Solidarität leben

Persönliche Erinnerungen

Dieser Text setzt bei mir Erinnerungen an meine Jugendzeit in Gang: Mitten in den 1980er Jahren in der BRD, der „Ost-West-Konflikt“ und die Angst vor einem Atomkrieg waren sehr gegenwärtig, niemand von uns damaligen Teenagern ging ernsthaft davon aus, dass wir zu unseren Lebzeiten das Ende der Teilung Europas und Deutschlands noch erleben würden – und in gemeindlichen Jugendkreisen und im Schulunterricht wurde engagiert darüber debattiert, ob Kommunismus und Christentum sich per se gegenseitig ausschließen oder nicht. Neben der intensiven Lektüre der einschlägigen Texte von Ernesto Cardenal und Dorothee Sölle u.a. tauchte in diesem Zusammenhang immer wieder auch die Perikope aus Apg. 4 auf, meist mit dem Duktus: „Wer hat’s erfunden? – Das Urchristentum!“

Nach der „Wende“ von 1989/1990 wurde es dann still um diesen Text; in meinem Theologiestudium in den 1990ern wurde über die Vereinbarkeit oder den Gegensatz von Christentum und Kommunismus kaum noch gesprochen (da Letzterer sich ja „erledigt“ habe). Spätestens seit der Finanzkrise 2008, die die Grenzen des bis dahin von vielen als „alternativlos“ propagierten Kapitalismus aufzeigte, dann durch den immer deutlicher werdenden Klimawandel, steht die Frage aber wieder verstärkt im Raum, ob es auch jenseits der vorherrschenden Prämissen und Prioritäten der „Weltwirtschaftsordnung“ andere praktizierbare Möglichkeiten des Wirtschaftens und des Zusammenlebens gibt. Und schließlich wird im Jahr 2020 nun über Apg. 4,32-37 inmitten der „Corona-Krise“ gepredigt werden, in einer vollkommen neuen Situation.

Jetzt, da ich diesem Predigtimpuls schreibe, weiß noch niemand, wie die Situation am 14. Juni aussehen und welche Fragen die Menschen dann beschäftigen werden. Sicher ist aber: Es werden auch Fragen sein, die unser bisheriges Wirtschafts- und Sozialsystem sehr grundsätzlich auf den Prüfstand stellen werden. Welchen Beitrag kann dabei eine Predigt über Apg. 4,32-37 in einer solchen Situation leisten?

Ein Herz und eine Seele“

Ein Schlüssel zum Verständnis dieser ­Perikope findet sich gleich am Anfang in V. 32: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele …“. Dieser Ausdruck ist nahezu sprichwörtlich geworden, oft mit der fragwürdigen Deutung, das Ideal, gerade in Kirchengemeinden, sei es, immer einer Meinung, immer in Harmonie und ohne Streit zu leben, eben „ein Herz und eine Seele“ zu sein. Dass es so harmonisch auch schon im Urchristentum nicht immer zuging, wird an vielen Stellen der Apg. und vor allem in den Paulusbriefen deutlich.

Wichtiger ist aber noch, dass in unserer Perikope auch gar nicht diese Art von Harmonie beschrieben und gefordert wird – es geht vielmehr um praktisches Handeln, um das Leben in Solidarität. So gab es niemanden, „der Mangel hatte“ (V. 34), jedem wurde gegeben, „was er nötig hatte“ (V. 35). Und dies wurde möglich, weil diejenigen, die insbesondere über Grundbesitz und Immobilien verfügten, diese verkauften und den Erlös der Gemeinschaft zur Verfügung stellten (V. 34f). Zentral dabei ist: Sie taten es freiwillig, nicht aufgrund einer Anordnung im Sinne einer „Zwangsenteignung“ – insofern eignet sich Apg. 4,32-37 keineswegs dazu, staatsmonopolistische Kommandowirtschaften, die in den „real-sozialistischen“ Staaten unter Zwang praktiziert wurden, zu legitimieren oder gar als Vorbild für diese zu dienen. Die „Gütergemeinschaft“ der Jerusalemer Urgemeinde war ein praktischer Ausdruck des „ein Herz und eine Seele“-Seins!

Gelebte Solidarität

Damit behält dieser Text aktuelle Brisanz, gerade in den Zeiten von Corona: Denn gelebte Solidarität ist nun vonnöten, in nahezu allen Aspekten menschlichen Zusammenlebens, auch in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Da wäre es durchaus im Sinne unserer Perikope, wenn diejenigen, die die Möglichkeiten dazu haben, Menschen unterstützen, die von alleine aus ihrer prekären Situation nicht mehr herauskommen.

Dies wird sicherlich nicht ohne staatliche Verordnungen und Gesetze gehen – ganz darauf zu setzen, dass alle dahingehend „ein Herz und eine Seele“ sind, wird wohl nicht ausreichen. Aber vielleicht liegt in der Corona-Krise auch die Chance, dass wir die Grenzen und Defizite unseres bisherigen gesellschaftlichen Zusammenlebens erkennen und nun durch neue Erfahrungen von Zusammenhalt und Solidarität ermutigt werden, diese Grenzen und Defizite zu überwinden. Apg. 4,32-37 kann dabei ein Anstoß, vielleicht sogar eine Quelle der Hoffnung sein.

 

Lieder

EG 451, 1+7–10 „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“

EG 262/263 „Sonne der Gerechtigkeit“

EG 413 „Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“

EG 420 „Brich mit dem Hungrigen dein Brot“

EG 630 (EKHN) „Wo ein Mensch Vertrauen gibt“

EG 632 (EKHN) „Wenn das Brot, das wir teilen“

 

David Schnell

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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