Gottes mütterliche Zuwendung

„Du tröstest mich ja gar nicht!“ ruft der Junge verzweifelt. Er hatte sich draußen beim Fußballspielen ein paar Schrammen geholt und dann hatten die andern sich auch noch über ihn lustig gemacht. Seine Mutter versorgt die Wunde mit einem Pflaster, ist aber mit den Gedanken woanders. Ihr kleiner Sohn jedoch will Trost. Also nimmt sie ihn in den Arm. Erst dann ist es gut. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (V. 13) – der in der Luther-Bibel fett gedruckte Satz wird viele tief berühren, denn die meisten werden solch mütterlichen Trost als Kind erlebt haben.

Motive des Trostes

Motive des Trostes und der Zuwendung Gottes durchziehen das Buch des Propheten Jesaja (Jes. 40,1; 49,13; 52,9), oft verbunden mit Freude, Erleichterung, Jubel. Manche haben auch in ihrem erwachsenen Leben erfahren: Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Solche Kalenderspruch-Lyrik ist nicht gleich schlecht zu machen. Wer von Lebenserfahrungen erzählen kann, die damit korrelieren, dessen Predigt wird nicht nur über Trost reden, sondern womöglich selbst trösten.

Vergeltungsphantasien

Allerdings: In Jes. 66 geht es um mehr und auch um anderes. Israel soll nicht nur getröstet werden und leben können, es soll endlich aus dem Vollen schöpfen – und zwar „satt“ und „reichlich“. Es geht um die volle Wiederherstellung Israels nach dem Exil, nach Krieg, Gefangenschaft und Demütigung. „Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden“ (V. 14). Über Jahrhunderte war Israel das kleine Volk, das den Großmächten Tribute zahlte, jetzt soll es selbst den Reichtum der Völker empfangen (vgl. noch deutlicher Jes. 60,16).

Hier kommen Vergeltungsphantasien zur Sprache. Und vielleicht wünscht sich der Junge, der heulend zu seiner Mutter kommt, dass sie ihn nicht nur tröstet, sondern die andern Jungs auf der Straße so zusammenstaucht, dass sie ihm ab morgen kein Haar mehr krümmen. Das mag menschlich sein. Durchbrochen und verändert wird das Vergeltungsdenken in Jes. 2,1-5: Hier kommen die Völker zum Zion, nicht um Tribute zu zahlen, sondern um Weisung zu empfangen und auf Gottes Wegen zu gehen. Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Politische Vergeltung wird es dann nicht mehr geben.

Friedenshoffnung

Was also ist die „gute Nachricht“ in Jes. 66,10-14? Wer den Vergeltungsgedanken nicht verschweigt und ihm die andere Friedenshoffnung aus Jes. entgegenstellt, kann sich auf Trost und Wiederherstellung konzentrieren.

Beispiele, die mir in den Sinn kommen: Jemand musste sich einer Krebserkrankung stellen, hat eine Therapie durchlaufen und Strapazen durchlitten – und hat es am Ende geschafft. Die Krankheit ist besiegt. Der nächste Geburtstag wird ein riesiges Fest, bei dem sich alle freuen und aus dem Vollen schöpfen. Auf dem ganzen Weg hat er auf Gott vertraut und hat Trost gefunden bei allen, die an seiner Seite waren. Oder: Ein Jugendlicher wird in der Schule gemobbt. Nicht nur ein bisschen, sondern andauernd und systematisch. Er wechselt die Schule und ist bald selbst wie ausgewechselt. Er ist auf einmal wach, hat Energie, macht mit und gehört dazu. Die Eltern, vor einem halben Jahr noch untröstlich, freuen sich aus vollem Herzen mit. Oder: Zur Silberhochzeit im Freundeskreis kommen zwei, die sich vor einiger Zeit haben scheiden lassen. Sie gehörten ja immer dazu. Wer bleibt jetzt mit wem befreundet? Wie umgehen mit Einladungen und Festen? Das war lange ein schwieriges Thema. Heute ist das Kriegsbeil begraben. Sie hatten ihre Zeit. Sie verstehen anders als früher, was sie getrennt hat. Sie können sich wieder begegnen. Dass ihre Freunde dageblieben sind, manche in der Nähe und manche im Hintergrund, war für sie ein Trost.

Solche Erfahrungen sind nicht bloß menschlich. Viele durchleben sie an der Seite Gottes oder zumindest mit Fragen an Gott: Warum muss ich das durchmachen? Was hast Du noch für mich vorgesehen, Gott? Oft zeigt sich erst vom Ende her, dass und wie etwas „gut“ ausgeht. Auf dem Weg ist Gott einer, der tröstet, wie einen seine Mutter tröstet.

 

Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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