Ab 2020 wird es in den deutschen evangelischen Landeskirchen schwierig sein, frei werdende Pfarrstellen wieder zu besetzen. Schon jetzt zeichnet sich ein Mangel ab. Christian Grethlein fragt nach der längerfristigen Perspektive: Welche Bedeutung hat der Pfarrberuf für die Kommunikation des Evangeliums und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Berufsprofil und Ausbildung?1

Die Konstellation, die zum Pfarrermangel führt, ist – neben der allgemeinen demografischen Entwicklung – komplex und erschließt sich nur einem mehrperspektivischen Zugang. Folgende Entwicklungen scheinen mir dabei von besonderer Bedeutung: Veränderungen im Bereich des universitären Theologiestudiums, Herausforderungen im Pfarrberuf, Transformationen in der Kirche. Ich will dabei jeweils mit einem kurzen historischen Rückblick beginnen. Bei so alten Gegenständen, wie dem Theologiestudium, dem Pfarrberuf und den evangelischen Kirchen, erschließt sich Gegenwart nur problemgeschichtlich. Es folgen empirische Einsichten, weniger das Referat statistischer Daten als vielmehr Hinweise auf Gesamttheorien, die konkrete Veränderungen im Zusammenhang allgemeiner gesellschaftlicher Prozesse und kultureller Entwicklungen verstehen lassen.


1. Reformen im Theologiestudium

1.1 Theologie ist in Deutschland der Studiengang, der in den letzten 150 Jahren den größten Marginalisierungsprozess durchlaufen hat2

Zahlenmäßig stand die (Evang.) Theologie lange an der Spitze der Universität. So stellten die evang. Theologen bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. hinein die zweitgrößte Fakultät: »1830 studierten etwa 27% evangelische, 11% katholische Theologie, 28% Jura, 15% Medizin, 19% in der Philosophischen Fakultät, 1860/61 sind die Zahlen: 21 – 10 – 20 – 17 – 31%.«3 Als dann die Zahl der Studierenden stark anstieg, blieben prozentual die Theologen – bei etwa gleich bleibenden absoluten Zahlen – wegen fehlender zusätzlicher Stellen zurück. So betrug der Anteil der evang. Theologie-Studierenden an der Gesamtheit der Eingeschriebenen 1911 nur noch 4,5%.4 Die Philosophische Fakultät, die Medizin und dann vor allem die neuen technisch-naturwissenschaftlichen Fächer hatten dagegen steile Zuwachsraten. Mit der Universität Frankfurt – als Stiftungsuniversität in Deutschland eine Besonderheit – entstand 1914 die erste deutsche Universität ohne Theologische Fakultät(en).5

Diese Entwicklung der Theologie vom dominanten hin zu einem klein(er)en Fach hält bis heute an. Mittlerweile ist der Anteil der Studierenden, die im evang.-theol. Studiengang auf das Pfarramt eingeschrieben sind, weit unter ein Prozent am Gesamt der Studierenden an Hochschulen abgesunken. Insgesamt bestand im Jahr 2006 an nur 19 der 103 in Deutschland bestehenden Universitäten eine Evang.-Theol. Fakultät.6 Allerdings ist die Evang. Theologie durch einzelne Institute und Lehrstühle, die vor allem der Ausbildung von ReligionslehrerInnen dienen, an erheblich mehr Hochschulen präsent, dort aber als Bestandteil der philosophischen, erziehungswissenschaftlichen o.ä. Fachbereiche.


1.2 2010 stellte der Wissenschaftsrat eine große Veränderung im Belegverhalten der Theologie-Studierenden fest

Die Zahl der sog. »VolltheologInnen« geht zurück, die der Studierenden, die neben Theologie noch ein oder mehrere andere Fächer studieren, steigt an. So wandelt sich Evang. Theologie als Universitätsstudium auch an den Theol. Fakultäten von einem Erst- zu einem Zweit- bzw. Drittfach.7 Dies deutet darauf hin, dass die Theologie als universitäres Studienfach eine gewisse Attraktivität besitzt, die aber nicht mit der des Pfarrberufs in eins fällt.

Vermutlich dürfte die im Zusammenhang der sog. Bologna-Reform Raum greifende Veränderung des Studienbetriebs an Hochschulen diese Tendenz stabilisieren. Mit Ausnahme weniger Studiengänge, zu denen auch das Magister Theologiae-Studium gehört, sind in den letzten Jahren die universitären Ausbildungsgänge in eine gestufte Form überführt worden. Die Bachelor-Master-Struktur ermöglicht Studierenden eine Flexibilität, insofern die meisten BA-Studiengänge zum Eintritt in unterschiedliche MA-Studien berechtigen. Dies macht nicht zuletzt nach 6-7 Semestern einen – oft vorläufigen – Studienabschluss möglich. Das auf den Pfarrberuf vorbereitende Studium dauert mit 12 Semestern dagegen doppelt so lang wie die meisten universitären BA-Studiengänge. Ein vorzeitiger Ausstieg ist hier ein Studienabbruch, ohne jedes berufsqualifizierende Diplom. Den Pfarrberuf anstrebende Studierende müssen sich also schon in jungen Jahren (G 8!) über ihren Berufswunsch klar sein, um das Risiko eines zwölfsemestrigen Studiums auf sich zu nehmen. Dies ist angesichts der Dynamisierung der Lebensverhältnisse eine hohe Anforderung, der sich offenkundig nur eine kleine Zahl von jungen Menschen stellt.8

Dabei ist auf Analysen zur sog. Y-Generation,9 also der etwa zwischen 1985 und 2000 Geborenen, zu verweisen. Diese Generationskohorte – auch »Maybe-Generation« genannt10 – zeichnet sich dadurch aus, dass sie – in Reaktion auf unsichere Verhältnisse – sich Optionen möglichst lange offenhält und damit Entscheidungen verzögert. Auch muss gefragt werden, ob eher an Kontinuität Interessierte, die sich mindestens sechs Jahre für ein Studium festlegen, die geeigneten KandidatInnen für die zukünftige pastorale Tätigkeit in einer hochfluiden Gesellschaft sind.

