Die Bedeutung Johannes des Täufers“1

Zur Einstimmung – und ein erster Vorschlag

Wenn wir in früheren Zeiten leben würden, dann wäre uns Johannes der Täufer wichtiger, als er es heutzutage ist. „Schon im 4. Jahrhundert begann sich ein ‚eigener kleiner Festzyklus Johannes des Täufers‘ … zu bilden.“ So liest man in der TRE 11,119. Oder wenn wir im Nordosten Brasiliens zu Hause wären, dann würden wir sicherlich begeistert das Fest São João feiern, u.a. mit zahlreichen Maisgerichten und Tänzen. Apropos Tanzen: In unseren Breiten tanzten die Menschen früher ums Sonnwendfeuer und feierten so den längsten Tag des Jahres. Anschließend warfen sie die Kränze ins Feuer oder übers Hausdach. Das sollte vor Hexen, Dämonen und bösem Zauber schützen. Hie und da, mehr auf dem Land als in der Stadt, wird jedes Jahr zu Sonnwendfeiern eingeladen. Wie es wohl im Corona-Katastrophenjahr 2020 in Kirchen und Vereinen zugehen wird?

Im Unterschied zur katholischen Kirche spielt der Johannistag für uns Protestanten gottesdienstlich gar keine bzw. nur eine untergeordnete, eher (sehr) unwichtige Rolle. Er ist nicht Teil des ordentlichen Predigtplanes. Am Sonntag, 21. Juni wird mit Mt. 11,25-30 gepredigt, am Johannistag wohl eher sehr sehr selten.

Heuer fällt der 24.6. auf einen Mittwoch. Das könnte den Anstoß für folgenden Vorschlag geben: In Absprache mit dem Kirchenvorstand konzentriert sich das kirchliche Leben in dieser Woche auf einen Johannis-Gottesdienst, möglichst in Zusammenarbeit mit Chören, Alb- oder sonstigen Vereinen.

Exegetische Einsichten

Mt. 11 ist lokal, vor allem jedoch personell geprägt: V. 1 redet von „ihren Städten“, und V. 20-24 enthält im Rekurs auf Sodom und im Kontrast zu Tyrus und Sidon Weherufe über drei ihrer Städte. Zentral geht es jedoch um Jesus und Johannes, also passend zum Johannistag? Mein Eindruck ist, dass aus dem sehr umfänglichen Komplex von V. 2-19 sehr unglücklich ausgewählt wurde. M.E. empfiehlt es sich, sich am Johannistag auf V. 7-11 zu konzentrieren. Was für Mt. klar ist, ist die Priorität Jesu. Schon in 11,3 ist mit dem fragenden Johannes angedeutet, wer nun das Sagen hat: Jesus, nicht mehr Johannes. 11,11 kann dann schlechterdings nicht mehr übertroffen werden. Demnach steht Johannes ganz hintenan. Johannes wird in seiner Person, bezüglich seiner Stellung in der Welt- und Heilsgeschichte beschrieben.

Für Gottesdienst und Predigt

Im Sport steht die Frage, wer die Nummer 1 ist, ganz oben. Um Platz eins wird gekämpft, leider sogar unter Doping. Im Beruf will man erfolgreich sein und die Karriereleiter möglichst weit nach oben klettern. Schon Kinder streiten um das vermeintlich größte Stück, den schönsten Platz usw. Johannes weist einen anderen Weg. Am bildkräftigsten wird es in Joh. 3,30 – der Bibelstelle, die am besten zur Mitte des Jahres und zum Verhältnis von Jesus und Johannes passt – ausgedrückt.

Schlussgebet: „Dich, Herr Christus, dessen Wort nicht verwelkt, dessen Gnade nicht ermattet, dessen Leben nicht veraltet, preise ich mit froher Danksagung … Widersteh in Deiner Heilandsmacht all unserer Eigenheit, die selber wachsen und groß werden will! Zerbrich Du sie, so sei Dir Lob und Dank gesagt! So wirst Du groß.“2

 

Lieder

EG 141, 1-6 „Wir wollen singen ein’ Lobgesang“

Gotteslob 904, 1-6 „Christus, dem Herren, dientest du“

 

Anmerkungen:

1 So die Überschrift Walter Klaibers über 11,7-19 (Das Matthäusevangelium I, Neukirchen-Vluyn 2015); literarkritisch, traditionsgeschichtlich und theologisch genauer vgl. Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (EKK I/2), Zürich 1990, 172-176.180-182.

2 Adolf Schlatter, in: Dass meine Freude in Euch sei, Stuttgart 1957, 476.

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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