Begleiten, trösten, aufrichten – wie machen wir das predigend und betend in gegenwärtigen und kommenden Zeiten? Wie nehmen wir Sorgen und belastende Erfahrungen von Menschen in Zeiten von Corona auf, ohne sie durch die eigenen Worte zu verschlimmern? Christine Lungershausen fragt danach, welche Bedeutung die Erkenntnisse der Traumatherapie für Gottesdienste in gegenwärtiger Zeit haben.

 

Einige Überlegungen zu Beginn

„‚Wie ist die Welt so stille und in der Dämm’rung Hülle so traulich und so hold …‘, summend sitzt sie am Fenster. Sie ist allein. Einsam zeitweilig. In die Stille mischt sich ein Klang. Sie erinnert sich an Kindertage und an diesen Gesang: ‚Seht ihr den Mond dort stehen …‘“

Begleiten, trösten, aufrichten: Wie geht das mit Predigt und öffentlichem Gebet in Zeiten potentieller Traumata, sei es durch Corona oder Einschränkungen? Trauma meint umgangssprachlich, dass die Folgen der gegenwärtigen Situation weit über diese hinauswirken. Erfahrungen sind erschütternd – und Menschen haben nicht ausreichend seelische Ressourcen, um sie bearbeiten zu können. Was erfordert das für unser Sprechen im Gottesdienst? Dem werde ich im Folgenden nachgehen.1

 

Ressourcen statt Dramen

Neben dem weiten umgangssprachlichen Sinn von Trauma gibt es einen fachlichen. Hier bezeichnet Trauma nicht ein Ereignis, das von außen als besonders gewaltsam eingestuft wird. „Zum Trauma wird ein Ereignis, wenn es unsere Schutzhülle verletzt und uns mit einem Gefühl der Überwältigung und Hilflosigkeit zurücklässt.“2 Traumatisierend wirkt, was die Grenzen des Nervensystems überschritten hat.

Hier könnten Gottesdienst, Glaube, geistliches Leben weitere Ressourcen sein: Ressourcen, damit etwas gar nicht erst traumatisch wirkt, und damit Menschen im Nachhinein im Glauben, aus dem Gepredigten und gottesdienstlich Inszenierten Ressourcen zum guten Umgang finden.

Natürlich soll der Gottesdienst nicht zur Therapiesitzung werden. Für Therapie spricht Peter A. Levine von einer „Neuverhandlung“ des Traumas: Neuverhandelt wird neben einer Deutung vor allem die Fortwirkung im Nervensystem. Der Betroffene soll in die Lage versetzt werden, die zuvor überfordernden Gefühle, Panik, Schmerz, Angst, Wut, Scham etc. auszuhalten – und dadurch keine negative Endlosschleife im Gehirn zu produzieren. Solche Neuverhandlung kann der Gottesdienst nicht leisten.

Gottesdienste geben aber als Anders-Räume dem Leben Orientierung und Halt. Sie können Ressourcen stärken, um potentiell Traumatisierendes auszuhalten. Und natürlich sollte Gottesdienst nicht selbst retraumatisieren durch intensive oder dramatische Inszenierung von Leid.

Zwei Richtungen der Traumatherapie finden sich bei Peter A. Levine und Luise Reddemann.3 Erkenntnisse, die mir für den Gottesdienst als relevant erscheinen, werde ich darstellen und als zweites an den liturgischen Schaltstellen konkretisieren. Abschließend werden daraus Fragen an Texte des Gottesdienstes.

 

Erkenntnisse der Traumatherapie bei Peter Levine und Luise Reddemann

Wie entsteht ein Trauma? Und wie wirkt es fort? (Peter A. Levine)

Peter Alan Levine, geboren 1942 in den USA, ist Biophysiker und Psychologe. Er hat geforscht dazu, wie sich Traumata lösen lassen ohne die Gefahr, jemanden zu retraumatisieren. Das passiert, wenn das ursprünglich Belastende wieder erlebt wird und die Ressourcen ebenso wenig wie damals da sind, es zu ertragen.