Schließlich bestehen nach wie vor strikte Anforderungen im Pfarramtsstudiengang hinsichtlich der Kenntnisse alter Sprachen. Entsprechend deren Rückgang am Unterrichtsangebot in den Gymnasien müssen fast alle Studierenden zwei Sprachen, eine erheblich Zahl sogar drei Sprachen nachholen. Es fehlen bis heute empirische Untersuchungen zur Nachhaltigkeit des dort erworbenen Wissens. Aus Untersuchungen zu gymnasialen Lehramtsstudiengängen wissen wir, dass die – dort auf Latinum und Graecum reduzierten – Sprachanforderungen eine erhebliche Hürde darstellen, die gegen die Aufnahme des Studiums stehen oder zu dessen Abbruch führen.11 Trotzdem werden nach wie vor die alten Sprachen meistens als philologische Kurse ohne Verbindung mit dem sonstigen Theologiestudium unterrichtet. Vermutlich wird ein Beibehalten der Sprachanforderungen den Kreis potenzieller Interessenten für den Pfarramts-Studiengang weiter reduzieren. Dass eine Abkehr von den philologisch bestimmten Standards nicht notwendig eine Qualitätsminderung der theologischen Ausbildung nach sich ziehen muss, zeigen alternative Formen funktionsbezogenen und damit fachintegrierten Sprachunterrichts.12


1.3 Interesse verdient hinsichtlich der Gewinnung künftiger PfarrerInnen der Marburger Master-Studiengang Evang. Theologie13

Voraussetzung für diesen berufsbegleitenden, sechssemestrigen Master-Studiengang ist der erfolgreiche Abschluss eines anderen Studiums, wobei ein BA-Abschluss ausreicht. Die Evang. Kirchen von Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau übernehmen die AbsolventInnen in ihren Vorbereitungsdienst. Mit diesem Studienangebot wird u.a. der Tatsache Rechnung getragen, dass bisweilen erst in höherem Alter, etwa nach einigen Jahren anderweitiger beruflicher Tätigkeit und/bzw. einer Familienphase, der Wunsch entsteht, als PfarrerIn tätig zu werden. Die Sprachenfrage ist dort so gelöst, dass nur anwendungsbezogene Sprachkenntnisse vermittelt werden, aber kein Graecum oder Hebraicum im Sinne einer Abiturergänzungsprüfung verlangt wird. Von am dortigen Studiengang beteiligten DozentInnen wird überwiegend sehr Positives berichtet.


2. Herausforderungen im Pfarrberuf

2.1 Konzeptionell verdankt sich der evang. Pfarrberuf dem reformatorischen Aufbruch14

Dem evang. Pfarrberuf fehlt eine ontologische Begründung – wie die durch das Weihe-Sakrament beim röm.-kath. Priester. Streng genommen ist der Pfarrberuf in der evangelischen Kirche rein funktional bestimmt. So heißt es in Art. V der Confessio Augustana knapp und präzise: »Ut hanc fidem consequamur, institutum est ministerium docendi evangelii et porrigendi sacramenta.« Der Pfarrberuf, für den dann in Art. XIV noch der ordentliche Ruf (»rite vocatus«) vorgeschrieben wird, hat also nur der Lehre des Evangeliums und der Feier der Sakramente und damit der Förderung des Glaubens zu dienen. Von daher besteht für die konkrete Ausgestaltung des Pfarrberufs – theologisch gesehen – große Freiheit.

Dazu tritt eine weitere reformatorische Einsicht, die immer wieder zu Problemen im Bereich der genauen Bestimmung des Pfarrberufs in den evang. Kirchen führte. Entgegen der wesenhaften Differenz zwischen Klerikern und Laien bei den Altgläubigen entdeckten die Reformatoren in der Bibel die Auffassung vom allgemeinen Priestertum aller Getauften (1. Petr. 2,9). Demnach bedürfen die Getauften außer Jesus Christus keiner heilsvermittelnden Instanz. Vielmehr sind sie selbst gehalten, als »Priester« zu fungieren, also das Evangelium zu kommunizieren.

Nur in einer Hinsicht besteht nach reformatorischer Auffassung eine Besonderheit des pastoralen Berufs, und zwar in der »Öffentlichkeit« der Kommunikation des Evangeliums. Die »öffentliche Lehre« und die sog. Sakramentsverwaltung als »öffentlicher« Vollzug sind den rechtmäßig Berufenen, in der Regel eben den PfarrerInnen, vorbehalten. Dabei ist aber zu beachten, dass bei »publice« unter den Bedingungen des 16. Jh. nicht die weite Verbreitung im Blick war. Vielmehr ist »publice« qualitativ bestimmt (so Luther bereits 1520 in »De captivitate babylonica«: WA 6,566). Es geht darum, dass durch die Tätigkeit der Pfarrer verlässlich das kommuniziert wird, was Einsicht der kirchlichen Gemeinschaft (»consensu communitatis«) ist. Dabei war ein Bildungsgefälle zwischen Pfarrern und den anderen Gemeindegliedern vorausgesetzt, das unter den Bedingungen des Anstiegs formaler Bildung in der Gegenwart heute so nicht mehr besteht.

Bald nach dem reformatorischen Aufbruch kam es zu einem Prozess dogmatischer Vergewisserung. In der Phase der sog. Orthodoxie führte diese Konzentration auf die korrekte Lehre mancherorts zu Trübungen im Verhältnis zur Gemeinde. Während der Katastrophe des 30jährigen Krieges wurde das Pfarrhaus dagegen zu einer wichtigen seelsorgerlichen und diakonischen Einrichtung. Die gemeinsame Not ließ Pfarrfamilien und Gemeinden eng zusammenrücken. In der Aufklärungszeit wandten sich Pfarrer bewusst der ganzen Bevölkerung zu, und zwar in volkserzieherischer Absicht.15 Etwa um die Mitte des 19. Jh. erreichte der gesellschaftliche Einfluss der evang. Pfarrer in Deutschland seinen Höhepunkt. Doch geriet der traditionelle Pfarrberuf durch die gesellschaftliche Modernisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jh. unter Druck. Offenkundig wurde sein Funktionsverlust durch die Einführungen der Personenstandsgesetzgebung 1875. Sie überführte die bisher vom Pfarrer versehene standesamtliche Aufgabe in staatliche Trägerschaft. Die Ablösung der geistlichen Schulaufsicht folgte.

