Leben unter neuen Vorzeichen

Hirtensonntag“

Es ist wohl der Schlussvers unserer Perikope mit der Redewendung vom „Hirten und Bischof eurer Seelen“, der diesen Abschnitt dem Sonntag „Miserikordias Domini“ (dem klassischen „Hirtensonntag“) zuordnet. Damit ist eine direkte Verbindung zu dem Christuswort hergestellt, das als Wochenspruch über diesem Sonntag steht: das „Ich-bin“-Wort Jesu vom „guten Hirten“ (Joh. 10,11).

Doch es gibt noch einen zweiten Bezug, denn der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe (Joh. 10,11), und der Abschnitt aus 1. Petr. weist klare Züge einer Leidenstheologie Christi auf (vgl. V. 22-24). Dabei wird allerdings deutlich, dass der thematisierte Stellvertretungsaspekt in diesem Fall nicht in den Kategorien eines Sühnopfergedankens vermittelt wird, sondern als ethischer Aspekt der Hingabe eines einzelnen zum Leben, Wohl und Heil seiner Freunde (ganz so, wie es die Hirtenrede aus Joh. 10 umschreibt und wie es z.B. ein Gedicht wie „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller in säkularem Kontext entfaltet). Das passt sehr gut zu der ebenfalls ethisch orientierten „Vorbildchristologie“ in V. 21, derzufolge die gläubigen Christen der Gemeinden, an die der Verfasser schreibt, dem Leitbild ihres Herrn und Meisters nachfolgen sollen, auch im Leiden und Sterben.

Märtyrertheologie

Der Hauptabschnitt der Perikope hat das Leiden Christi zum Thema. Die freiwillige Unterordnung Jesu unter seine Peiniger wird in zahlreichen Anspielungen an Jes. 53 formuliert – ein Aspekt, der zeigt, dass die Anwendung des Gottesknechtsliedes, wenn nicht der gesamten Gottesknechtsthematik auf Christus (vgl. Apg. 8,32ff), bereits tief verankert ist in den frühchristlichen Gemeinden.

Mir fällt zu diesen Beschreibungen die „Graue Passion“ Hans Holbeins d.Ä. ein, die der Künstler Ende des 15. Jh. ausgearbeitet hat. Die einzelnen Panels mit ihren plastischen und zugleich stereotypen Gestaltungsfacetten, die wie Standbilder einer Schauspieltruppe wirken, eignen sich bestens zur Vertiefung dieses Abschnitts ebenso wie der Passionsüberlieferung der Evangelien oder auch von Jes. 53.

Zugleich wird der Bezugspunkt zum Leben der Christen deutlich, der auf das Vorbild Christi im Erdulden des Martyriums abzielt und etwas über den „Sitz im Leben“ der Perikope verrät: Es geht um das Durchhalten in Bedrängnis und Verfolgung – also ein originäres Kapitel frühchristlicher Märtyrertheologie.

Jedoch: Leiden Christi, stellvertretendes Leiden und Sterben Jesu, Passion und Kreuz, Martyrium – passt das in diese Kirchenjahreszeit nach Ostern? Fast hat man den Eindruck, der Abschnitt aus 1. Petr. 2 sei besser als Predigttext an einem der Passionssonntage geeignet. Wo bleiben Ostern und der Auferstandene?

Perspektiven neuen Lebens

Geht man einmal von dem Gedanken aus, dass Ostern nicht nur ein Datum, sondern einen Prozess meinen könnte, dann findet sich ein Schlüssel für die Predigt über 1. Petr. 2 am 2. Sonntag nach Ostern: Der Bogen schlägt sich kirchenjahreszeitlich vom Auferstehungsereignis selbst (Ostersonntag) über die Wiedergeburt der Christen im auferstandenen Christus und das Erwachen neuen Lebens (Quasimodogeniti) hin zum Vollzug und Weg unter diesem neuen Vorzeichen (Miserikordias Domini). Dabei erweist sich die Gemeinde der Christen als Herde ihm, Christus, anvertrauter Schafe unter der Leitung eines guten Hirten.

Der erwähnte Vorbildcharakter mag hier ein Entfaltungsmoment unter anderen sein. Weitere kommen hinzu und lassen sich in den Antithesen der Schlussverse finden: „Sünde“ – „Gerechtigkeit“, „Wunden“ – „heil“, „irrend“ – „bekehrt“. Was wäre ein Leben, das aus diesen Verwandlungen neu hervorwächst? Was bedeutet, es „gerecht(fertigt)“, „geheilt“ bzw. „heil“ oder aus dem Irrtum und den Irrungen zum Weg der Wahrheit „bekehrt“ zu leben? Darüber ließe sich in der Predigt exemplarisch bestens meditieren.

 

Lieder und Psalm

Ps. 23 oder auch 100 (V. 3!)

EG 274 „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ (Wochenlied)

EG 358 „Es kennt der Herr die Seinen“

 

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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