Im Gespräch mit Pastor Achim Strehlke


Achim, als Kollegen duzen wir uns …

… und wir sind in Dänemark, da ist das üblich.


Üblich sind in Dänemark auch Gewerkschaften für Pastoren. Seit wann ist das so?

Seit gut 100 Jahren gibt es in Dänemark die Gewerkschaft als Interessenvertretung für Pastorinnen und Pastoren.


Nehmen wir einmal an, ich werde junger ­Pastor in Dänemark. Wann ist mein erster Kontakt zur Gewerkschaft?

Normalerweise beginnt das schon am Tag Eins, wenn jemand Pastor/in geworden ist. Oder vorher, in der Zeit im Pastoralseminar. Das ist das Äquivalent zum Vikariat. Man kann auch schon im Studium Mitglied von Praesteforening werden. Einfach, um von Anfang an alle Vorteile nutzen zu können.


Welche Vorteile bringt die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft?

Zunächst ist da die Arbeitslosenversicherung. Wichtig, wenn du als Pastor nicht gleich eine Stelle bekommst, wo du verbeamtet wirst. Auch andere Leistungen, wie Rechtsschutz und Interessen-vertretung hängen mit einer Mitgliedschaft zusammen.


Nimmt die Gewerkschaft zu den Pastoren Kontakt auf?

Das ist nicht nötig. Man weiß einfach um die Bedeutung der Gewerkschaft. Fast alle dänischen Pastoren sind in der Gewerkschaft. Es gehört einfach dazu.


Konkret, wie macht sich die Gewerkschaft im Alltag bemerkbar?

Zu jedem Konvent kommt immer auch der Vertrauensmann, die Vertrauensfrau der Gewerkschaft. Das ist ein Kollege, eine Kollegin in der Propstei, die/der von den Mitgliedern gewählt wird. Zusätzlich treffen wir uns ein- oder zweimal im Jahr als Gewerkschaft des Konventes. Dann geht die Pröpstin raus und wir besprechen unsere Anliegen, z.B. wie es uns geht mit der Pröpstin oder in anderen dienstlichen Dingen. Besteht dann Klärungsbedarf, bringt der Vertrauensmann oder die Vertrauensfrau das auf den Weg.


Pröpste sind nicht in der Gewerkschaft?

Doch, die sind auch in der Gewerkschaft, aber haben dort einen eigenen Unterverband der Pröpste. Ansonsten arbeitet unsere Pröpstin von sich aus eng mit unserem Vertrauensmann der Gewerkschaft zusammen. Wenn da irgendwo ein Problem ist, wird dieser automatisch von der Pröpstin mit einbezogen.


Zu den Vorteilen einer Mitgliedschaft: Arbeitslosenversicherung hast du genannt.

Es gibt ein wöchentlich erscheinendes Blatt mit Informationen. Jetzt im Sommer gibt es das allerdings nur alle zwei Wochen.


52 Ausgaben im Jahr?

Immer mit einer Predigtbesprechung, dazu kommen inhaltliche Artikel. Vor allem aber die Stellenausschreibungen.


Stellenausschreibungen der Kirche im Blatt der Gewerkschaft?

Pfarrstellen werden nicht in einem kirchlichen Amtsblatt ausgeschrieben. Das gibt es bei uns gar nicht. Vakante Pfarrstellen in ganz Dänemark sind immer im Blatt der Praesteforening ausgeschrieben. Nach einer Veröffentlichung hat man dann 14 Tage Zeit, sich zu bewerben. Also, wenn man das Blatt nicht hat und man sucht eine Stelle, dann wird es schwierig. Man geht dann auf die Homepage des Kirchenministeriums. Wir sind ja eine Staatskirche in Dänemark und unser Kirchenamt ist das Kirchenministerium. Aber das Gewerkschaftsblatt ist der normale Ort, wo ein Pastor sich informiert. Es steht auch im Gewerkschaftsblatt, wer wo eine neue Stelle angetreten hat, wer emeritiert worden ist, wer verstorben ist u.s.w.


Das hat ja eine fleißige Redaktion.

Ja, klar.


Das heißt, wenn ich als Pastor im Informationsfluss bleiben möchte, dann muss ich in der Gewerkschaft sein.