Diese Reduktionen zogen eine Konzentration des Pfarrberufs auf die Kirchengemeinde und ihr »Leben« nach sich. Der Pfarrer wurde – soziologisch gesehen – zum Vorsitzenden des Vereins »Gemeinde«. Das war Ende des 19. Jh. ein – durchaus umstrittenes16 – innovatives Modell der Inkulturation des bis dahin wesentlich obrigkeitlich bestimmten Berufs. Mittlerweile verliert aber die Sozialform Verein an Attraktivität und damit auch das Profil des Pfarrers als – sozial formuliert – Vereinsvorsitzender.


2.2 Veränderungen im allgemeinen Ansehen der Pfarrer in der Bevölkerung und Diversifizierungen

In der vom Allensbacher Institut für Demoskopie erfragten Berufsprestige-Skala rangierten (seit 1966) die »Pfarrer/Geistlichen« regelmäßig auf dem zweiten bzw. dritten Rang. 1966 gaben 49% der Deutschen in der diesbezüglichen Repräsentativbefragung an, dass sie vor Vertretern dieses Berufs »besondere Achtung« hätten. 2008 waren es 39%, wobei das zum Rang zwei hinter den Ärzten genügte. 2011 kam es zu einem rapiden Rückgang: Nur noch 28% bekundeten besondere Achtung, der Pfarrberuf rutschte auf Platz 7 der Skala von 18 Berufen ab. 2013 stiegen die Pfarrer/Geistlichen wieder etwas auf (6. Rang: 29%).

Für den Ansehensverlust der Pfarrer/Geistlichen dürfte nicht zuletzt der Missbrauchsskandal im Bereich kath. Priester verantwortlich sein. Denn die Umfrage differenziert – aus empirischen Gründen – nicht konfessionell. Dazu liegt auf der Hand, dass das geringe Ansehen der Kirche17 sich auf die Einschätzung ihrer wichtigsten VertreterInnen auswirkt.

Auch in anderer Hinsicht unterlag der Pfarrberuf erheblichen Veränderungen, und zwar hinsichtlich der Relation Pfarrer – Kirchenmitglieder.18 1910 betreuten in den deutschen Landeskirchen 16.000 Pfarrer 37 Mio. Evangelische (1:2.312); 2000 betrug die Relation 24.000 zu 26,6 Mio. (1:1.108). Das Verhältnis halbierte sich also. Inzwischen wird die Zahl der Pfarrstellen jedoch aus finanziellen Gründen wieder abgesenkt. Die langjährige Tendenz zeigt aber eine signifikante Veränderung, in der sich der Rückgang an Selbstverständlichkeit der Kirchenmitgliedschaft, aber auch ein größerer Umfang binnenkirchlicher Kommunikation widerspiegelt.

Betrachtet man den Einsatz von PfarrerInnen statistisch näher, fällt die Diversifizierung auf: Die EKD-Statistik von 2015 (für 2009!)19 erfasst 21.488 TheologInnen im aktiven Dienst (davon 33,5% Frauen). Sie gibt 18.576 auf Planstellen tätige PfarrerInnen an, von denen 32,1% Frauen sind. 14.356 arbeiten Vollzeit (davon 23,7% Frauen), 4.220 Teilzeit (davon 60,8% Frauen). 548 PfarrerInnen sind ohne Planstelle (davon 59,3% Frauen) und 2.364 beurlaubt, freigestellt oder im Wartestand (davon 38,6% Frauen). 14.040 der PfarrerInnen sind im Gemeindedienst (davon 29,6% Frauen), 5.554 im Funktionsdienst (davon 40,1% Frauen) tätig. Insgesamt nimmt die Zahl der Pfarrerinnen stetig zu. Die starke Partizipation von Frauen an der Freiwilligenarbeit in der Kirche weist in dieselbe Richtung. Vermutlich wird sich dadurch die Entwicklung des Pfarrberufs zu einer Teilzeittätigkeit verstärken. Der funktionale Aspekt gewinnt so auch pragmatisch an Bedeutung.

Hervorzuheben ist, dass die Mehrzahl der PfarrerInnen in der Kirchengemeinde tätig ist; allerdings sind mehr als ein Viertel von ihnen in anderen Tätigkeitsfeldern anzutreffen, wobei diese Tendenz bei Frauen besonders ausgeprägt ist. Nimmt man noch hinzu, dass es in vielen Kirchenkreisen bzw. Dekanatsbezirken mittlerweile üblich ist, dass GemeindepfarrerInnen gemeindeübergreifende Beauftragungen übernehmen (für Mission, Öffentlichkeitsarbeit usw.), tritt die Relativierung des Kirchengemeindebezugs für den Pfarrberuf noch deutlicher hervor. Dieter Becker vertritt deshalb die These, dass es gegenwärtig nicht einen »Pfarrberuf«, sondern »Pfarrberufe« gibt.20

Betrachtet man die Arbeitspläne von heutigen PfarrerInnen im Gemeindedienst21 erkennt man schnell, dass sich in den letzten Jahren die Aufgaben iure humano addierten und die iure divino, vielleicht besonders deutlich im Bereich der Kasualien, anspruchsvoller wurden. Dass solcher Wandel das Zeitbudget vieler PfarrerInnen belastet und teilweise überfordert, ist ein Problem, das individuell nicht zu lösen ist, sondern struktureller Veränderungen bedarf. Ein Indiz für Reformbedarf an dieser Stelle ist die von Herbert Lindner diagnostizierte Flucht vor dem Gemeindepfarramt in Funktionspfarrstellen.22 Dass vor allem Frauen überproportional in ihnen tätig sind, kommt wohl nicht von ungefähr. Nach wie vor übernehmen sie meist den größeren Teil der Familienarbeit und benötigen deshalb ein zeitlich klar konturiertes Aufgabenfeld. Dem entspricht ihr größerer Anteil bei der Teilzeit-Tätigkeit.

