Prioritäten

I

Kontraste prägen erkennbar den zu predigenden Text. Das positive Beispiel einer nicht näher bezeichneten Frau, die in Bethanien Jesus vor seinem Tod zum Begräbnis einbalsamiert, wird von der Schilderung der Verschwörung und Tötungsabsicht der Gegner Jesu (14,1f) und dem Angebot des Judas an die Hohepriester (14,10f) gerahmt. Wie an anderer Stelle auch legt der Autor des Mk. hier eine „kompositionelle Verschachtelung“ (P. Dschulnigg, 353) vor, und man wird seiner mutmaßlichen Intention insbesondere dann gerecht, wenn man den Zusammenhang 14,1-11 in den Blick nimmt. Tiefe Verehrung und verräterischer Hass stehen wie so oft dicht beieinander.

Zwei weitere Verschachtelungen sind daneben interessant und können für die Predigtarbeit fruchtbringend eingesetzt werden. Es ist wohl kein Zufall, dass Frauen am Beginn (14,3-9) und am Ende (16,1ff) der Passionsgeschichte als in besonderer Weise Glaubende dargestellt werden. Schließlich ergibt sich ein Bogen zu der Perikope von der opfernden Witwe (12,41-44), der von unserem Abschnitt nur durch die Endzeitrede Jesu unterbrochen wird (vgl. Mk. 13). Eine wohlhabende und eine mittellose Frau binden sich jeweils mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in das Geschehen ein.

II

Einige ausgewählte exegetische Beobachtungen sollen erwähnt werden:

V. 1: Bereits in frühjüdischen Texten finden sich das Passafest und das Fest der ungesäuerten Brote in einem Zusammenhang erwähnt. Dieses Doppelfest galt der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.

V. 5: Es handelt sich um ein sehr kostbares Nardenöl. Der von einigen Anwesenden benannte Wert von 300 Denaren entspricht unterschiedlichen Schätzungen zufolge von etwa 70% bis hin zu dem eineinhalbfachen Jahreseinkommen eines Arbeiters zu dieser Zeit (analog würden wir heute von bis zu 30.600 € (!) reden, wenn wir 1700 € netto als Monatseinkommen zugrunde legen).

V. 6: Unverkennbar gelangt hier ein Motiv zur Sprache, dass der arme Gerechte trotz des Spotts der Feinde von Gott gerechtfertigt wird (vgl. H.F. Bayer, 493).

V. 7: In sehr realistischer Weise spricht Jesus an dieser Stelle von Armut. Dass sie noch in dieser Welt beseitigt sein könnte, erwartet er nicht (vgl. Dtn. 15,11). Von daher versteht sich der ironische Unterton („wenn ihr wollt“). Auch von diesem Aspekt her gewinnt die Geschichte ihre besondere Brisanz.

V. 9: Dass man, wo immer das Evangelium verkündigt wird, von dieser Frau erzählt, scheint ebenso übertrieben wie der geschätzte Wert des Nardenöls. Leider ist im Unterschied zu dem Hausbesitzer (V. 3) nicht einmal der Name der Frau überliefert.

III

Kontraste prägen erkennbar auch unsere Gegenwart. Für viele Menschen beginnt mit dem Palmsonntag die Passionszeit im engeren Sinne. Leiden und Sterben geraten in dieser Woche noch einmal ganz anders in den Fokus. In der Predigt möchte ich den folgenden Fragestellungen nachgehen:

(1) Ausgehend von dem Wert des Salböls interessiert mich, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen einsetzen, wenn wir den auferstandenen Christus zur Sprache bringen. Wohin fließen bei uns Kraft, Zeit und Energie? Wie begegnen wir denen, die nicht so sparsam damit umgehen, wie wir das „bei Kirchens“ normalerweise gewohnt sind? Zu einer Prioritätendiskussion gelangen wir ganz schnell, wenn wir fragen, was wir uns wirklich etwas kosten lassen.

(2) In einem weiteren Schritt werde ich anhand der Aussage: „Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit“ (14,7) überlegen, wie und wann Jesus bei uns ist und was das mit den wie auch immer Armen unter uns zu tun hat.

 

Literatur:

H.F. Bayer: Das Evangelium des Markus [HTA], Witten 2008

P. Dschulnigg: Das Markusevangelium, Stuttgart 2007

U. Sommer: Die Passionsgeschichte des Markusevangeliums. Überlegungen zur Bedeutung der Geschichte für den Glauben [WUNT II/58], Tübingen 1993

 

Michael Glöckner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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