Peter Levine sieht im Anschluss an die Polyvagale Theorie drei Reaktionsweisen auf Gefahr: Flucht, Kampf oder Erstarren. Bei den ersten sammelt der Körper blitzartig Energie und verwendet sie. Beim letzten ist es für Tiere, die nicht schnell genug sind, sinnvoll, sich tot zu stellen, bis der Angreifer ergebnislos abzieht. Menschen kommen manchmal aus dieser Schockstarre nicht mehr heraus und die Energie, die sonst für die anschließende Flucht genutzt worden wäre, verbleibt im Körper. Sie sind grundangespannt, gleichzeitig reglos und hochgradig wachsam:

„Immobilität und Übererregtheit sind (…) Antworten des Organismus auf Bedrohungen und anhaltenden Stress. Sie werden aktiviert, wenn ein Individuum eine Gefahr (bei Angriff oder Flucht) oder ein drohendes Verhängnis (verbunden mit Immobilität) wahrnimmt.“4

Das beeinflusst, ob die Welt als bedrohlich, potentiell gefährlich, wunderschön … wahrgenommen wird. Das wirkt auch im Gottesdient. Auch theologisch würde ich die Welt als bedrohten, dem Chaos ausgesetzten Bereich deuten. Daher erbitte ich Gottes Schutz. Ich erlebe mich als in einer chaotischen und häufig bedrohlichen Welt als geschützt. Daher frage ich mich für den Gottesdienst: Wie kann gottesdienstliches Reden helfen, sich in der Welt geschützt zu erleben?

Aus den Ausführungen von Levine legt sich mir negativ nahe, dass einfach nur drüber zu reden, den ursprünglichen Ausgang wiederholen würde oder bei sinkenden Kraftressourcen verschlimmern: „Dissoziierte Menschen, die abgeschaltet haben, sind nicht ‚in ihrem Körper‘ und trotz all ihrer Bemühungen im Grunde nicht imstande, realen Kontakt im Hier und Jetzt zu erfahren.“5 Das verbale Thematisieren allein hilft also nicht. Das Trauma ist

„im Nervensystem gebunden. Es ist somit eine biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine als lebensbedrohlich erfahrene Situation. Das Nervensystem hat dadurch seine volle Flexibilität verloren.“6

Ebenso wenig hilft Vermeidung:

„Solange sich die zentrale physische Erfahrung bei einem Trauma – schrecksteif oder vor Angst wie erstarrt sein oder zusammenbrechen und sich total betäubt fühlen – nicht entfalten und umwandeln kann, bleibt der oder die Betroffene festgefahren, gefangen im eigenen inneren Wirrwarr von Angst und Hilflosigkeit. (…) Diese scheinbar unannehmbaren Erfahrungen bringen uns dazu, sie zu meiden.“7

Einführung von Ressourcen (Luise Reddemann)

Ursprünglich haben die Ressourcen nicht gereicht. Hier setzt Luise Reddemann an. Sie ist 1943 in Aalen geboren und wird Fachärztin für Psychiatrie und Psychoanalyse. Sie leitete eine Klinik in Bielefeld für psychotherapeutische und psychosomatische Therapie. Sie forschte nach imaginativen und körpertherapeutischen Verfahren und entwickelt die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT). Jenseits des Fachpublikums stieß das auf Interesse bei Menschen, die sich mit dem seelischen Erbe der Weltkriege befassten.8

Mit Ressourcen können sich Menschen Traumatischem zuwenden:

„Hier möchte ich an den Mythos von Medusa, einer traumatisierten Frau, erinnern. Der Anblick ihres entsetzlichen Hauptes ließ jeden erstarren, der versuchte, sich ihr zu nähern. Erst Perseus, der sich geschickterweise mit Hilfe seines Schildes vor ihrem Anblick schützte, gelang es, sie zu enthaupten, sprich dem Trauma seine Macht zu nehmen.“9

Luise Reddemann beginnt im therapeutischen Setting damit, dass sie Menschen ihre Ressourcen sammeln lässt: was sie gut können, was sie bisher im Leben gestärkt hat etc. Sie sucht nach Gegengewichten gegen Schreckensbilder und dies vor der Arbeit an Traumata.

Was taugt im Gottesdienst als Perseus’ Schild? Was sind solche Ressourcen im Gottesdienst? In konkreter Analogie zu dem „Was können Sie gut? Was hat Ihnen bisher geholfen?“ fallen mir Dankgebete ein und Psalmen. Solch ein Psalm könnte zu Beginn stärken, der eigene durchstandene Krisen erinnert oder die anderer Menschen. Das wird an der konkreten Ausführung hängen, ob es als fernes Ritual oder als Ressource erfahren wird. Aber daran ließe sich weiterdenken: Wie gestalte ich den Eingangsteil eines Gottesdienstes so, dass er Menschen Halt gibt?