Doch dürfte über den Anteil der Frauen hinaus die klare zeitliche Begrenzung der pastoralen Tätigkeit an Bedeutung gewinnen. Denn Angehörige der sog. Generation Y streben in hohem Maß nach einer ausgeglichenen work-life-Balance.23 Ein Beruf, in dem die 48-Stunden-Woche als ein erst anzustrebendes Ziel der Personalplanung gilt,24 dürfte für die meisten Angehörigen der Y-Generation, auch die, die sich für Theologie interessieren, von vornherein ausscheiden. Deshalb kommt der Frage der Arbeitszeit der PfarrerInnen in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Bedeutung für zukünftige Personalplanungen zu.25


2.3 Das neue EKD-Pfarrerdienstrecht nimmt nur verhalten gesellschaftliche Veränderungen auf

Insgesamt dominiert die Orientierung am Überkommenen und damit am staatlichen Beamtenrecht.26 Die pastorale Praxis wird sehr konventionell beschrieben. In der Praxis wichtige Fragen wie der Umgang mit Mitarbeitenden oder Kolleg/innen kommt nicht bzw. kaum in den Blick.

Angesichts der zu vermutenden Bedeutung der Arbeitszeit verdienen Versuche Interesse, dieses Thema zu bearbeiten. In der Evang.-Luth. Landeskirche in Bayern liegt jetzt mit der »Handreichung für die Erstellung von Dienstordnungen für Pfarrerinnen und Pfarrer« ein konkreter Entwurf auf dem Tisch, der Vorlagen für die Erstellung von Dienstordnungen gibt. Er setzt eine Richtarbeitszeit bei 48 Wochenstunden voraus.

Noch grundsätzlicher stellt sich die Frage nach der Einschätzung der Bedeutung der PfarrerInnen für die Kommunikation des Evangeliums. Große Zustimmung nicht zuletzt beim Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrerverband fand in diesem Zusammenhang die im EKD-Impuls-Papier ausgegebene Parole vom Pfarrberuf als »Schlüsselberuf«.27 Sie wird wieder aufgenommen in der ersten kirchenamtlichen Broschüre zur V. EKD-Mitgliedschaftsumfrage. Allerdings erweist sie sich bei näherem Hinsehen als empirisch wenig fundiert.28 Nach der KMU V tauschen sich Evangelische im Wesentlichen mit ihrem Ehepartner (79%), Freunden und Bekannten (58%) sowie ihrer Familie (53%) über »den Sinn ihres Lebens« aus. Demgegenüber kommt kirchlichen Mitarbeitenden, wozu zweifellos die PfarrerInnen gehören, eine nur geringe Bedeutung zu (21%).29 Dem entspricht die anderweitige Beobachtung, dass die Zahl der Evangelischen, die angeben, »einen persönlichen (Sprech-)Kontakt« zu einem Pfarrer zu haben, seit der ersten EKD-Mitgliedschaftsumfrage vor 40 Jahren »kontinuierlich« abnimmt.30 Eine Spezialauswertung der EKD-Mitgliedschaftsumfragen ergab dass PfarrerInnen »primär mit den hochverbundenen Kirchenmitgliedern und immer weniger mit anderen Kirchenmitgliedern« sprechen.31

Das dürfte wesentlich in einem sich gegenwärtig rasant vollziehenden Wandel im Modus religiöser Kommunikation begründet sein, wie ihn Armin Nassehi im Zusammenhang mit dem Bertelsmann-Religionsmonitor beschreibt. Nicht mehr »Autorität«, sondern »Authentizität« ist demnach die bevorzugte Form. Dem entspricht, dass »nicht die Inhalte, nicht religiöse Traditionsbildung, nicht einmal Praktiken, sondern … letztlich der Stil« das Entscheidende für Kommunikationen ist, die den Glauben betreffen.32 Dies bestätigen Erfahrungen in der Blog-Kommunikation. Hier begegnet eine bedeutsame Verschiebung innerhalb öffentlicher Kommunikation. Angesichts der sorgfältig zu verteilenden Ressource Aufmerksamkeit verlagert sich die Bedeutung von den Sendern zu den Empfängern. Sie entscheiden, ob und welche Information öffentlich wird oder ungelesen gelöscht wird.33 Zugehörigkeit zu einer Institution gilt sogar eher als abschreckend, man befürchtet nur Werbung. »Öffentlichkeit« wird demnach zu einer Angelegenheit der allgemeinen Priester.


3. Transformationen von Kirche

3.1 Kirche verdankt sich historisch und theologisch Impulsen, die vom Auftreten, Wirken und Geschick Jesu von Nazareth ausgingen

Im Mittelpunkt des Auftretens und Wirkens Jesu stand nach den Berichten der synoptischen Evangelien die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft. Nach seinem Tod und dem folgenden, überraschenden Neuaufbruch seiner Jünger bildeten sich schnell auf verschiedenen Ebenen Sozialformen, die im NT u.a. mit dem damals profan konnotierten Begriff »Ekklesia« bezeichnet wurden, und zwar:

– in weltweiter, also die ganze Ökumene (im Sinne des bewohnten Erdkreises) umfassender Weise

– in Landschaften wie Syrien oder Cilicien

– in Städten wie Korinth

– in der damals grundlegenden Sozialform des Hauses.34

Von diesen vier Sozialformen hat im NT keine eine Präferenz. Sie haben theologisch bei aller Verschiedenartigkeit im Bezug auf Jesus Christus als Herrn ihre Gemeinsamkeit.