Ja.


Vorteile einer Mitgliedschaft sind vor allem Arbeitslosenversicherung, Informationen und Rechtsschutzversicherung.

Genau. Die Gewerkschaft hat ein Hauptsekretariat mit Juristen. An die oder den Vertrauensmann in der Propstei kannst du dich bei Konflikten wenden.


Das sind da keine Pastoren, wie in unserer Pastorenvertretung?

Die Vertrauensleute in der Propstei und im Bistum (Stift) sind Pastorinnen und Pastoren, ebenso im Hauptvorstand. Sie werden regelmäßig in allen Fragen der Interessenvertretung und Verhandlungsführung fortgebildet. Und sie bekommen für ihren ­Aufwand eine Gehaltszulage von der Kirche. Und im Sekretariat in Kopenhagen sitzen ausgebildete Fachjuristen, die einen aufgrund ihrer Ausbildung kompetent be­raten.


Gibt es Mobbingberatung?

Alles, was an Fragen und Anliegen da ist, wird von der Gewerkschaft umfassend beraten. Es gibt zusätzlich noch kleinere Leistungen, Nebengeschichten wie Rabatt auf Küchen, einen Sparverband, Brandversicherung. Das bieten letztlich alle Gewerkschaften irgendwie an. Wichtig für uns Pastorinnen und Pastoren sind die Vertrauensleute und die Fachkräfte im Sekretariat und ihre Unterstützung.


Ein Beispiel?

Angenommen, ich habe ein dienstliches Gespräch mit Pröpstin oder Bischof, weil es irgendwo einen Konflikt gibt, dann ist immer die Vertrauensperson dabei. Das ist sinnvoll. Man ist in so einer Situation nie allein, und nachher steht dann etwas in der Personalakte oder im Protokoll, was gar nicht richtig ist. Stets ist da einer, die Vertrauensperson der Gewerkschaft, der sich auf den richtigen Verlauf konzentrieren kann und gleichzeitig mich beruhigt, dass ich im Konflikt die Nerven behalte und nicht u.U. etwas sage, was nicht hilfreich ist. Die Vertrauensperson behält das Rechtliche im Auge hat und sieht: machen die jetzt alles richtig oder läuft hier etwas verkehrt.


Es ist Usus und nicht ungewöhnlich, dass der Gewerkschaftsmensch in Konfliktgesprächen mit am Tisch sitzt?

Das ist das Normale. Da bekommt keiner von vornherein einen Minuspunkt, wenn die Gewerkschaft mit dabei ist. Eigentlich ist die Frage, wenn der Vertrauensmann nicht dabei ist: »Wieso ist der jetzt nicht da?«


Dänische Pastorinnen und Pastoren sind dienstwohnungspflichtig?

Ja, auch da hilft einem wieder die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft, denn es geht um die Wahrnehmung von zustehenden Rechten. Die Verordnung des Kirchenministeriums über Dienstwohnungen wird gemeinsam mit der Gewerkschaft erarbeitet. Denn die Gewerkschaft ist eine starke und kompetente Verhandlungsmacht. In jedem Jahr macht der Kirchenvorstand eine Begehung seiner Gebäude: Kirche, Gemeindehaus, Friedhof – und auch der Pastorate. Wenn der Pastor das will, könnte jedes Jahr die Vertrauensperson der Gewerkschaft mit dabei sein. Das ist in der Praxis seltener. Üblich ist, dass jedes dritte Jahr der Propst oder die Pröpstin dieser Bestandsaufnahme vorsteht. Dann ist auch immer die Vertrauensperson der Gewerkschaft dabei. Damit festgestellt werden kann, ob alles, worauf der Pastor ein Recht hat, auch wirklich umgesetzt worden ist. Das ist nun weniger eine Kontrolle, ob der Pastor ordentlich aufgeräumt hat, sondern vielmehr die Überprüfung, ob seine Rechte eingehalten werden. Da wird dann genau geguckt.


Das funktioniert?

Das funktioniert. Da sagt die Pröpstin: Das muss gemacht werden und das und dies – und nach spätestens drei Jahren wird dann von ihr kontrolliert.


Wie angenehm.

