Was Menschen wirklich brauchen

Lebenslügen werden aufgedeckt

Abgegeben habe ich diesen Predigtimpuls direkt nach „Corona-Ostern“ – wie wird wohl die Situation im Juni sein? Derzeit wird offenbar(!): unser Gesellschaftssystem wird nicht getragen von den Klugen und (Wirtschafts-)Weisen, die die Strukturen vorgeben. Systemrelevant sind Berufe, mit denen man finanziell auf keinen grünen Zweig kommt, sich in Ballungsgebieten kaum eine Wohnung leisten kann: Kinder- und Altenpflegerin, Postbote und Erzieher, Polizistin und Lehrer, Krankenschwester und Müllmann, LKW-Fahrer und Verkäuferin (freilich auch Ärztin). Meist Menschen in „schön dumm“-Berufen, die z.T. nichts Besseres fanden, z.T. gezielt „etwas mit Menschen machen“ wollten, was keine Maschine leisten kann – so sehr die Klugen auch an der künstlichen Intelligenz feilen. Keine Maschine kann sich zuwenden, liebevoll sein. Sie kann das bloß faken. Ist das die Zukunft, die wir uns wünschen? Einige kollektive Lebenslügen wurden aufgedeckt, von denen „einfache“ Menschen wohl schon immer wussten.

Die Unmündigen und Unwissenden

Jesus preist Gott – in klassisch-jüdischer Gebetsform – dafür, dass er den Unmündigen offenbart, was den Weisen verborgen bleibt. Die Unmündigen, Unwissenden sind wohl Jesu Zuhörer*innen: arme, einfache Leute vom Land, über die „man“ in Jerusalem schon damals die Nase rümpfte. Die aus ihrer täglichen Arbeit die Abhängigkeit von der Natur, von Wind und Wetter, von Unwägbarkeiten aller Art und die Grenze eigener Leistung gut kannten – eine Ressource, die uns mit dem Sterben so vieler kleiner Landwirtschaftsbetriebe gerade verloren geht.

Jesu Gotteserkenntnis

Viele sagen jetzt, das Coronavirus sei geschickt worden, um uns – je nach Bildung und Prägung – unsre Dekadenz, Entfremdung von der Natur, Entfernung von Gott, Sünde vor Augen zu stellen. Hier führt uns V. 27 von einer allgemeinen, diffusen Gottesvorstellung („irgendwas ist da oben“) pointiert hinein in die Beziehung zwischen Vater und Sohn, die sich kennen und einander vertrauen. Jesu besondere Gotteserkenntnis – von Gott selbst beglaubigt, in Jesu Taufe quasi vorläufig, mit der Auferstehung endgültig – begründet eine innige Vertrauensbeziehung von Vater und Sohn, in die der Mensch eintreten, ja hineingezogen werden kann – „jeder, dem der Sohn es offenbaren will“. Was wie eine Beschränkung klingt, wird durch den Heilandsruf als noch offen gezeigt: „Kommt her zu mir alle“. Noch ist der Zugang zu Gott für ganz Israel möglich, wenn Jesu Einladung angenommen wird.

Regeln um der Liebe willen

Von 23,4 her ist bei „Mühen und Lasten“ an all die Gebote zu denken, unter denen Schriftgelehrte und Pharisäer das Volk zusammenbrechen lassen. Jesu „Joch“ dagegen als eine Hilfe, mit der Lasten „leicht“ zu tragen sind. Auch hier geht es um Vertrauen: Regeln um der Liebe willen, auf die man vertrauen kann, sind leichter zu befolgen als solche, die willkürlich sind oder erscheinen. Daran scheiden sich auch derzeit die Geister: Wer Kranke und Alte im Blick hat, wer Menschen in prekären Lebenssituationen nicht übersieht, dem fallen Abstandsregeln und Schutzmaßnahmen viel leichter als Menschen, die vor allem eigene Rechte eingeschränkt und Ansprüche gefährdet sehen. Um der Liebe willen müssen aber auch Regeln gebrochen werden – ich denke an alte, demente Menschen, die wegen des Corona-Aufnahmestopps in keine Pflegeeinrichtung einziehen können. Da sie rund um die Uhr versorgt und beaufsichtigt werden müssen, müssen Angehörige evtl. Abstandsregeln ignorieren.

Jesus lädt „alle“ ein, die sich abmühen mit ihren Lasten. Er lädt auch dazu ein – „lernt von mir“ –, wie er freundlich und demütig zu sein. Menschenfreundlich ist es in der Tat, das Leben jedes Einzelnen höher zu bewerten als die Wirtschaft. In dieser Situation braucht es Experten, Politiker, Verwaltende, die demütig (= mutig zum Dienen!) ihre Erkenntnisse und Anordnungen revidieren können. Möglich wird das durch Vertrauen, dass man in schweren Zeiten einander die Seelen öffnen kann und das nicht bösartig ausgenutzt wird. Was für eine Einladung!

 

Lied

EG 213 „Kommt her, ihr seid geladen“

 

Barbara Weichert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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