Schon im 2. Jh. wurden die Modi der Kommunikation des Evangeliums sowie die damit verbundenen Sozialformen vielfältig kontextualisiert. Bis zum Ende des 4. Jh. vollzog sich ein tiefgreifender Wandel von der Interpretation des jüdischen Glaubens bei Jesus hin zu einem gut organisierten und mächtigen cultus publicus. Auf der Ebene der Glaubenspraxis vermischten sich soteriologische Verheißungen und ökonomische Unternehmungen. Dies war bekanntlich der wesentliche Grund für den energischen Protest Martin Luthers. Grundlegend richtete er sich gegen die Verknüpfung von finanziellen Interessen und soteriologischen Aussagen (Stichwort: Ablasshandel).

Die neu entstehenden Gemeinden und Kirchen behielten das parochiale System bei und damit die mit ihm verbundene Finanzierung der Pfarrerschaft (Stolgebühren). Insgesamt etablierten sich die deutschen evangelischen Kirchen als staatsanaloge Institutionen. Ihre Pfarrer fungierten als Religionsbeamte für die Obrigkeit und übernahmen standesamtliche und schulaufsichtliche Funktionen. Diese Grundstruktur wurde auch bei der zunehmenden Trennung von Staat und (evangelischer) Kirche beibehalten, wie die Zuerkennung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zeigt35 und die damit verbundene Berechtigung, Steuern zu erheben (und zwangsweise eintreiben zu lassen). Erst 1939 wurden in Bayern und ab 1950 in weiteren Landeskirchen eigene kirchliche Pfarrdienstgesetze erlassen, vorher genügten die staatlichen Ordnungen. Bis heute lehnt sich das Pfarrdienstrecht eng an das staatliche Beamtenrecht an. Berufsphänomenologisch gesprochen sind Pfarrer (und neuerdings auch Pfarrerinnen) bis heute Religionsbeamte.36


3.2 Die Stellung der Kirche in der Gesellschaft (und im Staat) befindet sich in einem Umbruch

Darauf weist äußerlich die Zahl der Kirchenmitglieder hin. Waren 1950 51,1% aller Deutschen (landeskirchlich) evang. und 44,3% röm.-kath., so sank ihr Anteil bis 2013 auf 28,9% bzw. 29,9%. Umgekehrt stieg die Zahl der statistisch »Sonstige« Genannten von 4,1% (1950) auf über 40%. Ohne auf die verschiedenen Ursachen dieser Entwicklung einzugehen, ist zu konstatieren: Die Kirchenmitgliedschaft verändert sich von der Selbstverständlichkeit zu einer Optionalität. Zugleich erweisen sich die institutionellen Strukturen Evang. Kirche demgegenüber als recht stabil bzw. starr. Ihr staatsanaloger Verwaltungsapparat, ihre parochiale Grundstruktur und auch ihr Finanzierungswesen scheinen von solch tiefgreifenden Veränderungen nicht oder nur wenig betroffen. In der pastoralen Praxis ist der Wandel aber wohl unübersehbar. Nur drei Beispiele:

– Veränderungen in der liturgischen Partizipation, weg vom zyklischen Sonntagsgottesdienst hin zu biografie- und gemeinwesenbezogenen Feiern

– die Mühen, KandidatInnen für Presbyterwahlen zu gewinnen, und die niedrige Wahlbeteiligung

– Auseinandersetzungen bei Kasualien hinsichtlich Getaufter, die keine Kirchenmitglieder mehr sind.

Organisatorisch ist für die Evang. Kirche in Deutschland nach wie vor das – landeskirchlich vermittelte – Parochialsystem grundlegend, flankiert durch vereins- und funktionskirchliche Elemente. Dass dies zunehmend in Spannung zu den tatsächlichen, durch Mobilität geprägten Lebensverhältnissen steht, wird in der Kirchenorganisation nur zögerlich berücksichtigt. Die Versuche kirchlicher Auftritte im Internet sind wesentlich vom Bestreben getragen, Informationen leicht zugänglich zu machen. Die möglichen Formen interaktiver Kontakte werden kaum wahrgenommen.


3.3 Vom Grundimpuls des Christentums her sind der enge Anschluss an die allgemeine Lebenswelt, die grundsätzliche Offenheit für alle Menschen sowie die den ganzen Menschen umfassende Zuwendung im Modus des Helfens zum Leben charakteristisch

Es geht bei der Kommunikation des Evangeliums nicht primär um die Erstellung oder Stabilisierung einer eigenen Sozialform. Im Zuge verschiedener Kontextualisierungen hat sich dies erheblich verändert. Emanuel Hirsch schrieb in seiner Theologiegeschichte des 19. Jh. kritisch: »Der Geschichte der evangelischen Theologie und Kirche im 19. Jahrhundert haftet die Eigentümlichkeit an, daß in einem Maße, welches keinem früheren Zeitalter, auch nicht dem der Reformation, bekannt ist, die Kirche selber, ihr Wesen, ihre Aufgabe, ihre Gestalt und Ordnung, ihr Verhältnis zum Staat und zum allgemeinen Leben überhaupt, der Gegenstand, wo nicht gar Mittelpunkt theologischen und kirchlichen Urteilens und Handelns wird. Langsam läuft die Bewegung in dieser Richtung an, um sich dann mehr und mehr zu steigern und im 20. Jahrhundert vielfach zu der merkwürdigen Erscheinung einer Kirche zu führen, die dadurch Gott und Christus am besten zu dienen meint, daß sie von sich selber, ihrer Hoheit, ihrer Vollmacht lehrt und sich selber – in jedem Sinne des Worts – erbaut und Gott für sich selber dankt und preist.«37

Das EKD-Impuls-Papier »Kirche der Freiheit« war wohl der Endpunkt dieser problematischen, dem Grundimpuls des Evangeliums widersprechenden Entwicklung. Ein Blick auf seine Zielvorgaben nach 10 Jahren macht sein Scheitern offenkundig.