Das ist es wirklich. Weiter wird alle fünf Jahre der Wert der Dienstwohnung ermittelt. Da ist ein Architekt dabei, ein Fachmann aus der Immobilienbranche, z.B. ein Makler, und ein/e Vertreter/in von der Gewerkschaft, und die legen dann den Wert der Dienstwohnung nach marktüblichen Preisen fest. Der Kirchenvorstand muss für diese Kommission bezahlen.

In Dänemark ist es so, dass von diesem ermitteltem Wert zur Erstellung der Dienstwohnungsvergütung ein Drittel abgezogen wird aufgrund der Dienstwohnungspflicht, denn der Pastor soll Geld zurücklegen können, um sich dann später etwas Eigenes leisten zu können. Die Idee ist, du bezahlst nur zwei Drittel, weil du ja geschädigt bist durch die Dienstwohnungspflicht.


In Deutschland müsste man das als »geldwerten Vorteil« versteuern.

Das ist in Dänemark anders. Vielleicht, weil wir staatliche Beamte sind. Für Deutschland könnte man sagen, dass der geldwerte Vorteil nach diesem Verständnis eigentlich von der Landeskirche ersetzt werden müsste.


Sind weitere Besonderheiten in der Dienstwohnungspflicht?

Unsere Heizkosten sind gedeckelt. Man zahlt max. für 140qm Heizkosten. Das macht sich bei großen Landpastoraten mit 200qm bemerkbar, wenn man nur für 140qm die Wärme bezahlen muss. Du hast die Möglichkeit, entweder die realen Heizkosten zu bezahlen oder eine Pauschale nach qm. Ich habe in meinem Pastorat hohe Räume und zahle die Pauschale. Es ist dann das Risiko des Kirchenvorstandes, wie gut die Räume isoliert sind oder nicht. Oder ob der Winter kalt wird oder nicht. Oder ich den Flur ständig mitheize oder nicht.


Zurück zu den Gewerkschaften. Was erwartet die Gewerkschaft von ihren Mitgliedern?

Natürlich den Gewerkschaftsbeitrag.


Der ist wie hoch?

Ich bezahle 557,– Kronen im Monat. Ohne einen Beitrag in die Arbeitslosenversicherung, weil ich das als deutscher Beamter hier nicht brauche. Umgerechnet sind das 77,– €.


Das ist einiges an Geld.

Aber jeden Cent wert! Man muss bedenken, dass die Mitgliedschaft viele, auch finanzielle Vorteile gebracht hat, die es ohne Gewerkschaft so nicht geben würde. Unterm Strich zahlt es sich aus.


Es gibt vermutlich nicht viele Pastoren, die nicht in der Gewerkschaft sind?

Nein.


Wie reagieren die Gemeinden und Kirchen­vorstände auf Gewerkschaften?

Es ist in Dänemark einfach üblich, dass jeder Arbeitnehmer von seiner Gewerkschaft vertreten wird. Der Friedhofsarbeiter, der Organist, die Sekretärin, also auch die Pastoren. Das ist das dänische Modell, das dänische Demokratieverständnis: Mir kann es nur gut gehen, wenn es meinem Nachbarn auch gut geht und kollektiver Reichtum ist wichtiger als der individuelle Reichtum weniger Großverdiener. Daher auch die Bereitschaft, Steuern zu zahlen. Denn wenn die Steuern sinken, dann werden die Schulen und die Kindergärten schlechter, die Gesundheitsfürsorge wird schlechter, die Universitäten, die Bibliotheken, die Schwimmbäder …, kurzum: die ganze Situation.


Achim, du bist deutscher Pastor in ­Dänemark. Ausgebildet und examiniert in Deutschland. Wie geht das?

Nach dem Referendum 1920 sind die in Nordschleswig liegenden Teile der Schleswig-Holsteinischen Kirche verabschiedet und an die Dänische Volkskirche angegliedert worden. Für die deutsche Minderheit in Dänemark gibt es neun Pastorenstellen. Fünf davon werden von der Nordkirche bezahlt und Pastorinnen und Pastoren versteuern ihr Einkommen auch in Deutschland. Aus historischen Gründen wurden vier Stellen, darunter auch meine, von der dänischen Kirche eingerichtet.


Wer bezahlt dein Gehalt?

