Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes …“

I

Oculi nostri ad Dominum Jesum, oculi nostri ad Dominum nostrum.“ Sonntag Okuli: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“ heißt es in Ps. 25,15. Es geht heute um unsere Augen und um die Frage, wohin wir schauen. „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Dieser letzte Vers des Evangeliums gibt uns den Wochenspruch für diese Woche.

Wohin blicken wir? Zurück? Oder nach vorne? Aber auch bei der Blickrichtung nach vorne fragt sich: Worauf schauen wir? Heinrich Spaemann sagte einmal: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“ Oculi nostri …

II

Macht’s der erste Mann nicht richtig? Er schaut auf Jesus und will ihm folgen. Müsste ihn Jesus nicht mit offenen Armen empfangen? Nein. Interessanterweise lässt Jesus diesen Mann zuerst einmal auf die irdischen Bedingungen der Nachfolge schauen. Nicht der Blick in den Himmel, sondern der Blick auf die Erde tut diesem Mann not: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Ich glaube wohl, dass Jesus offen war für diesen Mann. Aber er wollte ihm keine „Katze im Sack“ verkaufen. Er wollte ihn ernüchtern, damit er den richtigen Blick bekommt. Nicht auf rosa Glaubenswolken sollte er schweben, nicht von seiner Begeisterung weggetragen werden. Irgendwann kommt dann nämlich der Punkt, wo er sagt: „So habe ich mir das mit Jesus nicht vorgestellt. Ich dachte, es geht von Verklärung zu Verklärung, von Heilung zu Heilung, von Wunder zu Wunder.“ Es mag sein, dass man das manchmal so erleben kann.

Aber daneben steht die harte Nachfolgewirklichkeit. Warum hat Jesus keinen Ort, wo er sich hinlegen kann? Weil er verfolgt wird, weil jeder seiner Schritte überwacht wird. Er hat keine Ruhe, weil er nicht in Ruhe gelassen wird. Von seinen Feinden. Er hat Feinde. Und er ist gerade unterwegs nach Jerusalem. Wir wissen, was dort auf ihn wartet. Jesus weiß es auch. Der Mann ahnt es nicht einmal. Damit er wirklich die Nachfolge Jesu erwählt und auf das schaut, was wesentlich ist, was Leben gibt, was das Reich Gottes ausmacht, damit er darauf schaut, muss ihm Jesus den Blick von den Wolken weg auf die Erde lenken.

III

Den zweiten Mann ruft Jesus selbst in die Nachfolge. Der stellt aber Bedingungen: erst das Begräbnis des Vaters, dann die Nachfolge. Und da gibt ihm Jesus das harte Wort mit: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.“

Ich glaube nicht, dass Jesus etwas gegen Beerdigungen im Allgemeinen einzuwenden hatte. Wenn Jesus in diesem Fall so scharf reagiert, dann deshalb, weil dieser Mann die falsche Blickrichtung hat. Er hat seine familiären Verpflichtungen. Er ist hineingebunden in die menschlichen Rücksichtnahmen und Erwartungen, auch die unausgesprochenen. Er ist gefangen in diesem Netz von Konventionen und gesellschaftlichen Bindungen. Und er definiert sich von daher.

Das will Jesus aufbrechen. Bote des Lebens soll der Mann werden, nicht Tote begraben. Das können die anderen machen. Das Reich Gottes soll er verkündigen. So hart das Wort Jesu auch klingt, es ist ein Wort der Befreiung.

IV

Der Dritte kommt wieder von selbst. Er will sich nur noch schnell verabschieden. Und wieder so ein hartes Wort. Der Wochenspruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Damals war es kein Wochenspruch. Damals war es ein persönlich zugespitzter Ruf.

Was ist schon dabei, auf Wiedersehen zu sagen? Nichts. Aber für diesen einen Menschen sah Jesus die Gefahr, dass er zurückblickte. Dass er anschaute, was er alles hinter sich lassen wollte, dass er auf das sah, was er verlor, anstatt auf das, was er gewinnen könnte. Und dass das Gute, das er verließ, Macht über ihn gewinnen und ihm den Blick verstellen würde für das Gute, das er ergreifen wollte. Besser der Spatz in der Hand …

Wie heißt die Taube auf dem Dach? „Reich Gottes“. Immer führt Jesus die Menschen zu diesem Begriff. Man könnte alle drei Begebenheiten in dem Wort zusammenfassen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“ Alles andere findet sich dann schon, und ihr werdet nicht zu kurz kommen.

 

Br. Franziskus Joest

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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