Ostern alles (anders) feiern

Allerlösung?

Es gab keine Zeit in der Kirchen- und Theologiegeschichte, in der nicht über dieses eine Wort in 1. Kor. 15,22ff gestritten wurde: alle sterben, alle werden lebendig gemacht, auf dass Gott sei alles in allem. Ob nun in gewisser Ordnung und Reihenfolge, wie im Predigttext, oder „Ja, es gibt die Hölle. Nur ist sie leer“ (nach K. Barth); die biblisch-eschatologischen Konzeptionen zwischen Weltgerichtsbildern (Mt. 25) und Allerlösungsandeutungen sind vielfältig. Bei Origenes werden die Bilder zur Lehre einer entwickelten Vorstellung der apokatastasis panton. Diese wird als „Wiederherstellung“ alter (paradiesischer) Zustände, Neuordnung und ganze Neuschöpfung unterschiedlich gedacht und je nach dem, kommen – strukturell dem Weltgericht ähnlich – Täter und Opferperspektiven, Schuld und Erlösungsfragen in den Blick. Letztlich holen diese die Eschatologie in die Gegenwart. Der Umgang mit Opfern und Tätern bleibt die Herausforderung: Wo Schuld vergeben wird, wird die Tat nicht ungeschehen. Eine befristete Strafe steht manchmal einem lebenslangen Trauma gegenüber. Und wenn der Tod vernichtet wird, dann eben doch nicht die Toten. Wie wird daraus ein Osterfest?

Ostern bleibt anstößig

Wie klingen neben einem leichten „Wir wollen alle fröhlich sein“ (EG 100) schwerere Lieder wie „Stimme, die Stein zerbricht“ von J. Henkys (EG plus 18)? Wie bleibt Ostern Anstoß? Nicht jeder Stein lässt sich einfach wegrollen. Mancher kommt und bleibt im Garten stehen mit der Frage, wer wegrollt, was nicht vom Herzen gefallen ist. Nicht jeder hat die Engelerfahrung im Garten und die des Paulus vor Damaskus. Erscheinungen, Lichtgestalten, Blindheit und die Veränderung bis hin zum Namen, sind für biblische Figuren so sinnfällig, wie sie in der Gegenwart manchmal schwerfällig verständlich zu machen sind. Da findet sich die Rede von der Auferstehung, „die nur geglaubt werden kann“ (Perikopenbuch, 238). Der könnte man auch gegenüberstellen, dass gerade das „kann“ nicht jeder kann.

Und doch: Die Welt ist wie sie ist, und ebenso: So muss sie nicht bleiben. Ostern steht zwischen Karfreitag und Himmelfahrt, zwischen An- und Abwesenheiten Gottes. Das lässt sich nie leicht sehen. Dazu passt, dass Paulus nur zwei menschheitsbestimmende Gestalten sieht: Adam und Christus. Auch die übersieht man leicht; inmitten einer alltäglichen Feiertagskultur heute wird das Nichtsehen ausgeprägter. Trotzt aller Fruchtbarkeitssymbole samt Frühling und Frühstück und zwischen allen Geschenken – Ostern wird ein „kleines Weihnachten“ – bleibt es die liturgisch-homiletische Kunst, Auferstehung zu feiern, inhaltlich zu begehen und Deutungen zu ermöglichen.

Ein Fest für die, die nicht gesehen werden

Ostern anders feiern – als ein Fest für die, die nicht gesehen werden? Für die „sozial Unausgeglichenen“ und für die, die gleich sind und doch nicht so behandelt werden. Ostern feiern ohne den Tod und doch in der Gegenwart der Toten. Mit einer Erinnerung. Ein Totengedächtnis ganz bewusst im Ostergottesdienst. Mit denen, die wir nicht sehen können – seit Adam. Und dann alle Menschen, und dann vergesst nicht die Tiere und die Schöpfung und dann den Tod selbst und dann alles und dann auch noch die theologischen Sohnschaftskonzepte. Dann ist weder Mann noch Frau, weder Jude noch Grieche. Dann wird auch Täter und Opfer keine Kategorie, kein Gefühl und keine Verurteilung mehr sein. Dann ist neue Schöpfung, mehr als Vergebung, mehr als Vergessen, neue Identitäten. Das alles bleibt ein Bild, anders kann es nicht wörtlich und sinnlich werden. Und doch lässt es sich feiern in einem Abendmahl, frei von Bedingungen, frei davon, ob man „das so glauben muss“, eher offen dafür, dass Glauben dann ins Herz fällt, wenn alle beisammen stehen und ihn nicht zur Bedingung dafür machen, was ohnehin nicht in unserer Hand liegt. Vielleicht Ostern auf dem Friedhof oder da, wo unsere Gemeinde sonst selten hinsieht?

Lars Hillebold 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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