Mein Gehalt bezahlt die Dänische Volkskirche.


Die Besonderheit in Dänemark ist, dass Pastoren Staatsbeamte sind.

Ja, oder Angestellte. Je nachdem. Wenn sie angestellt sind, sind sie natürlich Angestellte der Staatskirche und Teil dieser staatlichen Struktur. Sehr groß sind die Unterschiede zu Deutschland allerdings nicht, wo das Pastorenrecht nach dem Beamtenrecht gestaltet ist.


Stimmt es, dass es in Dänemark eine Arbeitszeitregulierung für Pastoren gibt?

Prinzipiell ja. Wobei es nicht viele gibt, die sie einhalten. Die wöchentliche Arbeitszeit ist 38 Stunden, aber wenn am Wochenende eine Trauung ist, dann kannst du das nicht einfordern. Jedoch, im Laufe eines Jahres sollst du zusehen, dass du dieses Limit einhältst. Es ist Aufgabe der gewerkschaftlichen Vertrauensperson und der Pröpstin darauf zu achten, dass das wirklich geschieht. Niemand erwartet, dass du stillschweigend mehr arbeitest.


Erwartet die Gemeinde nicht mehr vom ­Pastor?

Nein, er ist eben nicht für alles zuständig. Seine Aufgaben sind Verkündigung, Unterricht und Seelsorge im Rahmen von Amtshandlungen. Das reicht. Ein Pastor oder eine Pastorin hat eben nicht die Aufgabe Jugend- oder Kinderarbeit zu machen. Er ist z.B. nicht Vorsitzender des Kirchenvorstandes oder Stellvertreter und ist auch nicht zuständig für Personalangelegenheiten. Es gibt einen Bauausschuss und einen Kirchenwart. Das ist alles nicht Aufgabe des Pastors.


(lacht) Himmlisch!

Es gibt allerdings Aufgaben, die deutsche Pastoren nicht haben. Der dänische Pastor hat standesamtliche Aufgaben. Er registriert z.B. Geburten und Todesfälle. Auch ein Moslem registriert sein Kind bei der Pastorin. Doch auch da ändern sich die Dinge und die Krankenhäuser übernehmen inzwischen häufig die Meldungen.


Die Gewerkschaft handelt in Dänemark auch die Tarife aus?

Natürlich.


Streiken dürft ihr nicht?

Nein, wir sind ja Beamte.


Letzte Frage: Modell Dänemark, ein Vorbild für Deutschland?

Das Modell Dänemark ist das Resultat von gewerkschaftlicher Arbeit. Ohne Gewerkschaft wäre es auch in Dänemark – trotz aller Unterschiede zu Deutschland – anders um die Rechte von Pastorinnen und Pastoren bestellt. Eine Gewerkschaft ist immer so stark, wie ihre Mitglieder sie machen. Dann kann sie stark verhandeln und kann auch Forderungen stellen und sich für die Rechte ihrer Mitglieder einsetzen. Viele Dinge, die in Dänemark besser organisiert sind, wurden von der Gewerkschaft mit dem Kirchenministerium ausgehandelt. Das geht aber nur, wenn mindestens 80%, besser 90% der Pastoren organisiert sind. Wenn man bereit ist, hauptamtliche Juristen einzustellen und zu bezahlen, die Rechtsschutz gewähren, und das Kirchenamt dann weiß: da steht einem einer gegenüber, der ist den Kirchenjuristen zumindest ebenbürtig. Solange man sich selber klein macht oder einem der Beitrag zu hoch scheint, geht das nicht. Man übersieht dann, dass man in Wirklichkeit durch die Gewerkschaft gewinnt. Diese Bereitschaft muss da sein.


(Das Gespräch führte Klaus Guhl, Pastor der Nordkirche und Vorsitzender des Vereins der Pastorinnen und Pastoren in Nordelbien.)

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Achim Strehlke, Jahrgang 1964 ist seit dem 1. Februar 2007 beurlaubt für den Dienst als deutscher Pastor der dänischen Volkskirche in Tondern für den deutschen Teil der Gemeinde in Tondern und Uberg; Strehlke ist verheiratet und Vater einer Tochter; weitere Infos auf seiner Homepage www.pastor.de oder www.praesteforening.dk.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2016

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