Der hier vertretenen Hochschätzung von verfasster Kirche stehen tiefgreifende Veränderungen in der Kommunikationskultur entgegen, sofern sie sich auf Fragen der Daseins- und Wertorientierung erstrecken. Auf der organisatorischen Seite gilt es demnach heute, Kirche inmitten und in Bezug auf andere Sozialformen, in denen das Evangelium kommuniziert wird, zu profilieren.38 Sie fungiert dann wesentlich als ein Assistenzsystem für andere lebensweltlich gegebene Sozialformen wie Familie, Schule, Betriebe oder die Medien sowie diakonische bzw. caritative Organisationen. Während diese einen sehr direkten lebenspraktischen Bezug haben, kann Kirche durch den expliziten Rückbezug auf den christlichen Grundimpuls neue Horizonte eröffnen und gegenwärtige Praxis mitunter kritisch begleiten. Aufbrüche bei der Notfallseelsorge, der Schulseelsorge oder bei Palliative Care weisen die Richtung.

Für die konkrete Arbeit bedeutet dies, dass sich vermehrt Projektarbeit nahelegt – im diakonischen Bereich finden sich erste Erprobungen.39 Je nach konkreten Notwendigkeiten ist kirchliches Engagement gefragt. Es sei nur angemerkt. Auch »die Generation Y liebt projektbezogenes Arbeiten. Die innere Logik von Projekten motiviert sie deutlich mehr als starre Büroarbeitszeiten«40 oder vorgegebene Arbeitsroutinen.


4. Zusammenfassung und Ausblick

4.1 Die These, der Pfarrberuf sei ein »Schlüsselberuf« ist zu revidieren

Diese These scheint die PfarrerInnen hochzuschätzen, aber de facto überfordert sie sie. Der Abschied von dieser Vorstellung bedeutet deshalb für PfarrerInnen eine Entlastung. Die Zukunft der Kommunikation des Evangeliums liegt nicht vor allem auf ihren Schultern. Auf jeden Fall ist es eine wichtige Aufgabe, präzise die Besonderheit der PfarrerInnen gegenüber anderen Getauften zu bestimmen. Sie erschließt sich, wenn »Evangelium« medientheoretisch differenziert wird:41

Zum einen bezeichnet dieser Begriff ein Übertragungsmedium: Evangelium wird aktuell kommuniziert, etwa in einem Gespräch, einer gemeinschaftlichen Feier oder gegenseitigem Helfen zum Leben. Dabei wird die Gegenwart für das Wirken Gottes durchsichtig und es entsteht Hoffnung auf sein zukünftiges Handeln. An solchen Kommunikationen nehmen PfarrerInnen wie andere Getaufte teil, ohne in besonderer Weise hervorzutreten.

»Evangelium« heißt zum anderen ein »Speichermedium«, etwa in Form des »Evangeliums nach Matthäus« usw. Es bewahrt den von Jesu Auftreten, Wirken und Geschick ausgehenden Impuls durch schriftliche Fixierung. Erst dadurch konnte und kann er über größere Entfernungen räumlicher und zeitlicher Art kommuniziert werden. Und hier tritt die besondere Funktion der PfarrerInnen bei der Kommunikation des Evangeliums zu Tage. In ihrer theologischen Ausbildung (sowie Fort- und Weiterbildung) erschließen sie sich nämlich einen exegetischen, christentumsgeschichtlichen, systematischen und gegenwartsbezogenen Zugang zu diesem Speichermedium (was insgesamt die ganze Bibel umfasst). Dies ermöglicht ihnen, auf den Anschluss der gegenwärtigen Kommunikation des Evangeliums (als Übertragungsmedium) an das Speichermedium zu achten. Deshalb konnte Luther ganz lapidar als Grundanforderung an die Pfarrer formulieren, dass sie »geschickt seien, die schrifft verstehen und auslegen, der sprachen kundig seien und reden können« (WA 22,184).

Der Pfarrberuf erweist sich so als ein theologischer und damit kommunikativer Beruf. PfarrerInnen haben dafür zu sorgen, dass sich Christen auf ihrem Taufweg – und damit auch die, die erst auf die Taufe zugehen – an den Impulsen orientieren können, die vom Auftreten, Wirken und Geschick Jesu ausgehen und durch die Christentumsgeschichte bis heute ausstrahlen. Dieses Verständnisses des Pfarrberufs steht in Spannung zum Pfarrer als Vereinsvorsitzenden. Theologisch impliziert die vorgeschlagene Profilierung eine Weitung des Kreises von Menschen, an die sich pastorales Handeln wendet.


4.2 Die verbreitete Reduktion des Kirchenverständnisses auf die Ortsgemeinden bzw. Landeskirchen bzw. sonst irgendwie institutionalisierte Formen ist zu überwinden

Die Herausbildung einer vereinsförmigen Organisation von Kirche ist eine bedeutende Leistung der Kontextualisierung der Kommunikation des Evangeliums gegen Ende des 19. Jh. Sie nahm die damals neue und moderne Sozialform des Vereins auf. Diese ist jedoch seit einiger Zeit im Niedergang begriffen. Die Kommunikation des Evangeliums ist nicht an diese Organisationsform gebunden.

Theologisch weitet in dieser Situation der Blick auf den ntl. Gebrauch von »Ekklesia« den Horizont. Für den Pfarrberuf bedeutet dies, dass Entwicklungen, die sich in der Praxis bereits abzeichnen wie Funktionspfarrämter oder übergemeindliche Beauftragungen, nicht nur als eventuell verzichtbares Zusatzprogramm gering geschätzt werden. Vielmehr ist es der Auftrag des Pfarrers/der Pfarrerin, die Kommunikation des Evangeliums in vielfältigen Sozialformen wie Familie, Nachbarschaft, Betrieben, aber auch social communities zu unterstützen. Entsprechend der Fluidität gegenwärtiger Verhältnisse nimmt die Bedeutung fester, hierarchisch geordneter Strukturen und Stellenpläne ab.

