Siege, aber triumphiere nicht!“

Rache ist Blutwurst“ …

… so haben wir als Kinder gerufen. Und beeinflusst von den allgegenwärtigen Westernfilmen im Fernsehen haben wir uns gerne gegenseitig gejagt und mit imaginären Waffen aufeinander geschossen. Und wer, getroffen, formvollendet zu Boden ging, der hat das auch selber genossen. Sich theatralisch hinschmeißen – „tot“ sein – und wiederaufstehen. Und die Bösen, das waren natürlich die Anderen. Sowieso.

Irgendwann gab es dann sogenannte „Spiele ohne Verlierer“ – aber was sollte das bitte für ein Spiel sein, bei dem es am Ende keine Sieger*innen gab? Der Apostel Paulus versteht etwas vom Siegen: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem!“ – Das Gute als Waffe?

In der Bibel geht es ums Ganze

Luthers Übersetzung mit „überwinden“ finde ich in V. 21 ein wenig harmlos; das griechische Verb nikáo (siegen, Sieger sein) meint den Kampf, den Zweikampf zwischen zwei sich gegenüberstehenden Mächten – dem Bösen und dem Guten. Dass Paulus vorher von „Feinden“ spricht, kann ja kein Zufall sein. Das deutsche Wort „überwinden“ deutet eher eine vergeistigte Form der Auseinandersetzung an. „Siegen“ oder „bezwingen“ scheinen mir die Sache besser zu treffen, denn in der Bibel geht es ums Ganze. Um den ganzen Menschen, um den vollen Körper- und Lebenseinsatz. So wie bei Christus auf Golgatha.

Entweder – oder

Meine Kinder haben mich, als sie klein waren, gefragt: Und das sind die Bösen, oder? Vom Märchenbuch bis zur Netflix-Serie: Ohne die Bösen gibt es keine Spannung.

In meinen Konfirmandengruppen gibt es in jedem Jahrgang für einige der Jugendlichen, sowohl weiblich wie männlich, Sympathie für Röm. 12,21, wenn es darum geht, sich für einen Konfirmationsspruch zu entscheiden. Das hätte ich anfangs nicht gedacht. Aber vielleicht spüren junge Menschen, dass es hier wirklich um eine Entscheidung geht: Entweder/oder, entweder gut oder böse, nichts dazwischen. Röm. 12,21 ist ein kompromissloser Spruch und vielleicht gerade deshalb attraktiv.

Was dann in einer Situation „das“ Gute und „das“ Böse konkret meint, darüber muss es einen Diskurs geben. Das ist nicht so einfach wie bei den Spielen der Kindheit, wo die Rollen ja auch von Zeit zu Zeit getauscht wurden. Es gab mal Zeiten, da wurde durchaus erwachsen von der „Achse des Bösen“ gesprochen; so einfach aber liegen die Dinge nur selten. Wer Verantwortung trägt in der Politik oder im Gesundheitswesen weiß, dass ethische Fragestellungen nicht selten ins Dilemma führen.

Christus ist Sieger

Als Christen leben wir vom Sieg Jesu. Christus ist Sieger. Er hat den Tod als den letzten Feind besiegt. Christinnen und Christen müssen keine Siegertypen sein; wir haben im Glauben Anteil an dem alles entscheidenden österlichen Sieg. Und deshalb ist Röm. 12,21 für mich keine weisheitliche Sentenz, auch wenn Paulus im Kontext die weisheitlichen Sprüche Salomos zitiert (V. 20). Der Sieg des Guten über das Böse kann sich nur in der Kraft der Auferstehung vollziehen. Als Machterweis des österlichen Sieges Jesu Christi. Und deshalb ist auch jedweder Triumphalismus fehl am Platze. Von Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach ist der Spruch überliefert: „Siege, aber triumphiere nicht!“ – Wie wahr: Im Leben geht es um Siege, die errungen werden müssen, und um Niederlagen, mit denen wir zu leben haben. Wenn wir aber siegen wollen, dann nicht aus eigener Vollmacht, sondern weil wir im Glauben an den Sieg unseres Herrn die Kraft erbitten, dem Bösen, wo es uns begegnet, zu widerstehen. Wer widersteht, will auch siegen, muss siegen oder – wie leider allzu oft in der Geschichte – untergehen. Die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 wussten, dass ihr Kampf ein Kampf auf Leben und Tod war.

„Rache ist Blutwurst“ – unser Schlachtruf aus Kindertagen – entstammt übrigens dem 1929 erschienenen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Das haben wir damals nicht gewusst. Auch für den Frieden muss man streiten (Röm. 12,18).

 

Lieder

EG 93 „Nun gehören unsre Herzen“

EG 373 „Jesu, hilf siegen“

 

Thomas Mämecke

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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