ER erlöste und befreit uns1

I. Exegetisch-systematische Eckpunkte2

Martin Noth überschreibt in seinem Exodus-Kommentar (ATD ²1961) den Abschnitt 11,1-13,16 mit „Passah-Fest und Auszug aus Ägypten“. Damit zu predigen, ist natürlich unmöglich. Ebenso, ihn in seiner Gänze vorzutragen. Man wird also auswählen müssen. Die alte Perikopenordnung gab V. 1-14 vor, die neue reduziert wie oben ersichtlich.

Mein Vorschlag geht dahin, sich auf die V. 1-3.11.14.37a zu konzentrieren und so die Spannung von kultischer, sich jährlich wiederholender Festordnung, wie sie in V. 14 zum Ausdruck kommt („ein Fest für den HERRN … als ewige Ordnung“) und dem Exodusmotiv, wie es sich in V. 11 und 37a zeigt („So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen“) aufrechtzuerhalten; man bedenke auch Lk. 12,35-38.

II. Gottesdienstliches3

Dieses Jahr beginnt in jüdischen Gemeinden das acht Tage andauernde Pessachfest am 8. April; einen Tag später treffen sich christliche Gemeinden am Gründonnerstag zur Feier des Heiligen Abendmahles. Wäre es nicht ein Zeichen ökumenisch-biblischer Verbundenheit, wenn am Beginn des Gottesdienstes wenigstens kurz der Ursprünge und der Entwicklung beider Feste gedacht würde (vgl. zum Stichwort „Passa“: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/). Nach Möglichkeit lade man jüdische Mitbürger ein. Ist dies nicht zu realisieren, informiere man dazu, etwa mit Hilfe des von Paul Petzel u.a. hg. „Von Abba bis zum Zorn Gottes“ (2017, 133-138).

Idealerweise gelingt es, im Gottesdienstganzen von Ex. 12 über das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern und Ernst Käsemanns „Das wandernde Gottesvolk“ (*1939) einen Spannungsbogen bis hin zum „Gehet hin in Frieden“ aufzubauen. Man erinnere dabei besonders Lk. 12,35-38.

Das bis dato Gesagte voraussetzend könnte die Predigt das menschliche Unterwegssein allgemein und die christliche Pilgerexistenz im Besonderen (als eine individuelle und soziale) zum Inhalt haben; in diesem Sinne vgl. http://www.theologie.uzh.ch/predigten/predigt.php?id=124&kennung=20070405de.

 

Lieder

EG 603,1-4 (Württ.) „When Israel was in Egypt’s land“

EG 222,1-3 „Im Frieden dein“

 

Anmerkungen:

1 Die Überschrift ist nach der Haggada zum Passafest formuliert: „In jeder Generation sehe es der Mensch so an, als sei er selbst aus Ägypten gezogen. Nicht nur unsere Vorfahren hat der Heilige, gelobt sei ER, erlöst. Auch uns erlöste ER mit ihnen.“

2 „Es war ein Urbekenntnis Israels, daß es einst von seinem Gott Jahwe ‚aus Ägypten herausgeführt‘ worden sei“, so Noth in seiner klassisch gewordenen „Geschichte Israels“ (5., unveränderte Aufl. 1963, 106). Schaut man in neuere Theologien des AT (z.B. Jörg Jeremias, 2015, oder Konrad Schmid, 2019), so fällt auf, dass der Exodus nicht mehr die zentrale Rolle spielt. Erhard S. Gerstenberger (2001) geht von einer theologischen Mannigfaltigkeit im AT aus.

3 Völlig zu Recht sagt Gottfried Voigt („Die bessere Gerechtigkeit“, ²1988, 180) am Beginn seiner Meditation unserer Perikope: „Dieses Geschehen der Auszugsnacht wird unseren Gemeinden fremd sein … Vielleicht gruselt uns hier.“

 

Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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