Gottes Liebe bis zum Ende durchgehalten

Es ist die Epistellesung, die den Predigttext darstellt und die damit antwortet auf die Verlesung des Passionsevangeliums aus Joh. 19, das gipfelt in den Worten „es ist vollbracht“. Da der hörende Mitvollzug dieser Lesung ein emotionales Hauptmoment des Karfreitagsgottesdienstes ist, möchte ich dem Gedanken nachgehen, wie der Paulustext eine Antwort auf das Evangelium sein kann.

I

Gott war in Christus1. Das klingt ziemlich ungeheuerlich als Aussage unmittelbar nach dem Bericht von der Hinrichtung Jesu. Dieser Satz ist eine durchaus steile Deutung des Kreuzestodes und sollte nicht missverstanden werden. Er besagt nicht, dass Gott das Kreuzesgeschehen gewollt, geplant, herbeigeführt hätte! Es ist festzuhalten, dass diese Hinrichtung ein Mord war und bleibt, dass Gott aber den Tätern die Herrschaft über das Geschehen entzieht.2

Anders als es den Absichten der Täter entsprechen würde, macht Gott zwei Aussagen, die hier in V. 19 anklingen: bis in den Tod hinein bleibt Gott in seinem Sohn und Gesandten gegenwärtig – es war gerade kein Fluchtod. Und: Seine Treue zu den Menschen bricht auch angesichts des eigenen Leidens nicht ab. Die (Selbst-)Hingabe Gottes an seine Welt, die mit der Menschwerdung begann, weicht dem scheinbaren Besiegtwerden nicht aus, bleibt auch in der Qual des Foltertodes erhalten. Wir haben einen Gott, der mitten im Leiden präsent ist, und der am eigenen Leib erfahren hat, welchen Qualen Menschen ausgesetzt sein können. Die Neuheit und den Trost dieser Aussage können wir kaum zu hoch ansetzen!

II

Wozu das? Um in diesem Geschehen die Welt aus ihrer Feindschaft gegen Gott zurückzuholen, d.h. die Welt mit sich (Gott) zu versöhnen. Einseitig ist dieses Handeln Gottes3 – das ist ungewöhnlich, wenn man den Gebrauch der Wortgruppe katalass* im Profangriechischen anschaut. Einseitig deutet hier Gott ein Vernichtungsgeschehen um. Als zweite Partei der Versöhnung kommt der Mensch erst mit V. 20 in den Blick, wo der souverän handelnde Gott zum Bittenden wird: den Menschen bittend, diese Versöhnung anzunehmen.

III

Inwiefern nun antwortet dieser Text auf das Evangelium? Joh. 19:30 endet mit dem letzten Wort Jesu am Kreuz: Es ist vollbracht. Was ist vollbracht? Hass, Zynismus, Dummheit, Feigheit, Machtstreben … alles mögliche Menschliche hat mit diesem Mord am Kreuz sein Ziel erreicht. Aber das ist nicht gemeint. Tetelesthai – vollbracht, zum Abschluss gebracht, vollendet, bis zuende gebracht: bis zum Ende hat er die Seinen geliebt. Mit diesen Worten beginnt Johannes die Schilderung des Passionsweges Jesu in Kap. 13,1 wie mit einer großen Überschrift. Jesus hat es durchgehalten, ist der Liebe Gottes zur Welt nicht untreu geworden. Mitten in Hass und Vernichtungswillen bleibt er der Liebe Gottes treu, hält sie durch. Und auch Gott hält sie durch, in dem er diesem Mord nicht mit Rache und Strafe begegnet – das sehen wir am Ostermorgen.

Sehr eindrücklich bringt der Priestermönch und Dichter Andreas Knapp4 dieses Durchhalten Jesu in Worte; vielleicht kann ein solcher Blick vom Kreuz herab ahnen lassen, welche Liebe es ist, die den Apostel Paulus „drängt“ …:

gekreuzigt

auf aller kerbholz festgenagelt
von missblicken durchbohrt
entblößt bis unter die haut
dornig der letzte blick ins leere

mein mensch mein mensch
warum hast du mich verlassen
und die lichtspur ins lebendige
so gnadenlos durchkreuzt

der schmerz brüllt mir ins ohr
und ich bitte nur um eines
dass ich an meiner liebe
niemals irre werde

 

Anmerkungen:

1 Ich bin mir bewusst, dass dieser Wortlaut exegetisch umstritten ist; da er aber in den meisten Gemeinden als aus dem Luthertext gelesen den Menschen im Ohr ist, lege ich ihn hier dennoch zugrunde.

2 Vgl. W.H. Ritter, Erlösung ohne Opfer?, 2003, 109.

3 Vgl. M. Hengel, Der Kreuzestod Jesu Christi als Gottes souveräne Erlösungstat, in: Kleine Schriften IV, 2006, 1-26.

4 Aus: A. Knapp, Tiefer als das Meer. Gedichte zum Glauben, Würzburg, 4. Aufl. 2012, 35.

 

Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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