Neuverhandeln in der Therapie: Mit Ressourcen dem Belastenden begegnen (Peter A. Levine)

Auch Peter Levine sucht nach einem „Schild des Perseus“ und schickt Menschen dann schrittweise in Wiederbegegnungen mit dem Belastenden.

„Die wirkungsvollste Strategie gegen den Abwehrtrick direkter Vermeidung besteht darin, sich der Angst zuzuwenden, mit der Immobilität selbst in Berührung zu kommen und die zahlreichen verschiedenen Empfindungen, Verhaltensmuster, Bilder und Gedanken, die mit den möglicherweise aufkommenden unangenehmen Erfahrungen verbunden sind, bewusst zu erforschen.“10

In seinem Ansatz des „Somatic Experiencing (SE)“ will Levine Menschen ihre gegenwärtige physische Empfindung als Ressource nutzen lassen. Von der körperlichen Erfahrung im Moment aus wenden sie sich kurzzeitig dem Belastenden zu und wieder zurück zu dem, was Halt gibt. Diese ausgleichenden Erfahrungen sollen „die passiven Reaktionen von Zusammenbruch und Hilflosigkeit durch aktive, selbststärkende Abwehrreaktionen ersetzen.“11

Es sei nochmal betont: Es geht im Gottesdienst nicht um Therapie. Die Leitidee aber lässt sich verwenden, eigene Tätigkeit an die Stelle passiven Erleidens zu setzen. Wie also führen wir Menschen in Handlungsmacht? Bei Trauerfeiern die wegen des Infektionsschutzes nur im engsten Familienkreis stattfinden, geschieht das schon vielerorts: Menschen nehmen zeitgleich zur Feier auf dem Friedhof in der eigenen Wohnung Abschied, durch eine ausgedruckte Liturgie vom Pfarramt, in Verbundenheit mittels der Kirchenglocken. Ähnlich können Angehörige für Abschiedsgesten im Nachhinein auf dem Friedhof kleine Gestaltungsvorschläge bekommen. Zwar keine Gemeinschaft vor Ort, aber ein Papier in der Hand oder eine Blume am Grab.

Auf solch eigene Tätigkeit zielen auch kreative Vorschläge zu Gottesdienst am Küchentisch, „Der Mond ist aufgegangen“ auf dem Balkon oder Fürbitten zum Weitermalen mit Kreide auf dem Kirchhof, Aktionen wie die Ostersteine und Kresse-Hoffnungssamen. Hier wächst innere Beteiligung und glaubende Aktivität. 12

 

Statt nach den Ursprüngen des Traumas zu fragen: Heilsames imaginieren

Levine und Reddemann raten, Heilung sinnlich vorzustellen, statt zu fragen, wo das Verstörende ganz genau herkomme. Im Gehirn entstünden so neue Verschaltungen. Die alten reagierten mit Erstarrung, Flucht oder Kampf, die neuen folgen den Imaginationen gen Heilung.

„Imaginationen sind eine Quelle, aus der die Menschen seit Urzeiten Kraft und Wissen schöpfen und Heilung erfahren können. Was wir uns vorstellen, hat eine ähnliche Wirkung wie das, was wir denken oder tun. Vorstellungskraft ist eine Ressource, die bei fast jedem Menschen vorhanden ist und sich als Werkzeug für eine ressourcenorientierte therapeutische Arbeit anbietet.“13

Mir fallen aus der Bibel Texte ein, die Heil imaginieren: wie Schaf und Löwe zusammen weiden, wie Freunde ein Dach erklimmen und einen Gelähmten zu Jesus in die Mitte der Gesellschaft bringen, wie eine Frau Jesus für Leben und Tod salbt und das angesichts von Infragestellung … Ich lese die Bibel neu mit der Frage: Wo wird Heilsames ausgemalt? Was regt die Phantasie an, sich Gutes auszumalen? Relevant wird das auch darin, wie ich eine Lesung einleite.

 

Verletzung statt Störung: Als was deuten wir ein Trauma?

