Sehnsucht nach Versöhnung

Provozierende Gesten der Versöhnung

Das Wort von der Versöhnung soll an diesem Sonntag in den Kirchen laut werden, ein Wort, wie es im Sonntagsevangelium der „verlorene“ Sohn bei der Rückkehr zum Vater „hört“: „Er fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn“ (Lk. 15,20). Nicht ein gesprochenes Wort, sondern die zärtliche Geste des Vaters ist das Wort von der Versöhnung, noch bevor der Sohn mit dem Bekenntnis seines Versagens ansetzen kann. Und selbst dieses unendlich zarte Wort – zärtliche Umarmung, Kuss und das folgende Festmahl – provoziert beim Bruder den Kampf um Anerkennung: „Bin ich nicht von Tag zu Tag, jede Minute meines Lebens Dein Sohn gewesen!“

Die Predigt wird das Wort der Versöhnung nicht in einer solchen Geste sagen können, und sie wird sich doch je und je schon mitten im Kampf um Anerkennung befinden, wem und wie sie dieses Wort zu sagen hat und zu sagen weiß. Da mag ihr aufhelfen, dass es sich auch mit den Schlussversen des Micha-Buches nicht anders verhält, ja, dass dort sogar Gott in diesen Kampf um Anerkennung verstrickt wird. Und möglichweise kann sich ihr dann daraus ein Pfad auftun, auf dem sie dem Wort der Versöhnung auf die Spur kommen kann.

Kein Gott, der die Sünde vergibt

Das Wort der Versöhnung ist am Ende des Micha-Buches alles andere als selbstverständlich. Das Buch ist durch eine wechselnde Abfolge von Gerichts- und Heilsworten geprägt. Aber das Thema der Versöhnung als Schuld- und Sündenvergebung kommt bis zu diesen drei Abschlussversen nicht vor. Im Gegenteil: Auch wenn in 5,1 die Geburt eines zukünftigen Friedensherrschers in der Nachfolge Davids in Bethlehem angekündigt wird, mit Sündenvergebung ist sie nicht verknüpft. Und in den Gerichtsworten ist ohnehin vom Gericht über Sünde und Unrecht die Rede, denn „um Jakobs Übertretung willen und um der Sünden willen des Hauses Israel“ (1,5b) wird JHWH „herausgehen aus seiner Wohnung und herabfahren und treten auf die Höhen der Erde“ (1,3). Hier wie sonst im Textkorpus ist gerade kein „Gott, der die Sünde vergibt und Schuld erlässt“ (7,18), im Blick, im Gegenteil.

Wer ist ein Gott wie du?“

Der Text des Micha-Buches ist Ergebnis eines komplexen und langen Entstehungsprozesses, der sich von der späten Königszeit bis in die späte Perserzeit erstrecken dürfte. Aber auch, wenn man das Buch als Ganzes liest, muss 7,18 als ein Kommentar gelesen werden, der Gott in den Kampf um Anerkennung und die Sehnsucht nach Versöhnung verstrickt. Der Auftakt „Wo ist solch ein Gott wie du bist“ spielt auf den Namen an, der dem Buch seinen Titel gibt und es mit einer prophetischen Figur verknüpft. Die Namensbedeutung von „Micha“ ist die Frage: „Wer ist wie JHWH?“ In diesem Namen klingt auch der Name „Michael“ („Wer ist wie Gott?“) an. Und hier wird der Name transformiert: „Wer ist ein Gott wie du?“ Dem hebräischen Ohr dürfte darin der Anklang an Michael nicht verborgen bleiben und deshalb die Anspielung auf den Grundcharakter des Buches deutlich sein.

Nun wäre diese rhetorische Anrede an Gott nicht weiter auffällig, wenn sie nicht ein Buch abschließen würde, in dem von Sündenvergebung und Erbarmen keine Rede ist, ja, in dem selbst das Heil die Form des Gerichts über Unrecht und Ungerechtigkeit hat, in dem sich Gott/JHWH gerade (noch) nicht als der Sünden vergebende und Schuld erlassende Gott erwiesen hat. So lebt diese Anrede an den Sünde vergebenden Gott aus der (über die Jahrhunderte erlebten) doppelten Spannung zwischen dem Wunsch nach Gericht und der Sehnsucht nach Erbarmen auf der einen, der Erinnerung an den Gott Israels, der Jakob, dem Betrüger, die Treue hält, und Abraham, den er (oder der ihn – das ist die Frage) mit dem Opfer Isaaks herausgefordert hast, Gnade erweist.

In dieser Spannung verstrickt die Anrede Gott in die Sehnsucht nach Versöhnung und den Kampf um Anerkennung. Er, von dem Gericht über Unrecht und Sünde zu erwarten ist, soll sich doch erweisen und ansprechen lassen als der, der Sünde vergibt und Schuld erlässt. Er soll sich, wie Jakob und Abraham, auch dem Glaubenden (und daher Sünder) der Gegenwart zeigen als der, der die Treue hält und Gnade walten lässt – auch über die Sünder.

Happy End?

Diese Spannung in der Gegenwart (und im Wissen um das Geschehen am Kreuz) aufzurufen, die Erfahrung des Gerichts in den Verwerfungen der aktuellen Welt- und Gesellschaftslage zu benennen (ohne in falsche Schuldzuweisungen zu geraten) und dagegen die Sehnsucht zu stellen, wie Jakob Treue und wie Abraham Gnade zu erfahren, Gott hineinzuziehen in den Kampf um Anerkennung, das kann dem Wort der Versöhnung den Boden bereiten. Der Filmsprache Hollywoods scheint es heute besser als der Predigt zu gelingen, das apokalyptische Gericht über die Unrechtsverhältnisse der Welt zu bebildern und zugleich darin der Sehnsucht nach Erbarmen, Erlösung und Versöhnung Raum zu geben. Dort darf auch ein „Happy End“ sein, das dieser Sehnsucht geschuldet ist. Mit Micha kann sich die Predigt das Happy End von Gott erkämpfen, und dennoch sich darin bescheiden, dass das Wort der Versöhnung im Kampf um Anerkennung je und je erkämpft sein will.

Zu Gottesdienst und Liturgie

Der Eingangsteil des Gottesdienstes könnte frei gestaltet werden mit dem Lied von Peter Janssens „Aus der Tiefe meiner Sehnsucht rufe ich zu dir“ (z.B. in „Mein Liederbuch“/tvd B100), indem zwischen den Strophen eine kurze Impulsfrage und Stille eingeschaltet wird, mit Abschluss durch den Gnadenspruch Hes. 34,16a oder den Wochenspruch: „Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lk. 19,10) Als Lied nach der Predigt: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt“ (EG 628 [Regionalteil Baden]).

 

Georg Lämmlin

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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