Gegenwärtig dürfte wohl die Begleitung der »Ekklesiai«, wie sie die multilokalen Mehrgenerationenfamilien bilden, besonders wichtig sein. Das Bemühen um sorgfältig gestaltete Kasualien – im Sinn der »liturgischen Arbeit mit den Beteiligten«42 – ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Konzept des »gemeinwesenorientierten Gemeindeaufbaus«43 vermittelt diese Aufmerksamkeit für bestehende Sozialformen mit herkömmlicher pastoraler Arbeit in Parochien und macht ernst damit, dass das Evangelium vielfach außerhalb der organisierten Kirche kommuniziert wird.


4.3 Die Entwicklung des Pfarrberufs zum Religionsbeamten bzw. zum Vereinsvorsitzenden ist zu überprüfen

Kommunikationstheoretisch gesehen sind Beamte Organe einer Institution, die autoritativ für geordnete Abläufe sorgen. Es ist eines ihrer wesentlichen Merkmale, dass die Persönlichkeit hinter die übertragene Funktion zurücktritt. In einer Optionsgesellschaft, in der in Fragen der Daseins- und Wertorientierung vor allem in der Form Authentizität kommuniziert wird, verliert das der Form Autorität verpflichtete Organisationsmodell Beamter an Überzeugungskraft. Es kann sogar Kommunikation behindern.

Kirchentheoretisch ist an die Nebenfolgen der öffentlich-rechtlichen Dienstverhältnisse der PfarrerInnen zu erinnern, konkret die Belastung der landeskirchlichen Haushalte durch die sich auf die nächsten 60 Jahre erstreckenden Pensionsverpflichtungen. Diese komfortable Form der Versorgung setzte eine institutionelle Stabilität voraus, die – wenn man die Entwicklung der letzten 60 Jahre hochrechnet – so nicht angenommen werden kann. Dazu steht sie mit ihrem Bezug auf die ganze Lebenszeit in Spannung zur Offenheit der Lebensentwürfe bei vielen Menschen der Y-Generation.


4.4 Hinsichtlich der Ausbildung empfiehlt sich eine größere Flexibilisierung

Eine Berufsausbildung, die eindimensional auf einen Beruf zuläuft und etwa 10 Jahre umfasst, spricht vor allem an Kontinuität interessierte junge Menschen an. Dem steht aber die Grundhaltung der Y-Generation entgegen – sei es aus gesellschaftlichen Gründen erzwungen, sei es als Freiheitsgewinn realisiert.

Angesichts der skizzierten, bleibenden Aufgabe der PfarrerInnen für die Kommunikation des Evangelium, nämlich den Rückbezug auf das Speichermedium und den Anschluss an Jesu Grundimpuls zu gewährleisten, wird die Ausbildung zu PfarrerInnen anspruchsvoll bleiben müssen. Doch zugleich ist dem Rechnung zu tragen, dass sich Theologie zunehmend mit anderen Fächern vernetzt (Stichworte: Zweit- bzw. Drittfach, interdisziplinäre Forschung). Von daher verdient das Marburger Master-Modell große Aufmerksamkeit. Es bietet den Anschluss an bisherige akademische Theologie und öffnet sie zugleich für Menschen, die in anderen Studien bzw. Berufen bereits Erfahrungen gesammelt haben. Damit würde der Entwicklung Rechnung getragen, dass viele Menschen heute nicht mehr ihr ganzes Leben in einem Beruf tätig sein wollen bzw. können.


Anmerkungen:

1 Vortrag bei der Konsultationstagung des Pfarrverbands in Kassel am 16.1.2016.

2 Die folgenden Hinweise entstammen Christian Grethlein, Pfarrer – ein theologischer Beruf!, Frankfurt 2009, 32f.

3 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 51991, 476.

4 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1, München ²1991, 578.

5 Das hing damit zusammen, dass ein Großteil des Stiftungskapitels von jüdischen Kaufleuten stammte.

6 Dabei muss berücksichtigt werden, dass im Gegensatz zu früher (Stichwort: »universitas litterarum«) heute auch Hochschulen ohne ein umfassendes Fächerspektrum »Universitäten« heißen.

7 S. Christian Grethlein/Lisa Krengel, Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf die Evangelische Theologie, in: US 66 (2011), 103-112, 109.

8 S. auch aus seiner Primärerfahrung als Hochschullehrer ähnlich Volker Drecoll, Dem Nachwuchs nicht im Wege stehen. Bemerkungen zur Situation der Theologiestudierenden, in: DPfBl 115 (2015), 210-215, 212.

9 S. Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht, Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert, Weinheim 2014.

10 Oliver Jeges, Generation Maybe. Die Signatur einer Epoche, Berlin 2014.

11 Zum signifikanten Zusammenhang zwischen den zu Beginn des Studiums vorhandenen Lateinkenntnissen und dem Studienerfolg, s. Thomas Heller, Studienerfolg im Theologiestudium. Exemplarische Befunde einer deutschlandweiten Panelstudie zur Identifizierung und Quantifizierung persönlicher Bedingungsfaktoren des Studienerfolgs bis zum fünften Semester bei Studierenden der Evangelischen Theologie (Pfarr-/Lehramtsstudiengänge), Jena 2011, 231f.

12 David Käbisch, »Das Latinum schaffe ich nie …« Überlegungen zu einer Didaktik der Alten Sprachen für Theologiestudierende, in: Thomas Heller/Michael Wermke (Hg.), Universitäre Religionslehrerbildung zwischen Berufsfeld- und Wissenschaftsbezug, Leipzig 2013, 146-162.

13 S. Ulrike Wagner-Rau, Neben dem Beruf Theologie studieren. Der Marburger Masterstudiengang Evangelische Theologie, in: PTh 97 (2008), 463-470.

14 S. zum Folgenden, auch mit entsprechenden Belegen Christian Grethlein, Praktische Theologie, Berlin 2012, 463-467.

15 Ein eindrückliches Dokument hierfür ist Johann Spalding, Ueber die Nutzbarkeit des Predigtamtes und deren Beförderung (SpKA I/3), hg. v. Tobias Jersak, Tübingen 2002 (1772; ²1773; ³1791).

16 S. zu den entsprechenden Ansätzen im Überblick Christian Möller, Lehre vom Gemeindeaufbau Bd. 1, Göttingen ²1987, 148-154.