Peter Levine betont, dass Trauma keine Störung, sondern eine Verletzung sei:

„Kürzlich weigerte sich ein junger Irak-Veteran, seine Kampfqualen PTBS [posttraumatische Belastungsstörung] zu nennen, und bezeichnete seinen Schmerz und sein Leiden entschieden als PTBI – wobei das ‚I‘ für ‚Verletzung‘ (‚injury‘) stand. Er traf damit die kluge Unterscheidung, dass ein Trauma eine Verletzung ist und nicht eine Störung wie zum Beispiel Diabetes (…) Eine posttraumatische ‚Belastungsverletzung‘ hingegen ist eine emotionale Wunde. (…) In der herkömmlichen Therapie, die auf dieser Distanzierung beruht, weist der Therapeut das PTBS-Opfer an, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen sowie sein abweichendes Verhalten und seine dysfunktionale Denkweise zu korrigieren. Vergleichen Sie diese Einstellung einmal mit schamanischen Traditionen, wo sich Heiler und Kranker zusammentun, um in den Schrecken noch einmal hineinzugehen und dann die kosmischen Kräfte anzurufen, um aus den Klauen der Dämonen befreit zu werden.“14

Diese Anerkenntnis könnte auch gegenwärtig helfen: Menschen machen nicht Fehler, sondern es ist schwer, mit dem Gegenwärtigen umzugehen. Menschen sind nicht gestört, sie werden verletzt. Und sie werden weiterhin verletzt sein. Daher gilt es, behutsam auch in Gottesdiensten mit ihnen, mit uns umzugehen, und zu prüfen, wie Gottesdienste geistlich stärken, seelisch erbauen, geistig aufhelfen.

 

Was heißt das für den Gottesdienst?

Gottesdienst als Schutzraum

Gottesdienst und Kirchenräume können als Anders-Räume dem Leben Orientierung und Halt geben. Sie werden zum Schutzraum. Zu tun hat das mit der Bitte um Gottes Gegenwart. Von menschlicher Gegenwart, die gegen die Bildung von Traumata hilft, erzählt Peter Levine. Bei einem erlittenen Autounfall entkam einem Trauma durch die Anwesenheit einer Kinderärztin, Sie war bei ihm, bis der Krankenwagen kam.

„Die ruhige Unterstützung durch die freundliche Kinderärztin war von enormer Wichtigkeit. Ihre unaufdringliche Herzenswärme, die im ruhigen Tonfall ihrer Stimme zum Ausdruck kam, ihre freundlichen Augen, ihre Berührung und ihr Duft vermittelten mir so viel Sicherheit und Schutz.“15

Auch andere traumatisierte Menschen berichten, dass die Gegenwart eines stärkenden Gegenübers es verändert, wie bedrohlich eine Situation empfunden wird. Wir erbitten für den Gottesdienst Gottes Gegenwart. Ich stelle mir vor: So wie das da eingeübt ist, können Menschen auch außerhalb der gemeinsamen Feier darum bitten und auf die Erfahrung zurückgreifen.

Theologisch erinnert mich das an den ersten Schöpfungsbericht: Gott schafft die Welt, indem er sie vom Tohuwabohu unterscheidet. Die gute Schöpfung ist ein dem Chaos abgetrotzter Bereich. In Krisenzeiten, auch in einer Pandemie, zeigt mir das, wie wenig selbstverständlich Sicherheit und Ordnung sind. Ich habe nur in Frieden gelebt – aber das Chaos anderswo und die Straßen, „wüst und leer“, weisen darauf hin, dass „Tohuwabohu“ nicht völlig vergangen ist. Menschen mit Traumata haben, theologisch gedeutet, das Tohuwabohu in ihr Leben hereinbrechen erlebt. Um sich wieder im geschützten Bereich zu erfahren, hilft stärkende Gegenwart, so wie Gebete sie von Gott erbitten. Diese Grundüberlegungen lassen sich vielfältig auf Gottesdienstgestaltungen beziehen. Mir fallen die folgenden Elemente auf:

Votum: Im Raum des Namens Gottes feiern

Wenn wir den Gottesdienst bewusst im Namensraum Gottes feiern, rahmen ihn Votum und Segen in der expliziten Anrufung Gottes. Das gilt in Zeiten physischer Distanz vielleicht noch deutlicher: Im Votum als Zeichen des gottesdienstlichen Beginns verbinden sich die verschiedenen Orte, wo Gottesdienst gefeiert wird, Wohnzimmer mit Wohnzimmer und Kirchenräumen.

Praktisch wird Gottesdienst als Schutzraum für mich, wenn ich nicht mit dem Verletzenden beginne. Die Begrüßung muss keine Leidbeschreibung beinhalten, es reicht ein „besondere Zeiten“ und jede*r weiß, worum es geht.

