Echt jetzt?!

Die Sehnsucht nach dem Realen

Nach dem ganzen Friedens- und Auferstehungskram müsse er mal wieder etwas „Richtiges“ sehen, so gestand mir vor einigen Jahren ein Kollege, den ich zufällig am Ostermontag vor einer Kinoaufführung des Films „No country for old men“ traf. Dieser Film schont zarte Nerven nicht.

Diese Sehnsucht nach dem Realen, „Wirklichen“ kommt mir bekannt vor: Das unglaubliche Ostergeschehen glaubhaft, be-greiflich zu machen. Theologisch gestanzte Glückskeksformeln und Glaubensaxiome wie: „Die Liebe Gottes wird in seiner Fleischwerdung konkret“, „Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott seinen guten Geist in mir wirken lässt“ oder „Die Liebe Gottes ist nicht nur ein Wort, sondern konkret“ kommen in Gottesdienstpredigten häufig vor – aber dann traut man sich nicht weiter. Ist auch schwierig.

Menschen, die allein zuhause sitzen, die keiner mehr anruft oder besucht. Der Konfirmand in der Bank, von seinen Eltern vor der Kirchentür abgeladen, fragt sich: „Warum sitze ich hier eigentlich?“ Die Angehörigen von Unfallopfern, die sich in die Kirchenbank nach der Beerdigung ihres Kindes geschleppt haben und die die Frage nach dem Warum austrocknet, eine Liebe, die zerbrochen ist, jemand, der keinen Ausweg aus einer Lebenskrise sieht etc. Werden sie von solchen Antworten aus Predigten gesättigt?

Die Auferstehung Christi beantwortete unseren Vormüttern und -vätern im Glauben offenbar ihre Lebensfragen! Ich glaube nicht, dass die Menschen an der Wiege unseres Glaubens naiv waren. Dafür waren die Lebensbedingungen zu hart.

Sehen und berühren reichen nicht

Ums Sehen, ums Begreifen, sogar ums in sich Aufnehmen durch Essen scheint es Lukas gegangen zu sein (vgl. V. 39.41ff). Sehen und berühren reichen nicht! Wer isst und trinkt, ist und lebt, so scheint es. Und erst dann folgt die Aufforderung: Gesetz, Propheten und Psalmen (Textliturgie des Sabbatgottesdienstes!!!).

Auf sozialen Netzwerken sein gerade zubereitetes Essen zu fotografieren und weiterzuverbreiten, ist verbreitet. Im Internet gibt es dafür Anleitungen. Mehr ums Angeben als ums Sattwerden geht es vermutlich dabei.

Warum nicht einmal, liebe Kolleginnen und Kollegen, in die eigene Gemeinde schauen und scheinbar Selbstverständliches benennen? Die konkreten Angebote, die wir und Ehrenamtliche in unseren Gemeinden machen! Wir gehen ein Stück gemeinsamen Lebensweg mit den Menschen – das sättigt mehr als der Post auf Instagram!

Wie oft sind wir Gemeinden Gedächtnis für Orte und ihre Bewohner, Bewahrerin und Begleiterin in Lebenstälern und -höhen. Sagen wir das an Ostern weiter, feiern wir das Abendmahl. Gerade evangelische Kirche stellt ihr Licht oft zu Unrecht unter den Scheffel.

Kapernaum und Christi Erscheinen in der Gemeinde: die eigene Gemeinde einmal im Osterlicht der ersten Christenheit beleuchten – das hat doch was. Diese Gemeinde ist erdig, sehr real, sehr wirklich.

 

Lieder

„Wenn das Brot, das wir teilen“ (Himmel, Erde, Luft & Meer, Beiheft zum EG in der Nordkirche [= HELM], Nr. 67)

„Stimme, die Stein zerbricht“ (HELM Nr. 139)

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (HELM Nr. 142)

 

Götz-Volkmar Neitzel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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