17 Bereits seit längerem ist vor allem bei jüngeren Menschen das Vertrauen zur Kirche im Vergleich zu anderen Institutionen bzw. Organisationen unterdurchschnittlich (s. z.B. Shell Deutschland Holding (Hg.), Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch, Frankfurt Oktober 2015, 177).

18 Die folgenden Angaben entstammen Karl-Wilhelm Dahm, Pfarrer/Pfarrerin VI. Statistisch, in: 4RGG Bd. 6 (2003), 1204-1212, 1205f.

19 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.), Evangelische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben 2015, Hannover 2015, 21.

20 Dieter Becker, Pfarrberufe zwischen Praxis und Theorie. Personalplanung in theologisch-kirchlicher und organisationsstrategischer Sicht (Empirie und Kirchliche Praxis 3), Frankfurt 2007, 242-244; vgl. Drecoll, Nachwuchs, 213f.

21 S. ausführlich Dieter Becker/Karl-Wilhelm Dahm/Friederike Erichsen-Wendt (Hg.), Arbeitszeiten im heutigen Pfarrberuf – Empirische Einsichten und Analysen zur Gestaltung pastoraler Arbeit (EuPK 5), Frankfurt 2009.

22 Herbert Lindner, Kirche am Ort. Ein Entwicklungsprogramm für Ortsgemeinden, Stuttgart ²2000, 94.

23 S. z.B. Elisabeth Hoffmann/Sabine Pokorny, Wie tickt die Jugend, in Analysen & Argumente Ausgabe 139 (Jan. 2014), 1-8.

24 S. z.B. Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (Hg.), Gut, gerne und wohlbehalten arbeiten. Handreichung für die Erstellung von Dienstordnungen für Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, München 2015, 14f.

25 S. Drecoll, Nachwuchs, 214.

26 S. zum Folgenden Jan Hermelink, Das Pfarrdienstgesetz der EKD – in praktisch-theologischer Perspektive, in: ZevKR 57 (2012), 263-285, v.a. 283-285.

27 Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.), Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover o.J. (2006), 71.

28 S. genauer Peter Bubmann, Zum Miteinander der Berufsgruppen. Empirische und konzeptionelle Anstöße, in: Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 70 (2015), 251-257, 251f.

29 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.), Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis. V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Hannover 2014, 27.

30 A.a.O., 96.

31 Alexandra Eimterbäumer, Pfarrer/innen. Außen- und Innensicht, in: Jan Hermelink/Thorsten Latzel (Hg.), Kirche empirisch. Eine Werkbuch zur vierten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft und zu anderen empirischen Studien, Güters­loh 2008, 375-394, 379.

32 S. Armin Nassehi, Religiöse Kommunikation: religionssoziologische Konsequenzen einer qualitativen Untersuchung, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.), Woran glaubt die Welt. Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2009, 169-203, 186-190.

33 S. Antje Schrupp, Inside – aus der Perspektive einer Bloggerin und evangelischen Publizistin, in: Ilona Nord/Swantje Luthe (Hg.), Social Media, christliche Religiosität und Kirche. Studien zur Praktischen Theologie mit religionspädagogischem Schwerpunkt (POPKULT 14), Jena 2014, 431-440.

34 S. Hans-Joachim Eckstein, Gottesdienst im Neuen Testament, in: Ders./Ulrich Heckel/Birgit Weyel (Hg.), Kompendium Gottesdienst, Tübingen 2011, 22-41, 40.

35 S. Stefan Magen, Körperschaftsstatus und Religionsfreiheit. Zur Bedeutung des Art. 137 Abs. 5 WRV im Kontext des Grundgesetzes (JusEcc 75), Tübingen 2004.

36 S. zu den damit gegebenen Problemen für heutige Studierende Drecoll, Nachwuchs, 212.

37 Emanuel Hirsch, Geschichte der neuern evangelischen Theologie Bd. 5, Münster 1984 (Gütersloh ³1964), 145.

38 Vgl. auch die differenzierten Bestimmungen von Auftrag und Aufgabe von Kirche in Eberhard Hauschildt/Uta Pohl-Patalong, Kirche (Lehrbuch Praktische Theologie 4), Gütersloh 2013, 409-438.

39 S. Ellen Eidt, Kirche im Projektstress? Reflexion der Evaluationsergebnisse eines Diakonatsprojekts für die kirchliche Organisationsentwicklung, in: Dies./Claudia Schulz (Hg.), Evaluation im Diakonat. Sozialwissenschaftliche Vermessung diakonischer Praxis (Diakonat – Theoriekonzepte und Praxisentwicklung 4), Stuttgart 2013, 490-514; Ellen Eidt, Wie kann ein geistliches Amt zum Projektthema werden? Diakonat zwischen Ämterfragen und Projekterfordernissen, in: Annette Noller/Ellen Eidt/Heinz Schmidt (Hg.,), Diakonat – theologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven auf ein kirchliches Amt, Stuttgart 2013, 207-225.

40 Hurrelmann/Albrecht, Revolutionäre, 227.

41 S. zur folgenden medientheoretischen Differenzierung Jochen Hörisch, Der Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien, Frankfurt 2001, 71f.

42 Kristian Fechtner, Kirche von Fall zu Fall. Kasualien wahrnehmen und gestalten, Gütersloh ²2011, 171.

43 S. Ralf Kötter, Das Land ist hell und weit. Leidenschaftliche Kirche in der Mitte der Gesellschaft, Berlin 2014.

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Christian Grethlein, Jahrgang 1954, nach dem Studium der Evang. Theologie und der Philosophie Vikar in München und Pfarrer und Religionslehrer in Regensburg, 1983 Promotion zum Dr. theol., 1986 Habilitation im Fach Prakt. Theologie, 1988-92 Dozent und Prof. für Prakt. Theologie an der Kirchl. Hochschule Berlin, 1992-97 Prof. für Rel.pädagogik an der Universität Halle-Wittenberg, seit 1997 Prof. für Prakt. Theologie in Münster.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2016

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