Beten: Gutes wahrnehmen

Mit Stärkendem zu beginnen, ist eine leitende traumatherapeutische Erkenntnis. Zu Beginn des Gottesdienstes stärkt Danken die Haltung, Gutes zu empfangen und Schweres zu tragen. Hier wird nicht über Gott geredet, der wie eine Mutter tröstet, sondern dieser Trost wird dankend erfahren. So wie Ressentiments uns physisch schaden, so stärkt uns zu danken. All das polt die Wahrnehmung auf Gutes, es verbindet uns, es setzt andere Bezugsgrößen. Es hilft, Traumata und Überwältigungserfahrungen entgegen Gutes wahrzunehmen und zu empfinden.

Ähnliches ließe sich für das Kyrie umsetzen: Statt Dramen zu benennen, ist es hilfreich, wenn Menschen selbst Schweres ablegen können, vielleicht in einer Stille oder in inszenierten Symbolhandlungen.

Predigt: Deutungen einspielen? Aussicht auf Neuschöpfung

Eine Erkenntnis von Peter Levine und Luise Reddemann ist, dass man Belastendes erst angeht, wenn ausreichend Ressourcen zum Tragen da sind. Für den Spannungsbogen einer Predigt lese ich daraus: Es hilft nicht, nach einer Problembeschreibung Lösungen durchzuspielen und irgendwann die rettende Gnade Gottes einzubringen. Beim Stärkenden anzusetzen heißt, Gottes Gegenwart zu imaginieren, die Hörenden mithineinzuspielen und gestärkt durch diese Verbindung auf Belastendes zu schauen.16

Schwierig ist aus dieser Sicht, wenn Hörende intensiv in die Not hineinerzählt werden – wie Menschen in Pflegeheimen einsam sind, wie Frauen Angst haben allein vor Gewalt zu Hause, wie Depressionen um sich greifen und die normalen Umgangsweisen derzeit nicht greifen etc. –, um dann Auferstehungshoffnung oder Weihnachtslicht strahlend dagegen zu setzen. Die verängstigende Wirkung des Vorigen kann damit nicht rückwirkend ungeschehen gemacht werden.

Mich erinnert das an frühere Erfahrungen zu Predigten. Da sagten Menschen: „Wieso macht ihr uns erst als Sünder nieder, um uns dann aufzubauen, dass Gott uns trotz allem liebt. Ich glaube das nicht. Gott muss mich nicht klein machen, um mich aufzurichten.“ Daran fühle ich mich erinnert: Wieso muss mir erst so ganz intensiv nahegebracht werden, wie schlimm es für Menschen gerade sein kann, um dann zu sagen, dass Gott trotzdem da ist …?

Das lässt sich formalhomiletisch als Frage nach dem Predigtaufbau lesen. Systematisch-theologisch ist ebenso gefragt nach Gottes Wirken und wie wir es angesichts des Virus und seiner Folgen deuten. Ich habe hier keine Antwort, nur eine Spur: Mich bringt die theologische Sicht von Günther Thomas weiter, die blickt gen Neuschöpfung. Dazu gehört, Krankheit, Böses, Viren etc. zu deuten als Riss in der Schöpfung. Den Entstehungsort kann man nicht eindeutig zuordnen: Wenn ich es eindeutig den faulen, gierigen, aus dem Garten Eden vertriebenen Menschen zuschreibe, ist das einseitig. Was sagt es über meine Erwartung an Gottes Handeln? Wenn ich es eindeutig Gott zuschreibe, wäre das zynisch. Glaube ich an diesen Gott, der mich vielleicht verschont, aber die anderen nicht?

Wie ich es lese, versucht der auf die Neuschöpfung geweitete Blick, der Schuldzuschreibung zu entgehen und stattdessen gen Zukunft anderes in den Fokus zu nehmen: Aussicht auf Gutes, Sehnsucht nach Gemeinschaft, Hoffnung auf Heilsames … Die Weite des Blicks gen Neuschöpfung heißt: Gott hofft ungeduldig wie wir auf Heil.17 Dieser Wechsel der Blickrichtung passt zu der traumatherapeutischen Idee, statt Drama zu vertiefen, Heilsames zu imaginieren.

