Das, was heute Hoffnung gibt, behutsam pflegen

Zum Text

Mit eindrucksvoller Poesie entfaltet der Text die Kernbotschaft des Propheten an die Gemeinde im babylonischen Exil: Er lehrt sie Staunen beim Anblick des Sternenhimmels, wo Gott selbst über Nacht bis zum Morgen über der sich hinwegdrehenden Erde immer wieder exakt dieselben Gestirne „heraufführt“, „dass nicht eines von ihnen fehlt“ (V. 26). Wie ein Hirte, der eine Herde über die Weide treibt, ruft er „sie alle mit Namen“ (V. 26), in einer Vielzahl, die jeden menschlichen Intellekt überflügelt. Eine subversive Botschaft an die Adresse der Babylonier, sind für sie doch Gestirne Repräsentanten von Gottheiten, also Herren ewigen Schicksals und keine Herdentiere.

Die Kehrseite des Staunens über die Größe des Himmels und seines Schöpfers aber ist ein Gefühl von Ohnmacht. Der Prophet spricht aus, was seine Landsleute offen fragen: Interessiert sich Gott in seiner Größe denn noch, wie es uns Kleinen geht, was wir fühlen und woher wir Hoffnung kriegen? Wo ist das Land, die Heimat, die Geborgenheit im Glauben der Mütter und Väter? Israel sieht sich fremdbestimmt in einer Umgebung, die nicht mehr ihr Land ist, in der andere, ungewohnte Regeln gelten: „Mein Recht geht an Gott vorüber“ (V. 27). Dies ist mehr als rhetorische Übertreibung. Es herrscht tiefer Zweifel – (noch) nicht an der Existenz, aber am Können und am Willen Gottes.

Der Prophet entgegnet: Was Gott bewirken kann, das zeigt sich von den äußersten Enden her, vom Anfang der Erde an, jeden Morgen neu. Der die Gestirne hütet und ordnet, schläft nicht. Gleichwohl gesteht er Zweiflern zu: „sein Verstand ist unausforschlich“ (V. 28). Freimütig erinnert er an die schmerzhafte Niederlage, die ins Exil führte, und an das bleibende, deprimierende Gefühl von Schwäche. Er billigt den Israeliten dieses Gefühl offen zu und lässt es, wie es ist.

Aber so wie Sonne, Mond und Sterne nur Geschöpfe des Höchsten und keine Mächte des Schicksals sind, so wenig lässt sich aus ihrer Beobachtung Hoffnung berechnen. Hoffnung auf Erlösung bringt weder die Kalkulation militärischer Macht noch andere Formen des physischen Kraft- oder Durchhaltetrainings. Erlösung kommt nur aus der inneren Haltung derer „die auf den Herrn harren“. Sie gewinnen die Erfahrung einer neuen Dimension, man könnte auch sagen: sie überflügeln mit den Waffen des Geistes alles Widrige, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler“. Nicht um vor Sorgen und Problemen zu fliehen, sondern um auf dem Boden der Tatsachen wieder lernen zu „laufen und nicht matt werden“ (V. 31) – wenn es sein muss bis nach Hause, oder anders gesagt: in dieser Erfahrung selber Heimat finden.

Zur Predigt

Für die Neugetauften war der Sonntag Quasimodogeniti in der alten Kirche der Zeitpunkt, von nun an als vollwertiges Mitglied der Gemeinde am Gottesdienst teilzunehmen. Es sollte ein Fest, ein Höhepunkt im Leben und ein Moment des Zuspruchs sein in einer wenig trostvollen Umgebung. Aber je heller in der österlichen Zeit Jesus als Christus und Sieger über den Tod gepredigt wird, desto deutlicher fallen auch die Schatten. Die Lebenserfahrungen der Predigthörerinnen und -hörer, die angesprochen werden, sind oft ganz andere: „Die Mehrheit der Deutschen“, davon zeigen sich aktuelle Studien der Stiftung Deutsche Depressionshilfe überzeugt, „ist im Laufe des Lebens von Depression betroffen – entweder direkt aufgrund einer eigenen Erkrankung (23 Prozent) oder indirekt als Angehöriger (37 Prozent).“ Dazu kommen die ganz normalen Niederlagen des Alltags: Quälendes Warten auf Entscheidungen, die nicht fallen können oder wollen, Anstrengungen ohne Lohn, Frustration an der eigenen Kirche und Gemeinde, Sorgen um Kinder, Partner, Eltern.

Österliche Predigt bezieht ihre Wirkung gegen die Angst nicht aus dem Enthusiasmus oder dem Pathos derer, die predigen, sondern aus ihrer Demut vor dem Gotteswerk der Auferweckung. „Harren“ im Glauben bedeutet nicht rückwärtsgewandt, versteinert bleiben in Erinnerungen, Formeln, Sprüchen. Es weist uns an: das, was heute Hoffnung gibt, behutsam pflegen, nicht verkümmern lassen! Wenn es sein muss, wie einen Schatz, den man lange verschollen geglaubt hat und nun gemeinsam suchen, bergen, retten kann. Auch, wenn es mühsam scheint und kein spontanes Glück verspricht.

Deuterojesaja öffnet sich den Gefühlen der Ohnmacht und der Niederlage, die in seiner Gemeinschaft kursieren und verwirft sie nicht. Allein in dieser Haltung, nicht im Überschwang an Poesie verleihen seine Worte Halt und Trost. Subversiv wie seine Botschaft ist, entzieht sie nämlich bestimmten Spielarten des Syllogismus („du musst nur richtig glauben, dann bist du froh – wenn nicht, dann glaubst du nicht!“) den theologischen Nährboden.

Trostvoll können im Gottesdienst von heute eine Tauferinnerung sein – zumal am Sonntag Quasimodogeniti – oder andere Gelegenheiten, die die Seelen fliegen lassen, sei es in guten Liedern, Gedichten, Worten, kleinen Gesten und Berührungen.

 

Lieder

EG 110 „Die ganze Welt, Herr Jesu Christ“

EG 111 „Frühmorgens da die Sonn aufgeht“

EG 262 „Sonne der Gerechtigkeit“

EG 277 „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist“

 

Literatur

Karl Elliger: Deuterojesaja, in: Biblischer Kommentar Altes Testament XI/1, 1. Teilband, Neukirchen 1978, 93ff

Werner Grimm: Deuterojesaja: Deutung – Wirkung – Gegenwart, in Calwer Bibelkommentare, Stuttgart 1980, 77ff

Georg Fohrer: Das Buch Jesaja. 3. Band Kapitel 40-66, Zürich, 30ff

Claus Westermann: Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66, Göttingen 1970 (2. Aufl.), 41ff

 

Uwe Stenglein-Hektor

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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