Mit Christus unterwegs

I. Draußen vor dem Tor

Der Hebr. gehört in eine Zeit, in der die frühen christlichen Gemeinden bereits Erfahrungen mit staatlicher Christenverfolgung machen mussten. Daher verwundert es kaum, in ihm Spuren einer Märtyrertheologie zu finden: Der leidende Christus und die mit ihm und durch ihn leidende (weil verfolgte) Gemeinde werden aufeinander bezogen. Das NT bietet zahlreiche weitere Stellen, die diesen Zusammenhang reflektieren, nicht zuletzt in den (synoptischen) Evangelien selbst.

Ein besonderer Topos des Textes ist der Tod vor der Stadt (V. 12) – eine Anspielung auf die Kreuzigung Christi auf Golgatha vor den Toren Jerusalems. Mit dem leidenden und auf den Kreuzestod zugehenden Christus zieht die Gemeinde seiner Anhänger hinaus, um seine Schmach auf sich zu nehmen (V. 13). In dieser Denkfigur findet eine interessante Verknüpfung zweier Leidensmotive statt, die theologisch (auch im Hebr.) höchst unterschiedlich qualifiziert sind: das Leiden und das Kreuz Christi im Sinne eines stellvertretenden Handelns einerseits (vgl. Kap. 8ff), das Auf-sich-Nehmen von Leiden und Kreuz in der Nachfolge Christi andererseits (ohne dass dies deshalb zu einer Bußleistung im Sinn selbst erwirkte Sühne werden müsste). Nachfolge und Verfolgung gehören für die frühe Christenheit einfach erfahrungsbezogen zusammen.

Dies könnte Anlass dazu geben, den Gottesdienst am Judikasonntag im Gedenken all jener Mitchristen weltweit zu feiern, die nicht in Freiheit, sondern unter Verfolgung ihren Glauben leben. Die verfolgte Gemeinde ist immer auch Gemeinde auf der Flucht. Demgegenüber gehören wir europäischen Christen zu den „Freien“ bzw. „Sesshaften“. Freiheit und Sesshaftigkeit entsprechen sich: die Freiheit (von Verfolgung) verschafft uns Ruhe, verschafft uns ein Bleiben, vielleicht auch ein Beharren. Es gibt klare Vorzüge der Freiheit. Man muss aber auch fragen: Gibt es Nachteile der Ruhe und des Beharrens? Sind wir in unserer Freiheit zu bequem geworden? Bequemen wir uns nur noch zum Glauben?

II. Rom, Jerusalem und die Hütte Gottes bei den Menschen

Rom, die ewige Stadt – ein Attribut, das ästhetischen und kulturgeschichtlichen Wert ausdrückt: Rom als Denkmal. Aber eben auch eine Stadt mit sozialen Schieflagen, mit Korruptionsschäden, mit Verkehrsinfarkt und anderen ökologischen Probleme, heute wie damals – und durch die Jahrhunderte hindurch auch das Symbol kirchlicher Macht!

Der ewigen Stadt Rom stelle ich mit dem Hebr. Jerusalem gegenüber. Auch diese Stadt ist ein Symbol: älter, archaischer, „ewiger“ (wenn es eine solche Steigerung gäbe). Als Stadt der abrahamitischen Religionen ist sie zugleich Symbol des Konflikts – eine Stadt des Konflikts um Religion, eine Stadt als Krise der Religion: zwei zerstörte Tempel, ein gekreuzigter Messias, zahlreiche Eroberungen im Zeichen von Kreuz und Halbmond – eine traurige Bilanz.

Im Angesicht der Katastrophe des gekreuzigten Messias beschreibt, ja beschwört der Hebr. den Auszug aus Jerusalem als Idealbild des Glaubens. Im Bild des Auszugs begegnen aktive und passive Akzente: Verdrängung und Vertreibung, Ungastlichkeit und Unwirtlichkeit, aber auch Abkehr und Abstoßung, Konsequenzen aus dem Martyrium als Bezeugen und Erleiden. Draußen vor dem Tor schütteln die Nachfolger Christi den Staub von ihren Füßen – sie gehen und klopfen ihre Schuhe aus und ziehen weiter. Aus dem sesshaften Gottesvolk wird (wieder) das wandernde Gottesvolk. Es hält sich an Pilgerideale und entwickelt eine folgenreiche theologia viatorum.

Zur Pilgerschaft des Glaubens nach Hebr. passt der Tempel im Rücken. Die Aussicht blickt auf die Herberge am Wegesrand, blickt auf Rast und Begegnung im Wechselspiel von Einkehr und Aufbruch. Für unterwegs taugt kein Haus aus Steinen, allenfalls ein Zelt der Begegnung oder eben die Hütte Gottes bei den Menschen.

III. Das Zukünftige suchen wir?

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft: wir leben auf dem Zeitstrahl. Doch wie lebt es sich auf dem Zeitstrahl? Dazu bedarf es wohl dreierlei Künste: der Kunst des Loslassens (im Blick auf die Vergangenheit), der Kunst, den Augenblick wahrzunehmen, sozusagen auf einer Nadelspitze zu tanzen (im Blick auf die Gegenwart) und der Kunst gespannter Gelassenheit (im Blick auf die Zukunft). Auch darüber ließe sich predigen, wenn man mehr den V. 14 zum Schwerpunkt machen möchte.

 

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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