Das ist sicherlich nur ein Anfang und ebensowenig alternativlos. Mir fällt im hiesigen Kontext vor allem eine Frage auf: Welche Deutungen tragen dazu bei, sich auch in einer bedrohlichen Welt geschützt zu erfahren?

Für die Sprache der Predigt finde ich klarere Hinweise:

„Aufgrund dieser Sprachbarriere bei traumatisierten Individuen ist es besonders wichtig, mit Empfindungen zu arbeiten – der einzigen Sprache, die das Reptiliengehirn spricht und versteht. Das hilft Menschen, ihr Abschalten und ihre Dissoziation zu überwinden und vermindert die Frustration und die Gefühle von Überwältigung bei der Verarbeitung von traumatischem Material.“18

Ich lese das für den Gottesdienst als Impuls, weniger rational abzuwägen, was wie wann wo heil werden könnte, sondern kreativ auszumalen, wie Heil schmeckt, riecht und sich anfühlt.

Fürbitte: Betend Verbundenheit erfahren

Beten schafft Raum für die Liebe Gottes in uns.19 Ich brauche die Fürbitte gerade. Anders als sonst fühle ich mich mal nicht ohnmächtig, sondern verbunden. So wie Holger Pyka das praktisch in seinem Gebet zur Nacht macht: „Gott, irgendjemand hofft gerade, dass das Licht im Flur nicht ausgeht wegen der Monster unter dem Bett (…) irgendjemand hustet gerade und erschrickt (…) irgendjemand träumt gerade vom Fliegen …“.20

Hier erfahre ich die Fürbitte als anthropologische Kraft: Wir sind im Gebet miteinander verbunden, nicht in dem Sinn, auf Gott einzuwirken, dass er etwas Bestimmtes macht, nicht „gegen den Virus“ zu beten; sondern als Kraft, die uns vor Gott miteinander verbindet. Wir speisen uns ein in ein Netz von Zuwendung, Aufmerksamkeit, von Fürsorge in Form von Mitgefühl. Dieses Netz stärkt uns, verbindet uns. Es stärkt die, für die wir beten. Und ich vertraue drauf, dass uns das stärken wird, auch wenn wir wieder in großen Gruppen im Eiscafé Spaghetti-Eis löffeln und in Chören singen.

Segen und der Gruß am Schluss: „Bleiben Sie … gesund … robust … zuversichtlich“?

Gottesdienst als Schutzraum. Trost trotz Krise. Gesucht wird das, denke ich, gerade im Segen. Ich höre häufig als Gruß am Ende einer Konversation: „Bleiben Sie gesund!“ Was sagt der Wunsch? Oder die Aufforderung? Beschwörung? Im Kontext von Trauma würde ich mich fragen: Und was, wenn nicht? Ist es dann für alle Wünsche zu spät?

Trauma heißt, dass eine Schreckenserfahrung im Nervensystem gebunden geblieben ist und die Welt als bedrohlich erfahren lässt. Eine Formulierung wie „Bleiben Sie gesund“ weckt hier eher die Assoziation der Bedrohung, wie gefährdet Gesundheit (derzeit?) ist und weniger die Erfahrung von Segen, sich unter Gottes leuchtendem Angesicht zu sehen.

Ich vermute, dass klare performative Rede helfen könnte; „Gott segne Dich“, „Gott stärke, schütze, …“ oder „Bleiben Sie robust und froh darin, Hoffnung zu teilen“, oder „Schutz und Segen zu euch“. Sicherlich gibt es viele andere und bessere Formulierungen.

 

Fragen an gottesdienstliche Texte

1. Führe ich mehr in Trauma oder mehr in Trost hinein?

2. Habe ich Stärkendes und Stabilisierendes in Liturgie und Predigt?

3. Was stärkt mich? Gebe ich Hörenden Anteil daran? Wie?

4. Rede ich darüber oder führe ich hinein, wird es erfahrbar?

5. Wiederhole ich Wirkungsweisen, die mit Alarm und Aufgeregtheit wirken?

6. Schweres: Lege ich es eher den Menschen auf die Schultern, Gott in die Hand? „Wo“ ist es am Ende des Gottesdienstes?

7. Was ist mein beschriebener Hoffnungshorizont: Es wird gut? Gott weiß es? Gott ist ebenso ungeduldig in Hoffnung? Gott weiß es auch nicht? Irgendwann ist es vorbei?

