes, welches sich in der Begegnung ereignet (V. 1.11). So verwandelt Jesus die berufliche Arbeit des Fischers Simon in ein missionarisches Erlebnis: „Und Jesus sprach zu Simon: ‚Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.‘“ (V. 10). Wie in der Begegnung zwischen Jesus und Simon ist unsere Kirche – so meine Erfahrung der letzten Wochen – zurzeit in besonderer Weise sehr nahe am Menschen. Ich weine und lache mit den Menschen, singe, bete und segne auf offener Straße, führe Gespräche, die ich sonst im Leben vielleicht nie geführt hätte. Als Pastorin erlebe ich in diesen Wochen die Höhen und Tiefen seelsorglichen Erlebens. Endlich das tun, was den Beruf der Pastorin ausmacht: Seelsorge, nahe beim Menschen! Eine irre Zeit …

Gottesdienst mit Leidenschaft

Ich bin mir sicher, dass wir alle in diesen Tagen besondere Erlebnisse miteinander machen. Ich möchte ermutigen, diese Glaubenserlebnisse im Gottesdienst zu thematisieren. Wo sind wir zu „Menschenfischern“ geworden? Jesus nutzt die Alltagssituation, in welcher er Simon vorfindet, um die Mission voranzubringen: aus dem Fischer am See Genezareth wird der Menschenfischer im Auftrag des Evangeliums. Die Pastorin kann diese Glaubenserlebnisse stellvertretend für die Gemeinde erzählen. Oder es melden sich verschiedene Stimmen zu Wort. Je nachdem, was sich – unter den gegebenen Umständen – zurzeit praktisch umsetzen lässt.

Am Ende meines Gottesdienstes gibt es für alle Besucher einen Klosterziegel als Geschenk mit nach Hause. Diesmal habe ich spezielle Ziegel vorbereitet – alle mit dem Ichthys-Symbol: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst duMenschen fangen!“

 

Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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