8. Welches innere Bild von Krankheit und Gesundheit vermittle ich? Geht es darum, bloß nicht krank zu werden? Was ist mit den Kranken? Welche Bilder für Geborgenheit entwerfe ich?

9. Falls ich bewusst gerade weniger seelsorglich und mehr prophetisch unterwegs bin: Gibt es trotzdem etwas für die, die mit Trostbedürfnis zuhören?

 

Anmerkungen

1 Die bisherigen ausführlichen theologischen Arbeiten werten Erkenntnisse der Traumatherapie primär im Blick auf Seelsorge und Theologie allgemein aus, beispielhaft: Kristina Augst, Auf dem Weg zu einer traumagerechten Theologie. Religiöse Aspekte in der Traumatherapie, Elemente heilsamer religiöser Praxis, Stuttgart 2011; Andreas Stahl, Traumasensible Seelsorge. Grundlinien für die Arbeit mit Gewaltbetroffenen, Stuttgart 2019. Im Herbst wird, auch für die Seelsorge, Maike Schults Habilitation erscheinen: Maike Schult, Ein Hauch von Ordnung. Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge, Leipzig 2020. Sie situiert die Aufgabe der Predigt im Kontext von Traumata zwischen Unsagbarkeit und Neusagung des Schmerzes: Maike Schult, Die Silbe Schmerz. Vom Schmerz sprechen in Literatur und Predigt, in: Praktische Theologie (PrTh). Zeitschrift für Praxis in Kirche, Gesellschaft und Kultur, 49. Jg. (2014), Heft 4, 227-232.

2 https://www.somatic-experiencing.de/was-ist-somatic-experiencing/.

3 Neben anderem: Peter A. Levine, Trauma und Gedächtnis. Die Spuren unserer Erinnerungen in Körper und Gehirn. Wie wir traumatische Erfahrungen verstehen und verarbeiten. München 2015, Kindle-Version 2011; Luise Reddemann, Imagination als heilsame Kraft. Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren. Klett-Cotta, Stuttgart 2001.

4 Levine 2011, 136.

5 A.a.O., 148.

6 Levine, Homepage: https://www.somatic-experiencing.de/fortbildung/.

7 Levine 2011, 103.

8 Vgl. Reddemann, Luise, Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie, Stuttgart 52018.

9 Reddemann, Luise, Psychodynamische Therapie traumainduzierter Störungen. Vortrag gehalten am 12.5.2006 aus Anlass der 8. Jahrestagung der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie, DeGPT, Medizinische Hochschule Hannover, 11; http://www.luise-reddemann.de/fileadmin/content/downloads/aufsaetze-vortraege/Psychodynamische%20Therapie%20traumainduzierter%20Störungen.pdf.

10 Levine 2011, 103.

11 Levine 2011, 103f.

12 Vgl. die Ideen auf www.kirchejetzt.de des Zentrums für Gottesdienst und Predigtkultur in Wittenberg.

13 Klappentext von: Reddemann, Luise; Stasing, Jana, Imagination. Handwerk der Psychotherapie, Bd. 2, Psychotherapieverlag 2013.

14 Levine 2011, 57.

15 Levine 2011, 32.

16 Der Gedankengang soll nicht heißen, dass nicht viele Predigten auch schon so arbeiten. Aber mir hilft es zu verstehen, was daran mit den Einblicken in traumatherapeutisches Arbeiten besonders Sinn macht.

17 Besser nachzulesen bei Günther Thomas selbst: https://zeitzeichen.net/node/8206.

18 Levine 2011, 150.

19 Henri Nouwen: „Beten schafft Raum für die Stimme Gottes, die dir sagt, dass du der Geliebte bist. Wenn du nicht betest, rennst du herum und bettelst um Bestätigung. Und dann bist du nicht frei.“ – http://eaoloez.erzbistum-koeln.de/seelsorge_und_glaube/spiritualitaet/spiritualitaet_und_beten/gebete_finden_und_auswaehlen/.

20 Holger Pyka: https://www.youtube.com/watch?v=c95CGbwK8Pk&feature=youtu.be&fbclid=IwAR0ToDJbvQSgzm5NcN9-LfkHb2—BBYdzs527gW47_M0KcSA0UXWMwZhPCs.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vikarin Dr. Christine Lungershausen, Jahrgang 1982, derzeit Assistentin in der Gottesdienstausbildung der EKHN am Theol. Seminar in Herborn, ab Dezember 2020 Pfarrerin in Eschborn.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2020

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